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Thomas Oberender: Leben auf Probe.

Leben auf Probe

Minima Theatralika

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Das kleine Werk des Dramaturgen und Autoren Thomas Oberender ist mit Sicherheit das nachdenklichste und schwärmerischste Buch über das Theater. "Leben auf Probe" heißt es. Darin ist er auf der Suche nach der Magie. Von Peter Michalzik

Der Dramaturg und Autor Thomas Oberender hat ein schönes Buch über das Theater geschrieben. Das ist nicht ungewöhnlich. Trotzdem schwieg der Buchmarkt längere Zeit zu dem Thema. Jetzt gibt es mit einem Mal mehrere Bücher über Theater. Oberenders kleines Werk ist darunter mit Sicherheit das nachdenklichste und schwärmerischste. "Leben auf Probe" heißt es, Untertitel "Wie die Bühne zur Welt wird".

Es fessele und fasziniere ihn vor allem am Theater, schreibt der Autor zu Beginn, dass ihm das Leben auf Probe zur eigentlichen Lebensschule werden konnte. Das macht er im Folgenden tatsächlich glaubhaft. Er begreift die Probe als eine emphatische Ausnahmesituation, in der das Leben intensiver stattfindet. Dieser Begriff vom Theater ist alt, in der letzten Zeit ist er etwas aus der Mode gekommen, Oberenders Ansatz hat also durchaus etwas Restauratives.

Er bedient sich dazu einer erlesenen, langsamen Sprache, die die Phänomene des Probens, des Sich-Verwandelns, in eine Rolle Schlüpfens immer wieder neu beleuchtet. Ein ruhiges Wahrnehmen und Nachdenken prägt diesen Stil: Reflexe und Reflexionen, wie sie sich zur Zeit am ehesten in der Prosa von Botho Strauß finden, den Oberender sehr verehrt. Das Theater erscheint hier als magischer Vorgang, Oberender arbeitet am Geheimnis des Theaters oder besser: Er gibt dem Theater ein Geheimnis zurück. Immer wieder geht es dabei um den Moment der Verwandlung, man könnte auch sagen der Verschmelzung von Rolle und Schauspieler. Man kann das nüchtern betrachten, jemand tut so, als sei er ein anderer, man kann aber auch sehr viel über den Menschen an sich herauslesen und diesen Moment so immer weiter aufladen. Es ist eine Art von Beschwörung, was Oberender tut, die Verteidigung eines alten, emphatischen, magischen Begriffs der Arbeit auf der Bühne.

Wer sich diesem Moment nähert, spricht fast notwendigerweise in paradoxen Ausdrücken. "denn was im Theater Gegenwart wird, beruht auf der Vergangenheit der Texte, die Fleisch werden im Spiel."

Manchmal ist das leicht überinstrumentiert: Wenn ein Falter sich im Bühnenlicht verirrt, beschreibt Oberender den Blick des Publikums so: " und verfolgt den Flug des Insekts wie eine irritierende Bildstörung, die gleichwohl fasziniert und alles Verabredete und künstlich Gemachte mit einer unsteuerbaren Eigengesetzlichkeit konfrontiert, die sehr lebendig wirkt, wenngleich deplaziert, bedrohlich, wie ein Hohn auf all die absichtsvollen Gebärden der Schauspieler, über denen hinweg nun der Falter durchs Licht tanzt."

Und natürlich hat auch diese Sichtweise ihren blinden Fleck. Das moderne dokumentarische, nicht-fiktionale Theater kann Oberender nur als Kehrseite des großen Verwandlungsspiels begreifen: "Doch dieses Nonfiction-Theater wird nicht dokumentarisch oder authentisch sein, sondern so fiktional wie nie zuvor", schreibt er. Oberender nennt dieses Theater ein Theater des Tages gegenüber dem Theater der Nacht, das in Schauspielhäusern stattfindet. "Aber auch dieses Theater des Tages lügt, um die Wahrheit zu sagen." Das hört sich gut an, hier aber geht die poetische Sprache an der Sache vorbei.

Aber diese Sprache führt auch immer wieder tief hinein in jenen Moment im Innern des Schauspiels. Dabei gelingen Oberender dann sehr, sehr schöne Überlegungen, etwa wenn er vermutet, dass das Erscheinen des Regisseurs im Theater die Antwort auf das Problem der Glaubwürdigkeit ist, das auftauchte, als das Theater als artifizielle Kunstform sichtbar wurde. Ebenfalls schön eine Reflexion über die Dialektik zwischen dem Leben auf der Bühne und im Leben selbst: "In einer erprobten Gegenwart eröffnen sich ihm Freiheitsgrade, denen man sich jenseits der Bühne nur graduell nähern kann", schreibt er über den Schauspieler und seine Möglichkeiten.

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