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Michelle Winters.
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Michelle Winters.

Debütroman

Martin fährt heimlich Ford

  • vonStefan Michalzik
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In Kanadas Hinterland: Michelle Winters’ Debütroman erzählt unerwartet fesselnd von männlicher Auto-Passion.

Il n’y a que nous“ – es gibt nur uns. Das ist das Grundmotiv der Ehe von Agathe und Réjean. Die sehr hübsche Frau, die allerdings mit den Jahren, so heißt es hier, auseinandergegangen ist, und der kolosshaft gebaute Flanellhemdenmann sind ungeachtet der Alltagsroutine auch nach zwanzig Jahren unvermindert glücklich miteinander. Das sexuelle Begehren steigert sich sogar immer noch, durch die Praxis von Fantasiespielchen. Plötzlich nun ist der Mann verschwunden.

In der deutschen Übersetzung ist „Ich bin ein Laster“, der Titel des Debütromans der in Toronto lebenden Schriftstellerin Michelle Winters, Jahrgang 1972, mehrdeutig. Réjean hat ein fetischistisches Verhältnis zu seinem Silverado, einem Pick-up der Marke Chevrolet. Da es im frankophonen Teil Kanadas, in dem die beiden aufgewachsen sind, keine Jobs mehr für Holzfäller gab, sind sie in den anglophonen Teil übergesiedelt und leben abgeschieden in einem Haus im Wald. Weil Schule und Elternhaus ihnen vermittelt haben, die anglophone Welt wolle ihre französische Kultur und Sprache auslöschen, hat sich das Paar zunehmend abgekapselt.

Neben vielem anderem geht es in diesem Roman, der in den siebziger oder frühen achtziger Jahren angesiedelt sein dürfte, um Brüche zwischen den Kulturen. Er stellt bei gemeinsamen Fahrten mit dem Silverado im Autoradio grundsätzlich den ewiggleichen französischen Folksender ein. Sie würde lieber den wilden „lerockandroll“ hören. Ihm zu Liebe stellt sie ihre eigenen Wünsche hintan.

Das Buch

Michelle Winters: Ich bin ein Laster. Roman. A. d. Engl. v. Barbara Schaden. Wagenbach, Berlin 2020. 140 S., 18 Euro.

Es ist ein Ausweis der pointierten Erzählkunst von Michelle Winters, dass es ihr gelingt, einen für Männlichkeitsthemen wie die Passion für konkurrierende Automarken und starke Fahreigenschaften zu interessieren. Martin ist Chevrolet-Händler, die gemeinsame Leidenschaft für die Marke stiftet zwischen Réjean und ihm eine ausgeprägt männerfreundschaftliche Verbindung; heimlich allerdings fährt Martin Ford, der Tradition seines Vaters folgend. Bei einem Whisky vertraut sich Réjean ihm an: Sein Leben sei okay. Sehr okay sogar. Und trotzdem fehle etwas. Ein Hobby, schlägt Martin vor.

Obskurerweise besteht das Hobby, das Réjean nun wählt, in der Fantasie, seine Frau werde von einem Unhold bedroht und er komme ihr schlagkräftig zu Hilfe. Der Schuft spricht natürlich Englisch, er fährt einen Ford, er hört „lerockandroll“. Seiner allgemeinen körperlichen Überlegenheit ist sich der friedliebende Réjean schon immer bewusst, nun hat er erstmals die Gelegenheit, sie auch auszuspielen. „Nie hatte er sich so lebendig gefühlt.“

Dieser stetig zwischen Gegenwart und Rückblenden springende Roman macht sich die Erzählweise eines Krimis zueigen. Immer wieder wartet er mit überraschenden Wendungen auf; Spuren werden gelegt, Spannung wird aufgebaut. So bittet Réjean wenig später Martin, ihm eine Waffe zu besorgen.

Für Debbie, Agathes Kollegin bei ihrem nach Réjeans Verschwinden aufgenommenen Job als Putzfrau in einem Gebraucht-Elektro-Geschäft, liegt das Versprechen von Freiheit in den Rocksongs wie jenen von Heart, T. Rex und, ganz besonders, Bruce Springsteen. Sie führt Agathe in eine Bar ein, wo die Rockmusik deren ganzes Körpergefühl verändert. Vor allem auch gehen hier die Blicke zwischen den Männern und den Frauen hin und her. Der weibliche Aufbruch nimmt endgültig seinen Lauf, als Agathe den Silverado selbst zu fahren beginnt, mit einer sardonischen Lust an dem Gefühl von Macht, das dieses den piefigen Limousinen himmelhoch überlegene Fahrzeug ihr vermittelt.

Dieses schmale Buch lässt sich perfekt als Vorlage für einen Hollywoodfilm imaginieren. Es lebt von der Binnensicht seiner Figuren wie vom Blick auf die Atmosphäre im kanadischen Hinterland, es ist straff, mit einem eher untergründigen Witz geschrieben und von Barbara Schaden umsichtig übersetzt. Die Gefahr bei einer Filmfassung könnte darin bestehen, dass Klischees zu dick aufgetragen werden. Michelle Winters selbst tut das nicht, das macht die Qualität dieses außerordentlich starken Textes aus.

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