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Die Lebenden vergessen nicht, die Toten, schreibt George Saunders, auch nicht. Engel auf einem alten Friedhof in Charleston.

"Lincoln im Bardo"

Milchschluck am Tagesende

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"Lincoln im Bardo", George Saunders? lebenspraller, aberwitziger Roman über Präsidenten und Spukgestalten.

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen: In diesen zuerst in einem gregorianischen Choral belegten Satz lässt sich „Lincoln im Bardo“ verkürzen und konzentrieren. Noch besser aber wohl in seiner Umkehrung: Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen. Oder auch: nach Leben hungernd, das Leben verzweifelt zurücksehnend. Es beschwörend in Erinnerungen. 

Diejenigen, die in diesem ersten Roman des für seine exquisit seltsamen Short Stories bekannten, 1958 geborenen George Saunders im Bardo, dem „Übergangszustand“ des tibetischen Buddhismus, ausharren, sie wollen nicht lassen vom Leben. Koste es, was es wolle – und dieses Zwischenreich, es (es? oder eine höhere, göttliche Macht?) versteht sich aufs Quälen. Und aufs infamste In-Versuchung-führen, doch noch nach drüben, in ein endgültig anderes Sein zu wechseln. Aber würden die Seelen zugeben, dass ihre Körperhüllen tot sind (und eben nicht nur in einer „Kranken-Kiste“ liegen), müssten sie auch zugeben, dass sie nicht zurück können. Nie mehr. 

Und dann kommen die Lincolns, Abraham und Willie, trauernd der Vater, gerade am Typhus gestorben der elfjährige Sohn – und Willie, schon im Leben geradeheraus, bringt Bewegung ins Bardo: „Tot, sagte der Junge. Leute, wir sind tot!“ Und: „Warum hierbleiben? Das bringt doch nichts. Wir sind fertig. Seht Ihr das nicht?“ Aufruhr und Chaos. Hier Ergebenheit und da Gegenwehr. Jedenfalls ein Poff! nach dem anderen – Saunders nennt den plötzlichen Zustandswechsel „Materienlichtblüte“ – und das Bardo leert sich ziemlich. 

Zeitgenössische Zeugnisse über einen heftig – damals fand man wohl: übermäßig – trauernden Abraham Lincoln, just als er auch die Entscheidung zu treffen hatte, ob der blutige (Bürger-)Krieg fortzusetzen war, ob weitere junge Männer geopfert werden sollten, solche Zeugnisse waren Auslöser für einen Roman, der die Fülle des Lebens originellerweise in einer Art ungutem Jenseits abbildet – am ehesten vielleicht noch vergleichbar mit dem katholischen Fegefeuer. 

„Lincoln im Bardo“ enthält Lebensläufe, die vom Gurkenfabrikanten bis zum Sklaven reichen und vom Geistlichen bis zur vielfach vergewaltigten, darum verstummten jungen Frau. Es enthält eine Fülle an Sinneseindrücken. Es enthält „Eistaucherruf im Dunkeln; Wadenkrampf im Frühling; Nackenmassage in der guten Stube; Milchschluck am Tagesende.“ Auch im Bardo reden die Leute, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, fluchen und schimpfen und machen auf vornehm. Auch im Bardo bereut man und schämt sich, sind einem die anderen egal oder versucht man zu helfen, ist man Rassist, Sexist, Prügler, Schandmaul. Täter oder Opfer. 

Drei Haupterzähler baut Saunders auf, allesamt seit längerer Zeit im Bardo. Roger Bevins III war unglücklich in einen jungen Mann verliebt und schnitt sich die Pulsadern auf. Noch im Leben, auf dem Küchenboden bereute er es, aber es war zu spät (freilich besteht er wie die anderen darauf, dass er es noch schaffen kann zurückzukehren). Hans Vollman, Drucker, heiratete eine weit jüngere Frau, behandelte sie so achtsam, dass schließlich Liebe entstand – aber just, als Vollman sich auf den Vollzug der Ehe freute, fiel ihm ein Balken auf den Kopf. Ach, wie sehr möchte er zurück zu seiner lebensblühenden jungen Frau. Reverend Everly Thomas, der dritte, hat ein Geheimnis: Stets war er um Rechtschaffenheit bemüht, ist in Frieden mit sich und seinem Gott und guten Gewissens gestorben – aber es scheint irgendwie nicht gereicht zu haben für einen direkten Weg ins Paradies. Ungewissheit und Angst halten ihn im Bardo fest. 

Geister toben also durch diesen Roman, sind einerseits höchst munter, maulig, widerständig, können andererseits nichts anrichten und sich nicht, wie Gespenster, zeigen – durch Lebende gehen sie einfach spurlos hindurch. Roger Bevins, Hans Vollman und der Reverend versuchen trotzdem, Präsident und Vater Lincoln mit geballter Gedankenkraft zu beeinflussen. Sie sind freilich weniger als ein Windhauch, die Bardo-Bewohner. 

Es brauche also, fand Saunders mit Blick auf den Leser, die Leserin, eine Erdung, eine Verankerung für dieses jenseitige Treiben. Und setzt darum Kapitel mit Zitaten aus historischen Quellen dazwischen – und wo nötig, erfindet er passende Zitate. Bei der Lektüre erscheint es einem im Übrigen völlig unerheblich, was hier Originaltext und was gut erfunden ist: Es entstand jedenfalls bei dieser Leserin keinerlei Bedürfnis, im Internet nach der Quellenlage zu forschen. „Und da saß der Mann, eine Last auf dem Haupt, über welche die Welt sich wundert“ – ein echtes Zitat aus einem Lincoln-Buch, „Willis, ebda.“? „In den letzten Tagen war er übermäßig gealtert“ – aus „Smith-Hill, ebda.“? Wen schert’s, fügen sich die Sätze zuletzt doch zu einem zutiefst menschlichen Porträt. 

„Lincoln im Bardo“ ist eine aberwitzige, wilde, traurige, frank-und-freie, manchmal überkandidelte Fantasie. Ob die Zwischenreich-Bewohner wirklich einen Riesenpenis (Vollman) oder zahlreiche Augenpaare (der lebensgierige Bevins) brauchten? Ob Ranken wie im Horrorfilm Willie fesseln müssten? Manche Szene wie aus einem Gruselschocker hat Saunders sich ausgedacht, gegen Ende nimmt die grelle Action zu – und müsste eigentlich nicht sein. Denn das Dunkel-Zarte, die Trauer des Vaters, so überzeugend geschildert, klingen stärker nach. Auch die Figuren in ihrem außergewöhnlichen und stinknormalen Leben, wie es einmal war. „Dies, wie alles, hat als Nichts angefangen, schlummernd in einer enormen Energiesuppe, aber dann fanden wir Namen dafür und Liebe und brachten auf diese Weise alles voran.“ (Bevins, als er sich zuletzt aus dem Bardo verabschiedet.) 

George Saunders findet Namen, viele Namen, darunter auch viele für die Liebe. Ein bisschen weniger Mummenschanz dazwischen hätte seinen Roman noch größer gemacht. 

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