1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Mieko Kawakami: „Heaven“ – Leid ist nicht teilbar

Erstellt:

Von: Katharina Granzin

Kommentare

Die japanische Schriftstellerin Mieko Kawakami. Foto: DuMont Buchverlag
Die japanische Schriftstellerin Mieko Kawakami. © DuMont Buchverlag

Zwei 14-Jährige, die von Gleichaltrigen gemobbt werden, schließen prekäre Freundschaft in Mieko Kawakamis eindrucksvollem Debütroman „Heaven“.

Vor zwei Jahren, als ihr Roman „Brüste und Eier“ auf Deutsch erschien, konnte man die Japanerin Mieko Kawakami als eine Autorin kennenlernen, die mit ihrem Schreiben gern und sehr schwungvoll mitten ins Tabu zielt. Wie furchtlos sie dabei ist, beweist ihr Roman „Heaven“ nun ganz besonders eindrücklich.

In Japan erschien er bereits 2009, also ein Jahr nach der (später erst zum Roman ausgeweiteten) Kurzgeschichte „Brüste und Eier“, mit der Kawakami 2008 einen wichtigen Literaturpreis gewonnen hatte. „Heaven“ war ihr erster Roman, mit dem sie sich gleich an ein sehr schweres Thema wagte: Mobbing in der Schule. Das Ergebnis ist meisterhaft in seiner Lakonie und inspirierend in seinem immanent philosophischen Zugang zum Sujet.

Ein etwa 14-jähriger Ich-Erzähler, ein Achtklässler, führt durch die Geschichte, die keineswegs nur von Mobbing, sondern von vielem gleichzeitig handelt, vor allem von einer so prekären wie kostbaren Freundschaft. Sie beginnt damit, dass der Erzähler Briefe von einer anonymen Person bekommt, die ihm mitteilt, sie gehörten beide „zur selben Sorte“. Der Junge gerät in große Aufregung, hat er sich doch längst damit abgefunden, einsam zu sein. Er schielt auf einem Auge, hat dadurch Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden, und ist ein leichtes Opfer für die grausamen Jungen in der Schule, die sadistische Spielchen an ihm ausprobieren.

In seiner Einsamkeit ist ihm entgangen, dass es ein Mädchen gibt, das von den anderen Mädchen ebenso mies behandelt wird wie er selbst vom männlichen Teil der Klasse. Nun bekommt dieses Mädchen für ihn auf einmal einen Namen: Kojima. Sie ist die Briefschreiberin; und nach ihrem ersten Treffen sind die beiden Ausgestoßenen nicht mehr allein, sondern so etwas Ähnliches wie Freunde. – Was Freundschaft ist, und wie eine Beziehung funktionieren muss, um „Freundschaft“ genannt zu werden: Das sind impliziten Fragestellungen, die den Roman durchziehen.

Das Buch

Mieko Kawakami: Heaven. Roman. A. d. Japan. v. Katja Busson. DuMont Buchverlag, Köln 2021. 192 S., 22 Euro.

Der Erzähler und Kojima schreiben sich Briefe, doch in der Schule tun sie weiterhin so, als hätten sie nichts miteinander zu tun, und sogar in den langen Sommerferien treffen sie sich nur ein einziges Mal. Was ist das für eine seltsame Freundschaft? fragt sich der Junge zwischendurch. Der Gedanke, dass die Beziehungen, die ihre Peiniger untereinander haben, womöglich noch viel weniger mit Freundschaft zu tun haben, wird ebenfalls flüchtig angedeutet; und nachdem die Gewalt einmal ausgeartet ist, analysiert Kojima überzeugend, dass die grausamen Jugendlichen in Wirklichkeit Angst vor allem haben, das anders ist. Das zu durchschauen scheint eine gute Sache zu sein, allerdings nützt es im Ernstfall wenig.

Das andere große Beziehungsthema, das den Hintergrund dieser Entwicklungsgeschichte verdunkelt, ist die Familie. Sowohl Kojima als auch der Ich-Erzähler kommen aus reichlich dysfunktionalen Verhältnissen, doch hat der schielende Junge noch Glück, mit einer desinteressierten Stiefmutter zusammenzuwohnen, die ihn immerhin korrekt behandelt. Kojima dagegen, die bei Mutter und Stiefvater lebt, vermisst ihren leiblichen Vater so sehr, dass sie begonnen hat, ihr Äußeres zu vernachlässigen, um ihm, der körperlich schwer arbeiten muss, mental näher zu sein. Kojima erzählt viel, und der Ich-Erzähler gibt ihre Äußerungen wieder, ohne selbst Stellung zu beziehen – und auch, ohne Kojimas zunehmende physische Verwahrlosung als Warnzeichen zu sehen. Wie könnte er auch, ist er doch schon mit der eigenen Angst und Verzweiflung völlig überfordert.

Die Beschränkung der Erzählperspektive auf die Augenhöhe des 14-Jährigen – dessen Schielen durchaus als Metapher gedeutet werden kann – verleiht der Geschichte zum einen eine Aura absoluter Ausweglosigkeit und zum anderen einen Tonfall von großer Unschuld. Der Junge weiß nicht, wie ihm geschieht, aber seine Mobber wissen es ebenso wenig.

„Wir können es zufällig“, erklärt ihm ein Mitschüler in glasklarem Nihilismus, als der Gequälte eines Tages eine Erklärung für die Torturen fordert. „Du kannst es zufällig nicht. Das ist alles.“ Seine Machtlosigkeit, ihre Grausamkeit: Nichts davon habe einen Sinn. – Doch wie alles, was in diesem Roman gesagt wird, muss das keine allgemeingültige Wahrheit sein. Die Menschen mögen miteinander sprechen, wissen voneinander aber wenig und sind nicht hinreichend imstande, ihr Inneres mitzuteilen. Erfahrenes Leid ist nicht teilbar.

Und ist es nicht eigentlich auch fast egal, dass der Junge nie das angeblich so wundervolle Bild mit dem Titel „Heaven“ gesehen hat, das Kojima so viel bedeutet? Das Erlebnis kann für ihn ohnehin nicht dasselbe sein; denn dass es in der Welt auch Schönheit gibt, muss er ganz allein für sich selbst entdecken. Trotz allem.

Auch interessant

Kommentare