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Milan Kundera 1973 mit seiner Frau Vera in Prag.

Milan Kundera

Der Roman ist nicht tot 

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Milan Kundera, einer der großen Autoren des 20. Jahrhunderts, wird neunzig Jahre alt. 

Wir Leser sind untreue Gesellen. Lange Jahre mögen wir dem Autor folgen, in den Buchhandlungen Ausschau halten nach seinen Büchern. Aber mit einem Male oder auch schleichend schieben sich andere Autoren vor die einst geliebten. Wir sind auf der Suche nach neuen Sensationen. Neue Schauplätze, neue Geschichten aus unbekannten Weltgegenden. Manchmal verabschieden wir uns auch von der Schönheit der langen Perioden und wechseln hinüber ins Lager der Liebhaber der kurzen Sätze. Oder wir wenden nach der jugendlichen Vorliebe fürs Stakkato uns der erinnerungsschweren Kunst der Elegien zu.

Milan Kundera wurde heute vor neunzig Jahren in Brünn geboren. 1975 erhielt er eine Dozentur in Rennes. Die tschechoslowakische Regierung hinderte ihn nicht daran, sie anzunehmen. 1978 zog Kundera nach Paris und lehrte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales. Im selben Jahr erschien sein Roman „Das Buch vom Lachen und Vergessen“. Er trug ihm den Entzug der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft ein. 1981 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft. Seit 1993 schreibt Kundera auf Französisch.

Kundera wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Mitglied der Kommunistischen Partei, 1950 wurde er schon wieder ausgeschlossen, 1967 wieder aufgenommen und 1970, er war einer der Protagonisten des Prager Frühlings gewesen, verabschiedete sich die Partei endgültig von ihm.

Seine Arbeiten aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren lässt er nicht wieder veröffentlichen. Man wirft ihm darum manchmal vor, er wolle etwas verbergen. Man sollte aber nicht vergessen: Nicht jeder ist Autor von Anfang an. Manche kämpfen sich mühsam durch tausend Anpassungen und Imitationen durch, bis sie zu sich selbst gefunden haben. Sie mögen das alte Ich nicht, das noch nicht ihres war. Sie sind froh, die Schlacken abgeworfen zu haben. Es ist ja schlimm genug, dass man veröffentlicht, dass also jedermann sehen kann, wer man vor dreißig, vierzig Jahren war und wer man heute ist. Es gehört ein großer Narzissmus dazu, das zu ertragen.

Kundera habe, so glaubt ein Historiker belegen zu können, 1950 einen 22-jährigen antikommunistischen Aktivisten bei der Polizei angezeigt. Der junge Mann habe daraufhin 14 Jahre in einem Uranbergwerk arbeiten müssen. Das Dokument trug nicht die Unterschrift Kunderas. Kundera erklärte, mit dem ihm völlig unbekannten Vorgang nichts zu tun gehabt zu haben. Wir wissen nicht, was stimmt. Das Dokument sei echt, heißt es. Das sagt nur, dass es ein Dokument des tschechoslowakischen Geheimdienstes ist. Über die Richtigkeit der in ihm behaupteten Tatbestände ist damit noch gar nichts gesagt.

Mit Milan Kundera sind wir im Mitteleuropa des Kalten Krieges. Im Aufbruch, den für viele seiner Generation der Kommunismus war und im zweiten Aufbruch, der der Abschied von ihm war. Der oft zunächst keiner war, sondern die Idee eines besseren, eines wirklichen Kommunismus, eines mit einem menschlichen Gesicht. Vielleicht ist das Buch schon geschrieben, das die langen Umwege beschreibt, die immer neue Generationen von „Renegaten“ hervorbrachte.

Es war der Kundera, der von den Hoffnungen erzählte, von ihrem Scheitern auch, der den Bildern von Panzern, die in Menschen hineinfuhren, den Titel gab von der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“, der Meister eines aufgeklärten, aber dennoch süßen Schmerzes.

Das Stichwort ist schon gefallen: Mitteleuropa. Das Wort erinnerte daran, dass die Grenze zwischen Ost und West nicht die Oder war. Was nach dem Zweiten Weltkrieg Osteuropa genannt wurde, weil es der Sowjetunion unterstellt worden war, war in Wahrheit Mitteleuropa. Es hatte kulturell Jahrhunderte lang näher an Paris als an Moskau gelegen. Milan Kundera erinnerte uns in seinen Romanen und Essays fortwährend daran. Er war nicht der Einzige. Nicht in der Tschechoslowakei, nicht in den anderen Ländern: In Ungarn gab es zum Beispiel György Konrád, der am 2. April 85 Jahre alt werden wird, in Polen Andrzej Szczypiorski. Mitteleuropa meldete sich in den Jahren nach 1968 mit einem viele im Westen überraschenden Selbstbewusstsein zu Wort.

Ästhetisch sagte Mitteleuropa der westeuropäischen Avantgarde: Der Autor lebt. Der Roman ist nicht tot. Der neue Mensch, von dem die Sozialisten geträumt, den die Kommunisten zu erschaffen unternommen hatten, war nirgends erschienen. Der homo sovieticus war unübersehbar ein Schwundstadium des homo sapiens. Die altmodische, in Kursbüchern gerade mal wieder für tot erklärte Figur des allwissenden Erzählers, der Autor, der, statt uns zu sagen, wo es lang geht, in wieder weit ausgreifenden Romanen die ganze unübersichtliche Vertracktheit von Weltenlauf und menschlicher Existenz uns vor Augen führt, war mit einem Male wieder da und feierte Erfolge über Erfolge.

In seinem Gespräch mit Philip Roth erklärte Kundera, wie viel er den Romanen von Diderot und Laurence Sterne verdankte. „Ihre Experimente“, sagte er, „waren erfüllt von Glück und Freude.“ Auf den Akkord von Experiment und Glück sprangen die 68er jeden Alters an. Es gab die Lust aufs Experiment, eine Sehnsucht nach dem Unbekannten. Man kann das heute, da so viele sich zu sehnen scheinen nach dem, das sie kennen, nicht dick genug unterstreichen: das Verlangen nach dem Fremden, dem Neuen.

Das Neue ist nicht, was als News über die Bildschirme flimmert. Das Neue ist das, das der Autor entdeckt, wenn er nicht mehr schreibt, was er zu schreiben vorhatte, sondern wenn er dem Gang des Romans folgt. Der Autor ist wieder da, aber gerade nicht als der Herr seines Stoffes, sondern als der, der ihm zu folgen versteht. „Romanciers“, schreibt Milan Kundera in „Die Kunst des Romans“, „die intelligenter sind als ihre Werke, sollten den Beruf wechseln.“

Das war die Botschaft, die die mitteleuropäischen Autoren in den sechziger und siebziger Jahren für ihre Leser hatten. Es war die Erfahrung, dass die gesellschaftliche Produktion von Reichtum nicht von Plankommissionen zu bewältigen ist, dass sie nicht den Gesetzen des sogenannten demokratischen Zentralismus folgt. Dass sie auch nicht abhängt von Auflagenhöhen und Einschaltquoten. Sie muss von Individuen getan werden.

Erfahrungen können nur dann zum gesellschaftlichen Reichtum werden, wenn sie als die Einzelner, ganz subjektiv, formuliert werden. Menschliche Gesellschaft ist die von Individuen. Wo die gekappt werden, da wird die Gesellschaft zerstört. Wo ein Paradies errichtet wird, da steht immer auch ein Archipel Gulag daneben. Für die nämlich, die nicht hineinpassen ins zu schaffende Paradies. Mit der Zeit wächst der Archipel Gulag und das Paradies verschwindet von der Landkarte. Die glücklichen Momente der Menschheit sind die, in denen Paradies und Gulag weit weg gerückt, aber zu nahe sind, als dass jemand den Wunsch haben könnte sie zu errichten.

Milan Kundera wird heute neunzig Jahre alt. Die Konstellationen, aus denen heraus er zum Schreiben kam, sind seit langem verschwunden. Seine untreuen Leser haben sich anderen Autoren zugewendet. Dabei täte es ihnen gut, wieder einmal „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ oder auch den schon sechs Jahre zuvor geschriebenen Roman „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ zu lesen. Sie würden erkennen: Der Roman lebt.

Danach veröffentlichte Milan Kundera die großen Romane, die von den Schwierigkeiten der Liebe handeln in unserer westlichen Welt. Zuletzt erschien von ihm im Jahre 2014 „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Er feiert darin seine lang vergangene Geburt und seinen näher rückenden Tod. Mit diesem Buch habe er, so schrieb damals ein deutscher Kritiker, sein Talent überlebt.

Kundera, der sein Frühwerk verwarf, weil er noch nicht zu sich gefunden hatte, hat sich womöglich am Ende auch wieder verloren. Wie wir alle das tun. Das gehört zum Menschsein dazu. Daran erinnert er uns, seine untreuen Leser.

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