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„Ich spiele mit. Ich bin normal“: Michel Houellebecq, hier beim letzten Prix Novembre, 1998. Der Mäzen der Auszeichnung missbilligte die Wahl und zog sich anschließend zurück.
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„Ich spiele mit. Ich bin normal“: Michel Houellebecq, hier beim letzten Prix Novembre, 1998. Der Mäzen der Auszeichnung missbilligte die Wahl und zog sich anschließend zurück.

Michel Houellebecq

Michel Houellebecq im Plural

  • VonMartin Oehlen
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Kaleidoskopisches Lesebuch: Agathe Novak-Lechevaliers fundamentaler Band zum französischen Schriftsteller ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Eine SMS für Bernhard-Henri Levy in Paris. Der Publizist erhält sie an einem Sonntag im Winter 2007. Ihr Inhalt: „Ich habe beschlossen, heute Abend Selbstmord zu begehen.“ Der Absender: Michel Houellebecq.

Levy kennt den Autor kaum. Doch die Sache scheint ernst zu sein. Oder zumindest unübersichtlich. Jedenfalls schlägt Levy vor, sich sogleich zum Abendessen im Ritz zu treffen. Dort angekommen, sitzt „mein zukünftiger Freund schon da“. Im grünen Parka „inmitten der uniformierten Kellner, die ihn nicht erkennen, die er aber trotzdem einschüchtert“. Der Autor wirkt niedergeschlagen, aber mit einer undefinierbaren Freiheitsregung, „die sowohl auf die getroffene Entscheidung, das Ganze zu beenden, als auch auf die Entschlossenheit hindeuten kann, sein Leben nicht so bald wegzuwerfen.“

Soll man schaudern, soll man lächeln? Auf jeden Fall ist es eine Szene, die „houellebecqisch“ genannt werden könnte. Angelegt zwischen Verzweiflung und Widerständigkeit, Nihilismus und Galgenhumor. Nachzulesen ist sie jetzt in dem Sammelband „Michael Houellebecq“, der auf einer Ausgabe der renommierten französischen Reihe „Cahiers de l’Herne“ basiert. Wer dort mit einer dieser üppigen Zusammenstellungen aus Textsorten aller Art gewürdigt wird, zählt zum literarischen Pantheon. In diesem Monat erscheint dort ein solches Puzzle rund um Hannah Arendt. Michel Houellebecq, dem Autor der Romane „Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“, „Karte und Gebiet“ oder „Unterwerfung“, wurde diese Ehre 2016 zuteil.

Nun liegt der großformatige, fast 600 Seiten zählende und angenehm in der Hand liegende Band auch auf Deutsch vor. Ein kaleidoskopisches Lesebuch, das nie langweilig wird. Angefüllt mit Veröffentlichtem und Unveröffentlichtem, mit Texten des Autors, Essays von Weggefährten und namhaften Beobachtern, mit zahlreichen Interviews und einigen Abbildungen. Das Inhaltsverzeichnis erstreckt sich über sechs Seiten – ein Füllhorn. Von Beitrag zu Beitrag scheint ein neuer Aspekt des Mannes auf, der als Kettenraucher und Parka-Träger eine Stilikone geworden ist, der als Provokateur gescholten und als Prophet verklärt wird, der als „Medienstar“ begehrt und zum „Einsiedler“ erklärt wird, der Neil Young verehrt und ebenso die Autoren des 19. Jahrhunderts, der aber vor allem eines ist – ein Künstler unserer Zeit, der fordert und herausfordert.

Tatsächlich ist Michel Houellebecq nicht so leicht zu fassen. Die Schriftstellerin Yasmina Reza meint in einem Interview 2016, er sei „nur sehr schwer zu entziffern“ und sie wüsste nicht genau zu sagen, „wo er wirklich er selbst ist“. Er sei „unzähmbar“ und „unberechenbar“. Sie stellt in seinem Werk einen „Überdruss an der Freiheit“ fest, spricht ihn frei vom Vorwurf der Islamophobie und bekennt, dass es für eine Frau manchmal „gruselig“ sei, ihn zu lesen.

Klar wird bald, was Herausgeberin Agathe Novak-Lechevalier meint, wenn sie zur Einführung festhält: „Michel Houellebecq im Plural, nie ganz der Gleiche, nie ganz ein anderer.“ Je mehr man ihn ausleuchte, umso mehr scheine er sich aufzulösen. Unstrittig sei allerdings, dass sein Werk bei Leserinnen und Lesern das Gefühl wachrufe, „die Welt, in der sie leben, wiederzuerkennen und sich auf gewisse Weise dort wiederzufinden.“

Das Buch

Agathe Novak-Lechevalier (Hg.): Michel Houellebecq. A. d. Franz. v. Esther Hansen, Stephan Kleiner u.a.. Dumont 2021. 592 S., 44 Euro.

Es ist eine Lust, durch diesen Band zu flanieren. Persönlichkeit und Werk werden in erfrischender Lebhaftigkeit vorgestellt. Die schwierige Kindheit des Michel Thomas, der sich später Houellebecq nennt, bleibt auch hier sehr vage. Doch spätestens beim Beginn des Studiums der Agrarwissenschaft – erfolgreich, auch wenn es ihn nicht sehr interessierte – sind wir ihm dicht auf den Fersen.

Der Schriftsteller und Maler Pierre Lamalattie erinnert sich voller Empathie an die gemeinsame Studienzeit, als die Gespräche „von seiner Seite aus vor allem aus Schweigen“ bestanden, „hin und wieder von einem ‚Hm?‘ oder einem ‚Ja!‘ unterbrochen.“ Auch sei der Kommilitone gerne in einem Einkaufszentrum spazieren gegangen: „Ich glaube, er kaufte nicht besonders viel, genoss dafür aber die Stimmung dort.“ Für die beiden 19-Jährigen sei das Flirten von erheblicher Bedeutung gewesen: „Allerdings stellte sich dies in einer Studentenschaft mit weniger als zehn Prozent Mädchen als ermüdende Aktivität heraus, vor allem für schüchterne Jungs, wie wir es waren frisch von der Schule.“

Houellebecq war auch Mitbegründer einer Literaturzeitschrift, für die er – um Vielfalt in der Autorenschaft zu simulieren – einige Texte unter Pseudonym verfasste. So veröffentlichte er als Dorian De Smythe-Winter das Gedicht „Überweidung der Weißblauen Belgier“, womit der Student der Agrarwissenschaft auf eine Rinderrasse Bezug nahm. Lamalattie selbst hat den Roman „121 curriculum vitae pour un tombeau“ geschrieben, dessen Romanheld Jonas von Houellebecq inspiriert worden ist. Nun beendet er seine Erinnerungen an den Kommilitonen mit der Einschätzung: „Er war eine Art Eremit, der sein ganzes Leben damit verbringen konnte, zu lesen und Camembert zu essen.“

Solche Beiträge, aus denen man ziemlich lange Bizarres und Bedeutsames zitieren könnte, gibt es in hoher Zahl. Nicht selten sind wir dabei im Backstagebereich unterwegs. Besonders aufschlussreich ist der Mail-Verkehr zwischen dem Autor und Teresa Cremisi, seiner Verlegerin bei Flammarion. Da geht es um Hund und Zahnarzt, um den richtigen Zeitpunkt einer Veröffentlichung und das geschickte Taktieren rund um den Prix Goncourt, den er 2010 für seinen Roman „Karte und Gebiet“ erhielt.

An anderer Stelle plaudert Julian Barnes aus dem Jury-Nähkästchen zum „Prix Novembre“, der Houellebecq 1998 für „Elementarteilchen“ zuerkannt wurde. Das war die Zeit, als Houellebecq „médiatique“ wurde, meint Barnes, „indem er anti-médiathique“ war. Es sei in der literarischen Welt kinderleicht, einen Ruf als „böser Bub“ zu erwerben – und Houellebecq habe sich nicht lange bitten lassen: „Als die Dame vom Oberserver kam, um ein Porträt von ihm zu schreiben, betrank er sich bis zum Umfallen, stürzte mit dem Gesicht in sein Essen und erklärte ihr, wenn er weitere Fragen beantworten solle, müsse sie mit ihm schlafen.“ Auch Houellebecqs Ehefrau wurde einbezogen, „posierte in Unterwäsche für den Fotografen und stand ihrem Mann mit einem Zitat erster Güte zur Seite: ‚Michel ist nicht depressiv‘, sagte sie zu dem Interviewer. ‚Es ist die Welt, die deprimierend ist.‘“

Ein schönes, aufschlussreiches und komplexes Buch, dem allerdings einige bibliographische Angaben zu den einzelnen Texten gutgetan hätten. Der Autor selbst kommt in dem Band ausgiebig zu Wort. In einem „Kleinen houellebecqschen Alphabet“ lobt er gleich unter dem Stichwort „Allemand“ wie „Deutsch“ die hiesige Presse wegen ihres „ernsthaften Umgangs mit Literatur“: „In der Tat habe ich eine ernste Seite, und die Deutschen haben es mir ermöglicht, sie voll und ganz zum Ausdruck zu bringen.“

Schließlich wundert er sich, dass er für Verwunderung sorgt und dass man sich seines Verhaltens in der Öffentlichkeit nicht ganz sicher zu sein scheint: „Ich begreife das Ganze nicht. Stimmt irgendetwas nicht mit mir? Wessen werde ich verdächtigt? Ich nehme Auszeichnungen, Ehrungen und Preise an. Ich spiele mit. Ich bin normal. Ein normaler Schriftsteller.“

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