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Aus der Idylle Neuenglands stammt die Protagonistin des Romans „Die Glasglocke“.
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Aus der Idylle Neuenglands stammt die Protagonistin des Romans „Die Glasglocke“.

Sylvia Plath

Die Milch am Bett

Sylvia Plath beschreibt in ihrem Roman „Die Glasglocke“ den Lebensweg der wohlbehüteten Tochter aus Neu-England in die Psychiatrie

Von Lutz Lichtenberger

„An diesem Morgen hatte ich versucht, mich zu erhängen.“ Aber die 20-jährige Esther Greenwood hat Schwierigkeiten, denn die Decken im Haus sind die falschen. Sie findet weder einen Lampenhaken noch einen Holzbalken, an dem sie den Seidengürtel des gelben Bademantels ihrer Mutter befestigen könnte. Schließlich versucht Esther, die Schlinge um den Hals einfach zuzuziehen. Aber sobald es eng wird, sobald sie „ein Rauschen in den Ohren“ hört, spürt, wie ihr „das Blut ins Gesicht“ steigt, muss sie ablassen. „Da begriff ich, dass mein Körper allerlei Tricks kannte, zum Beispiel, meinen Händen im entscheidenden Moment die Kraft zu rauben, mit denen er sich immer wieder rettete, während ich, wenn ich allein das Sagen gehabt hätte, von einem auf den anderen Augenblick tot gewesen wäre.“

Die kluge, strebsame Schülerin, das sprichwörtliche All-American Girl Esther Greenwood ist die Heldin und Alter Ego Sylvia Plaths in ihrem Roman „Die Glasglocke“. In aller detailfreudigen Ruhe und heruntergekühltem Ton – getreu dem Motto Gottfried Benns, man müsse „das Material kalt halten“ – beschreibt Plath den Weg Esthers von der wohlbehüteten Tochter aus Neu-England, Praktikantin bei einer Frauenzeitschrift in New York und Freundin des untreuen Buddy Willards, zur Insassin einer psychiatrischen Anstalt.

Wenige Wochen nachdem das Buch 1967 unter Plaths Namen in Großbritannien erscheint – vier Jahre zuvor war es unter einem Pseudonym auf den Markt gekommen – legt Plath ihren Kopf in den Ofen ihrer Londoner Wohnung, nachdem sie zuvor noch die Tür zum Schlafzimmer ihrer zwei Kinder gasdicht verschlossen und Brot und Milch an die Betten gestellt hat. Plath war 30 Jahre alt.

Der Deutungskampf über Leben und Werk der Dichterin hat eine Flut von Biographien erzeugt, die unablässig die Briefe und Tagebücher obduzieren und Plaths Ehemann, den britischen Poet Laureate Ted Hughes und Plaths Mutter für den Selbstmord verantwortlich machen wollen. Sylvia Plath selbst ist darüber zu einem literarischen Popstar geworden. Einzuwenden ist gegen diesen Status nichts, wenn er denn von der wachsamen Lektüre nicht abhält. Plaths Gedichte und die „Glasglocke“ sind ein Blick in Abgründe, Verachtung, Verrat, Krankheit der Seele. Aber sie sind darin auch Bejahung und Heiligung des Lebens. Sie sind jene Kunstform der Einübung in den Schmerz durch Literatur, die, wenn man durch sie hindurch ist, einen das Helle wieder erkennen lässt. Sylvia Plath wäre heute strahlende 80 Jahre alt geworden. Es ist dagegen nichts und zugleich alles: Esther Greenwood lebt bis heute.

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