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Auch dies eine Annäherung: Die Installation „Beethoven’s Trumpet (With Ear)“ von John Baldessari.
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Auch dies eine Annäherung: Die Installation „Beethoven’s Trumpet (With Ear)“ von John Baldessari.

„Eine musikalische Geschichte der Menschheit“

Michael Spitzer: „Eine musikalische Geschichte der Menschheit“ – Liebeslieder von Dengue-Mücke

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Über Michael Spitzers wirkliche Universalgeschichte der Musik.

Die Geschichte der Musik, wie sie Michael Spitzer darstellt, beginnt mit dem Urknall und wird mit dem Ende der Menschheit noch lange nicht verklungen sein. Der Musikwissenschaftler lebt unweit der Penny Lane in Liverpool, hat sich vor allem mit Beethoven beschäftigt und auch ein Buch über Adornos Interpretation von Beethovens Spätstil geschrieben. Umso verblüffender, mit welcher Entschlossenheit, mit welcher Verve und mit welcher Lust er die Wege der konventionellen Musikgeschichte – von den Flöten der Schwäbischen Alb bis Madonna – verlässt und sich stattdessen auf die Big History der Musik wirft.

Die Art, wie unsere Spezies Musik macht und versteht, ist etwas ganz Besonderes, aber der Gedanke, dass man das von jeder „Musik“ einer jeden Spezies sagen kann, liegt Spitzer nicht fern. Interessant ist freilich auch, dass es gar nicht so viele Spezies gibt, die mit Hilfe akustischer Artikulation kommunizieren. Das hängt von verschiedenen Voraussetzungen statt, die Spitzer freudig ausbreitet.

Sein Buch nähert sich dem Thema dreimal: Das erste Mal geht er vom Individuum aus. Er schildert, wie Menschen heute zur Musik kommen und sie wieder verlassen. Jedes Kind liebt Krach und Musik. Den meisten von uns wird beides ausgetrieben. Wir machen keine Musik mehr, sondern hören nur noch Leuten zu, die es können. Vielleicht wird sich das wieder ändern. Smartphones erlauben uns schließlich nicht nur Filme zu drehen, sondern auch zusammenzuschneiden. Sie können das auch mit Klängen und Geräuschen. Jeder von uns hat die Chance, Komponist der Musik zu werden, die er mag oder doch wenigstens der, die er kann.

Bei Spitzers zweitem Anlauf geht es um die Rolle der Musik in der Weltgeschichte. Und der dritte, der längste, beschäftigt sich mit der Rolle der Musik in der Evolution. Am Anfang war die Vibration. In manchen Diskotheken, habe ich mir sagen lassen, geht es noch immer vor allem um sie. Spitzer schreibt: „Wir hören immer noch Echos des Urknalls vor 13,8 Milliarden Jahren ... . Die neue Wissenschaft Astroseismologie postuliert, dass Sterne aufgrund der Turbulenzen in ihren äußeren Schichten genau wie Musikinstrumente schwingen oder vibrieren.“ Wir können sie nicht hören, durch Beschleunigung aber hörbar machen. Der englische Komponist Trevor Wishart tat das 2017, als er die Daten von Supernova-Explosionen in für uns zugängliche Klänge transformierte und mit seinem Stück „Supernova“ die Sphärenmusik des Pythagoras der Menschheit endlich zu Gehör brachte.

Das ist nur einer von vielen Anfängen. Immerhin ist es der Anfang von allem, das wir heute kennen. Und Musik – wenn wir das denn so nennen wollen – war offenbar immer dabei.

Das Buch

Michael Spitzer: Eine musikalische Geschichte der Menschheit. A. d. Engl. v. H. Dedekind, V. Topalova, S. Schmid. riva. 560 S., 24,99 Euro.

Der erste Anfang aber, mit dem Spitzer sich beschäftigt, ist dieser: „In der sechsten Schwangerschaftswoche rollt sich die Cochlea zu einer schneckenförmigen Spirale, der Gehörschnecke, zusammen. Zwei Wochen später wachsen ihr auditive Rezeptoren, die Corti-Organe. In der achten Woche bildet der Fötus bereits Mittelohrknöchelchen aus. Bis zur elften Woche entwickeln sich Trommelfelle mit Hörzellen, doch das Ganze funktioniert erst ab der 20. Woche. Zu diesem Zeitpunkt stört ein lautes Geräusch oberhalb von 100 Dezibel den Embryo... .“ So entstehen die Voraussetzungen des Hörens in einem menschlichen Individuum. Da ist von der Wahrnehmung des Fruchtwassers und seiner Geräusche noch nicht die Rede. Oder vom Schlagen des mütterlichen Herzens.

Der evolutionäre Anfang geht so: „Das Zungenbein entwickelte sich, der Kehlkopf senkte sich und der Vokaltrakt wurde zu einer größeren Bandbreite von Lauten fähig ... .“ Musik und Sprache, die nicht immer leicht voneinander zu trennen sind – „Prima la musica e poi le parole“ heißt eine Oper von Antonio Salieri –, sind in den Augen Spitzers Triebkräfte der Evolution. Sie ermöglichen die Kommunikation über weite Strecken hinweg ohne direkten körperlichen Kontakt. Wir lausen einander nicht mehr, wir tanzen und swingen zusammen, lassen uns zu Tausenden, seit mehr als fünfzig Jahren auch zu Millionen, in gemeinsame Gefühle treiben durch Musik.

In diesem Umfang schafft das – soweit wir wissen – keine andere Spezies. Spitzer zitiert natürlich den Primatologen Frans de Waal, der eines seiner Bücher betitelte mit der Frage: „Are we smart enough to know how smart animals are?“

Spitzer erinnert zum Beispiel an den Sexismus in der Ornithologie, die lange davon ausging, dass nur Vogelmänner singen. Erst seit der Feminismus den Herren Ohren und Augen öffnete, kamen sie dahinter, dass auch Vogelfrauen singen. Der Gesang war also nicht nur eine Form männlichen Balzverhaltens.

Es gibt in Michael Spitzers Buch keine Seite, die man nicht mit Begeisterung liest. Klügere als ich werden nicht nach jedem Absatz mit offenem Mund dastehen und staunen. Das kann die Lektüre zu einem teuren Vergnügen machen. Ich habe für mehr als 200 Euro neue Bücher gekauft. Wie kommt es, dass wir, Gibbons, ein paar Spitzmäuse – oder was war es nochmal? – und Wale zu den ganz wenigen Säugetieren gehören, die Musik machen? Wie funktioniert Evolution, wenn sie inmitten einer überwältigenden Kontinuität solche Sprünge machen kann? Hinzu kommen unwiderstehliche Überschriften: „Harmonische Konvergenzen in den Liebesliedern von Dengue-Moskitos“. Und mehr als 1000 Anmerkungen, die wiederum viel zu viele verlockende Angebote machen.

Michael Spitzer ist ein Verführer. Jeder wird im Internet nach Wisharts „Supernova“ suchen, wie er zuvor dort schon Peter Pringle aufsuchte und dessen sumerisch gesungene Version des Gilgamesch-Epos sich – wenigstens in Auszügen – anhörte. Natürlich greift man nach den Walgesängen, sucht Grillen und Nachtigallen. Das Buch basiert auf einer Sendereihe der BBC. Jetzt beneide ich alle, die sie sich anhörten. Aber das ist dumm. Es gibt dieses großartige, begeisternde Buch. Lesen Sie es. Ihre Wahrnehmung wird sich ändern, und womöglich auch noch Ihr Gehör.

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