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Michel Friedman „Fremd“: Nachrichten aus „,Nie wieder‘-Land“

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Von: Judith von Sternburg

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Moderator Michel Friedman.
Moderator Michel Friedman. © dpa

Der Publizist Michel Friedman gibt in „Fremd“ Einblicke in seine Kindheit und Jugend

Zu Michel Friedmans ausgezeichneten Argumenten in Diskussionen über Antisemitismus gehört es, den Ball zurückzuspielen, wenn die Klage über das Sterben der ohnehin wenigen und nun letzten Zeitzeugen, Zeitzeuginnen erhoben wird. Und damit wie immer die Holocaust-Überlebenden gemeint sind. Er erinnert dann daran, dass es doch recht viele seien, die von damals erzählen könnten, all die Menschen, die damals in Deutschland lebten, zuschauten, wegschauten, etwas wussten, etwas taten oder nicht taten. Wie bleiern dann erst recht das Schweigen der eigenen Verwandten, der bald schon pensionierten Lehrer und Lehrerinnen, der alten Nachbarsleute.

Michel Friedman indes verwahrte sich eher dagegen, als Jude und Kind Überlebender – Vater, Mutter und eine Großmutter über die „Schindlerliste“ und damit als einzige der Verwandtschaft gerettet – zuständig für das Thema Antisemitismus zu sein, am besten noch dafür, Vorschläge zu machen, wie dieser künftig zu verhindern sei. Selbstverständlich wurde er immerzu genau danach gefragt. Selbstverständlich aber ist es eine befremdliche Frage an einen Juden, der als Kind seinerseits andere Fragen hatte.

Wieso waren hier alle frei?

Das Kind, 1956 in Paris geboren, fragt sich beispielsweise, warum die Eltern mit ihm Mitte der 60er Jahre nach Frankfurt ziehen, ins Land der Mörder, eine Frage, die für ihn, wie er schreibt, bis heute unbeantwortet sei. Das Kind wundert sich. „Dieses Land sah nicht aus, wie ein Land von Mördern auszusehen hatte: / Der Wohlstand kroch aus allen Ritzen. / Die Menschen sahen aus wie Menschen. / Menschen? / Unschuldig. / Sauber.“ Allerdings: „Was hatte das Kind erwartet? / Gefangene? / Weggesperrte? / Monster? / Eingesperrte Verrückte? / Wieso waren all diese Menschen frei? / Wieso sprach niemand über das Verbrechen? / Wieso gab es nirgends Spuren?“

Denn auch Michel Friedman ist Zeit- und Augenzeuge, und sein Buch „Fremd“ dreht sich um viele Themen, um die sich die Diskussionen, an denen er lebhaft teilnimmt, ebenfalls drehen. „Fremd“ fühlt nicht nur er sich als Kind „staatenloser“, der Landessprache (der Sprache der Täter) nicht mächtiger, traumatisierter, auf den Ämtern zu Bittstellern degradierter Eltern in der Bundesrepublik. Die Szenen, in denen er schon in Frankreich fünfjährig als Dolmetscher auftreten muss – „Kindheitsberuf: Lebensübersetzer“ –, gehören weit über ihn hinaus zu zahllosen Migrationsbiografien. „Einmal Ausländer, immer Ausländer. / Assimiliert, trotzdem Ausländer. / Integriert, trotzdem Ausländer. / Emanzipiert, trotzdem Ausländer.“

Dahinter die tiefgreifende Erfahrung von Außenseitertum, definiert von einer Mehrheit, der es entweder einfach egal ist oder die es bequemer findet oder die Ausgrenzungen braucht, um selbst zurandezukommen. „Fragt, wen ihr wollt, / Roma, / Sinti, / Queere, / Homosexuelle, / Migranten, / Flüchtlinge. / Fragt, wen ihr wollt, / welche Minderheit auch immer, / fragt sie nach dem eingebrannten Schmerz, den ihr verursacht / mit eurer hässlichen Unschuld.“ Dem erzählenden Ich gruselt es vor dem Wort „wir“, das Wort „ihr“ nimmt es häufig in den Mund. Widerspruch wäre kleinkariert, nein, er wäre falsch.

In „Fremd“ begegnet man dem Friedmanschen Schwung, in dem sich Vernunft und hoher Ton individuell genug begegnen, um den Schreibenden und Formulierenden, bedacht Formulierenden, immer wieder zu hören beim Lesen. „Fremd“ ist ein markant privates Buch. Man kann sich gut vorstellen, wie der Autor eine Form dafür finden musste. Er entschied sich für eine Art atonales Langgedicht, das wirkt überraschend, erweist sich aber als kluge Wahl. Sie eröffnet dem Autor die Möglichkeit zur Schärfe wie zur Andeutung, zu Stichworten, Aufzählungen, Sentenzen, zu polemischen, elegischen, erzählerischen Passagen.

Das Buch:

Michel Friedman: Fremd. Berlin Verlag, Berlin 2022, 176 Seiten, 20 Euro.

Ein Mensch klappt sein Inneres auf, das muss man schon sagen. Und während sich „Fremd“ auf diese Weise einer literarischen Betrachtung letztlich entzieht – obwohl es offensichtlich auch bereit ist, Literatur zu sein, wie fein und auch spannungssteigernd jedenfalls, dass der Verlag keine Gattungsbezeichnung beigegeben hat –, zeigt sich Friedman vertraut und doch neu.

Das Kind und die Erfahrung, nicht dazuzugehören. Das Kind will dazugehören, es will aber auch nicht dazugehören. Die Untröstlichkeit der Eltern – „ich wurde auf einem Friedhof geboren“, ein Friedman-Satz, der auch hier fällt – und ihre ebenso unendliche Liebe für das Kind prägen alles. Es ist nicht natürlich, dass ein Kind für das Glück seiner Eltern zuständig ist, aber weder das Kind noch die Eltern können etwas dafür.

Als er zum Neinsager wird

Sequenzen einer Kindheit und Jugend: Fahrradfahrenlernen mit dem besorgten Vater, das erste Eis mit der besorgten Mutter, ein schwerer Verbrühungsunfall mit langem Krankenhausaufenthalt. Das Kind geht gerne in den Zirkus, wo es nicht über den großen Clown lacht, der den kleinen Clown haut. Dann Kino, Musik, anstrengende Szenen unter Jugendlichen. Als das Kind nicht mehr klein ist, wird es vom schüchternen Jasager („Monsieur oui“ nannten sie ihn im Krankenhaus) zum (vielleicht weiterhin schüchternen) Neinsager. Das Erlebnis, zum ersten Mal laut und deutlich Nein zu sagen, bei einer Sonntagsrede im inzwischen selbsterklärten „,Nie wieder‘-Land“.

Der junge Mann hat ein Visum für New York, ist glücklich, zerreißt das Visum, als er begreift, wie entsetzt die Eltern bei dieser Vorstellung sind. Das Miteinander-glücklich-Sein, die Angst vor dem Tod der Eltern, der Tod der Eltern, Therapiestunden, starke, konkrete und nicht in der Vergangenheit liegende Suizidgedanken.

Auch hier bewährt sich die Form, zeigen die lockeren Zeilen, dass sich alles sagen lässt. Womöglich hilft es sogar, vermutlich nicht dem, der es schreibt, aber dem, der es liest. „Fremd“ dürfte für viele ein regelrecht informatives Buch sein, ein Perspektivwechsel oder ein Auf-den-Punkt-Bringen der eigenen Perspektive, ein Zeitzeugnis.

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