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Virginia Woolf.

Virginia Woolf

Michael Kumpfmüller: „Ach, Virginia“ – Die Seelenruhe vor dem Tod

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„Ach, Virginia“ heißt der präzise Virginia-Woolf-Roman von Michael Kumpfmüller.

Es ist die letzte große Krise der Virginia Woolf. Im März des Kriegsjahres 1941, im englischen Cottage „Monk’s House“ bei Rodmell in East Sussex, fällt sie immer wieder in die Depression, befürchtet sie einen Nervenzusammenbruch, wähnt sie sich leergeschrieben: „Vielleicht hat sie ja einfach nichts mehr zu sagen.“ Über den Freitod hat sie schon oft nachgedacht. Auch gemeinsam mit ihrem Ehemann Leonard Woolf, der Jude ist und sich wappnet für den Fall, dass die Nazis das Land erobern sollten. Doch nun wird der Suizid für die berühmte Schriftstellerin, die mit „Mrs Dalloway“ und „Orlando“ für literarische Furore gesorgt hat, zum Ausweg aus der individuellen Psychofalle.

Von den letzten zehn Tagen der Virginia Woolf erzählt Michael Kumpfmüller. Vorneweg gibt es eine Zusammenfassung der Vorgeschichte, hintendran erfährt der Leser, wie es beim Witwer Leonard Woolf weiterging, der 1969 gestorben ist.

Gewiss ist es ein kühnes Unterfangen, dieses Lebensende aus der Sicht der Schriftstellerin zu schildern. Mit allen Träumen, Wünschen, Empfindungen, von denen wir nichts wissen können. Aber „Ach, Virginia“ ist nun mal ein Roman, der sich die Freiheit der Imagination nehmen darf, und keine Dokumentation, die sich ausschließlich an Fakten orientieren muss. Und immerhin – ein paar schriftliche Quellen gibt es, die Rückschlüsse ermöglichen auf das Lebensende der Schriftstellerin. Nicht zuletzt die Abschiedsbriefe an ihre Schwester und an ihren Mann. Leonard hinterlässt sie den tröstenden Satz: „Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind.“

Das Buch

Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 238 S., 22 Euro.

Stimmt das? Der Erzähler sieht es so: „Gibt es etwas, das sie nicht haben, außer dieser stark überschätzten Sache mit der Kopulation?“ Dass sich Virginia sexuell mehr zu Frauen hingezogen sah, macht Kumpfmüller zügig klar. Vita Sackville-West war Virginias große Liebe. Von ihr heißt es: „Sie schlürfte die Frauen wie Austern.“ Ganz anderes die Tonlage beim Ehemann. Wenn Leonard sie küsst, empfindet Virginia „nicht mehr als ein Felsen“. Von Männern wisse sie streng genommen wenig.

Kumpfmüller gibt viele Einblicke in Leben und Werk der Virginia Woolf. Er schreibt, dass sie „einen respektablen Ruf als Intrigantin“ gehabt und ihr das „Judesein“ ihres Mannes missfallen habe. Den „modernen Roman“ habe sie reformiert. Was vor allem auffällt, ist die Gelassenheit, mit der Kumpfmüller seine Heldin ausstattet. Fast gewinnt der Leser den Eindruck, dass die Aussicht auf den Tod im Fluss Ouse für eine gewisse Seelenruhe sorgt. Jedenfalls weiß Virginia Woolf, wenn die dunklen Schatten überhandnehmen, dass sie einen finalen Notfallplan hat. Vielleicht wirkt der Roman auch deshalb gar nicht so düster, sondern zuweilen geradezu leicht und licht.

„Ach, Virginia“ ist auch eine Würdigung von Leonard Woolf, der sich mit großem Einsatz um seine Frau kümmert. Nicht erweckt der Erzähler den Eindruck, dass der Ehemann die kranke Ehefrau unzulässig eingehegt haben, wie es ihm zuweilen nachgesagt worden ist. Selbst das Schreiben hat Leonard aufgegeben, da die beiden sonst, meint Virginia, längst schon auseinander wären: „Denn es können zwei Menschen nicht unter einem Dach leben und Romane schreiben, davon ist sie überzeugt, dazu brauchen sie zuviel Platz, die Vielzahl der Stimmen, die Töne, Farben, die sich überallhin ausbreiten und nichts anderes neben sich dulden.“ So hält es Michael Kumpfmüller fest, der mit der Schriftstellerin Eva Menasse verheiratet war.

„Man ist am Leben“, heißt es einmal, „und genau das ist das Leben.“ Aber wenn dieses Leben mit depressiven Schüben durchsetzt ist, die kaum zu ertragen sind, dann wird das Leben zur Last. Wie kann man sich dann helfen? Virginia Woolf kannte keinen anderen Ausweg, als sich Steine in die Manteltaschen zu stopfen und dann in den Fluss zu steigen. Erst drei Wochen später wurde der Leichnam gefunden.

Michael Kumpfmüller ist ein lesenswertes Porträt der Autorin am Ende ihres Lebens gelungen. Jederzeit spürbar ist seine Neugier darauf, wie dieser bemerkenswerte Mensch dachte. Natürlich kann alles ganz anders gewesen sein. Dass er ihr nachsagt, sie sei „ohne jede Furcht“ in den Fluss gestiegen, ist eine literarische Behauptung. Allemal passt sie schlüssig in das von ihm entworfene Bild der Autorin. Und das ist „Ach, Virginia“ dann auch noch: eine Einladung, sich auf ihr Werk einzulassen.

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