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Michael Kumpfmüller: „Mischa und der Meister“ – Jeschua hängt gern ab

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Genau so ist es in Michael Kumpfmüllers Roman.
Genau so ist es in Michael Kumpfmüllers Roman. © imago images/imagebroker

In dem Märchen „Mischa und der Meister“ von Michael Kumpfmüller kommt Jesus nach Berlin.

Der blutige Angriffskrieg, den Russland derzeit in der Ukraine führt, zielt auch auf kulturelle Auslöschung. Die eigenständige Kultur des angegriffenen Landes soll negiert werden, der Raub von Kulturgütern gehört dazu. Dies ist umso unfassbarer, als Russland selbst ja eine Kulturnation von großer Geschichte und Tradition ist. Umgekehrt führt die Forderung, russische Theater, russische Musik und Literatur zu boykottieren, in die Irre. Mitten in diese teils erbittert ausgetragene Debatte hinein platzt nun ein leichtfüßig geschriebener Text, der eine zarte, aber nachdrückliche Liebeserklärung an die russische Literatur darstellt: „Mischa und der Meister“ von Michael Kumpfmüller.

Seit seinem Debüt „Hampels Fluchten“ im Jahre 2000 hat sich der Autor mit nun acht Romanen von großer Sprachkraft präsentiert, sich dabei immer wieder mit literarischen Überfiguren auseinandergesetzt: Etwa in „Die Herrlichkeit des Lebens“ mit dem letzten Jahr von Franz Kafka und seiner Gefährtin Dora Diamant oder in „Ach, Virginia“ mit den letzten Tagen von Virginia Woolf. „Mischa und der Meister“ ist, wie der Titel ahnen lässt, nun ein literarisches Spiel mit dem Roman „Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow.

Eine Antwort auf die Satire

In dieser brillanten, bitterbösen Satire über das Moskau der Stalinzeit 1930 geht der Teufel mit seinen Gehilfen um. Kumpfmüller spinnt als Antwort ein modernes Märchen: Was wäre, wenn Jesus in das Berlin von heute käme?

Natürlich steckt dieser Text von 360 Seiten voller Zitate und Anspielungen nicht nur aus Bulgakows Werk. Es taucht Dostojewski ebenso auf wie Gogol oder Boris Pasternak oder der Komponist Prokofjew. All diesen Spuren nachzugehen, ist durchaus ein Vergnügen (Kumpfmüller hilft mit Anmerkungen). Der Literaturstudent Mischa und die Studentin Anastasia, beide mit russischen Wurzeln, verlieben sich ineinander. Anastasia wünscht sich aus einer Laune heraus, Jesus möge doch die Hauptstadt besuchen. Und prompt erscheint ein junger Mann namens Jeschua und wirbelt das Leben der beiden und vieler anderer Personen gehörig durcheinander.

Tatsächlich tut Jeschua eigentlich nichts, er scheint so eine Art Hippie zu sein und hängt gerne ab, etwa im Restaurant „Schostakowitsch“, von Mischas Onkel geführt. Und doch: Alle Menschen, mit denen Jeschua in Berührung kommt, verwandeln sich auf wunderbare Weise. Betrügerische Kaufleute zahlen Steuern nach, langjährige Ehepaare, die nur noch nebeneinanderher lebten, entdecken sich neu, ein Großkritiker entschuldigt sich für einen schlimmen Verriss bei einer Autorin. Es gibt immer mehr dieser so „Infizierten“ in Berlin.

Das Buch

Michael Kumpfmüller: Mischa und der Meister. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 368 S., 24 Euro.

Was Wunder, dass Jeschuas Aktivitäten sieben Teufel auf den Plan rufen, die dem Messias bald das Leben schwer machen. Auch ein sprechender Pudel ist mit von der Partie, natürlich ein Artverwandter des schwarzen Hundes in Goethes „Faust“, der sich vor Fausts Augen in Mephisto verwandelt („Das also war des Pudels Kern“).

Jeschua aber weigert sich beharrlich, spektakuläre Wunder zu vollbringen und erklärt Mischa auf dessen Frage „Also stimmt nichts, was über Dich geschrieben steht?“ stattdessen: „Nichts von alledem, was dort geschrieben steht, habe ich je gesagt.“ Auch das ist ein Zitat aus dem Roman von Michail Bulgakow, dort fällt es aus dem Mund von Jeschua beim Verhör durch Pontius Pilatus. Und es ist eine Warnung, Wahrheit und überlieferte Legende zu trennen. Am Ende verschwindet Jeschua wieder aus Berlin, so unspektakulär wie er gekommen ist und ohne große Spuren zu hinterlassen.

Produziert er Widerstand?

Michael Kumpfmüller fährt in diesem Märchen viel Personal auf, vertieft jedoch keine Figur so richtig. Am Ende bleiben die Personen mehr Schemen. Das Interesse des Schriftstellers an ihnen scheint jedenfalls nicht so weit gereicht zu haben wie bei Franz Kafka oder Virginia Woolf. Geradezu vorbeugend lässt der Autor an einer Stelle den Großkritiker schreiben: „Wenn ihr euch über Texte ärgert, sucht die Ursache nicht in den Texten, sondern in euch selbst. Gute Texte produzieren Widerstände, sucht den Widerstand in euch und schreibt darüber.“ Die Idee für den Roman, so sagt Kumpfmüller in einem Radiointerview, habe er in der Badewanne gehabt, an einem Tag, an dem er sich gelangweilt habe. Und er habe dann beim Schreiben viel gelacht.

Dieser Spaß immerhin überträgt sich auf den Leser, auf die Leserin. Und gewiss ist der Text auch eine Verneigung vor Berlin, der „alten Göre“, wie sie der Schriftsteller zärtlich nennt, der Stadt, in der er lebt. Aber so nachhaltig wie bei früheren Arbeiten Kumpfmüllers wirkt er nicht.

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