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Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass, 2009.

Günter Grass

Das milde gestimmte "Gewissen der Nation"

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"In letzter Zeit - Ein Gespräch im Herbst", so der Titel eines Gesprächsbandes. Es zeigt einen milden Günter Grass im Dialog mit Heinrich Detering.

Die arg strapazierte Zuschreibung, das „Gewissen der Nation“ zu sein, hat Günter Grass nicht nur in sachlicher Hinsicht gestört, sondern auch in semantischer. „Mal angenommen“, sagt er seinem Gegenüber Heinrich Detering in dem Gesprächsfragment „In letzter Zeit“, „eine Nation hätte ein Gewissen (…), dann ließe sich dieses Gewissen jedenfalls nicht an eine einzelne Person delegieren, so als sei das eine Entlastung der Nation.“

Von der fragwürdigen Metapher, die nicht zuletzt auch die ihm oft nachgesagte Eitelkeit berührt, gelangt Grass schnell zur unterschwelligen geschichtspolitischen Bedeutung, die sich womöglich mit ihr verknüpft. Das ist er doch, der Grass, den man noch vor Augen hat. Beharrlich, knurrig, streitlustig.

Und doch ist es ein ganz anderes Grass-Bild, das der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering da in mehreren unabgeschlossenen Gesprächen über Grass’ Bücher und deren literaturhistorischen Kontext vermittelt. Verletzlicher, nachdenklicher und im Bewusstsein der allerletzten Zeit, die ihm noch blieb. Eine Bronchitis hatte Grass im Winter 2015 geschwächt, aber Ende März schrieb er an Detering: „Ich werde im Verlauf des Aprils beide Konvolute noch einmal gründlich lesen und gewiss einige Bemerkungen dazu notieren.“

Günter Grass als aufmerksamer Zeitgenosse

Dazu kam es dann nicht mehr, Grass starb am 13. April 2015 im Alter von 87 Jahren. Anstatt ein konzentriertes Werkstattgespräch zu sein, treiben die Gespräche mal hier- und mal dorthin, und Günter Grass entpuppt sich darin als aufmerksamer Zeitgenosse. An den Nachrufen auf seinen Freund Siegfried Lenz missfällt ihm die Überbetonung des Wörtchens „sanft“. „Das ist eine Entschärfung. Denn Lenz ist auf seine Art sehr präzise und genau und dann auch unerbittlich gewesen.“

Die Debatten, in die Grass sich hineinbegeben hat und in die er oft auch hineingezogen wurde, scheinen noch einmal auf. Aber Grass spricht hier nicht als jemand, der das letzte Wort haben will. Nicht selten sind es gelassene Nachträge von einem Schriftsteller, der zeitlebens doch auch darunter gelitten haben mag, als politischer Rechthaber und nicht als Grafiker, Bildhauer und sprachgenauer Stilist wahrgenommen zu werden. Und zu dem Gefühl, in tosenden Kämpfen mitunter ganz allein dagestanden zu haben, sagt Grass lakonisch: „Ich habe zu viele beflissen schweigende Freunde.“

Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering tritt dabei weniger als kritisches Gegenüber denn als sympathisierender Stichwortgeber auf. Die Nähe zu Grass ergab sich wohl auch dadurch, dass Detering es bei vorangehenden Begegnungen verstand, den Nobelpreisträger mit intimer Werkkenntnis zu verblüffen. Und vielleicht auch mit einer gewissen Ehrlichkeit. Als die beiden unvermeidlich über Grass’ Dauerfeinde aus dem Feuilleton ins Gespräch kommen, gesteht Detering, dass er im Feuilleton der FAZ einst über den Roman „Unkenrufe“ geurteilt habe, ohne ihn überhaupt gelesen zu haben. Die Suada gegen das ahnungslose Feuilleton aber bliebt aus. Grass ist milde gestimmt.

Günter Grass/Heinrich Detering:

In letzter Zeit. Ein Gespräch im Herbst. Steidl, Göttingen 2017. 128 S., 14 Euro.

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