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„Ich will dir einen Kater in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Kater werde ich selber sein
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„Ich will dir einen Kater in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Kater werde ich selber sein

„Matou“

Michael Köhlmeier „Matou“: Lebensansichten des Katers Matou

  • VonMartin Oehlen
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Michael Köhlmeier lässt ein ausgesprochen vernünftiges und wissbegieriges Tier kommentierend an den Weltläuften teilnehmen – in den sieben Runden, die ihm traditionell zur Verfügung stehen

Also spricht Matou: „Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachfolger finden werde.“ Wer bei diesen Worten denkt, da blase einer ganz schön die Backen auf, dem kann man das Zweifeln nicht verdenken. Allerdings sorgt der folgende Satz dafür, dass alles spöttische Grinsen gefriert: „Ich will dir einen Kater in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Kater werde ich selber sein.“ Ja, so sieht es aus: Matou sagt Ich. Er ist ein Kater, der sprechen, lesen und mit seiner tintenblauen Kralle schreiben kann.

Er selbst verrät fast genau in der Mitte der 960 Seiten, worum es ihm in seinen Memoiren geht: „Die Aufklärung aus der Sicht eines Katers von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart.“ Dabei kommt Matou zugute, dass Katzen sieben Leben haben. Nach kontinentaleuropäischer Zählung. Im Angelsächsischen, das teilt er ohne Neid mit, seien es sogar neun Leben. Seine Zeitreise führt zu spannenden Orten. Und zu besonderen Menschen, historisch nachweisbaren wie Robespierre oder Muddy Waters, und frei erfundenen wie Katze Biondetta oder Floh Peregrinus. Dass mancher Mensch nicht übel staunt, wenn er von Matou angesprochen wird, birgt notabene viel amüsantes Potenzial.

Michael Köhlmeiers monumentales Epos, umfänglicher noch als sein 780-Seiten-Wälzer „Abendland“, hätte auch für sieben Buch-Veröffentlichungen gereicht. Oder für drei – wie es wohl einmal vom Verlag in Erwägung gezogen worden ist. Sein „Matou“-Brocken bezeugt, wie da einer vom Erzählen und Weitererzählen und Noch-etwas-erzählen nicht lassen kann. Die vielen Vorlagen der Historie greift er auf, spinnt sie aus, verleibt sie ein. Es herrscht ein geradezu Jean Paulscher Überfluss an Stoff und Stöffchen.

Matous Memoiren setzten ein im Paris des Jahres 1792, als er im Haushalt des Revolutionärs Camille Desmoulins unterschlüpft, der dann leider sehr bald zur Guillotine geführt wird. Betroffen leckt Matou sein Blut. Als er dann selbst aus dem Leben scheidet, ist es natürlich nur ein erster Tod. Auf diesen folgt ein obligatorischer Zwischenstopp im Katzen-Jenseits, genannt „das Weggemachte“. Und schon geht es neugeboren weiter. Die sechsmalige Auferstehung erlaubt den Hinweis, dass „der Herr Jesus Christ eine gewisse Verwandtschaft mit uns Katzen“ habe.

Im Jahre 1814 gelangt Matou in die Obhut von E.T.A. Hoffmann in Berlin, dem er wichtige Anregungen zu den „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ gibt. Sodann landet er im dritten Leben auf der griechischen Katzeninsel Hydra, im vierten mutiert er im belgisch besetzten Kongo zum Leoparden und im fünften trifft er in Prag Franz Kafkas Affen Rotpeter. Schließlich sitzt er auf dem Schoß von Andy Warhol. In des Künstlers Factory kommt es zu einer spektakulären Diskussionsrunde, bei der Matou mächtig Eindruck macht auf Susan Sontag und Noam Chomsky. Ein Spitzenszene.

Und das siebte Leben? Da steckt der Erzähler gerade drin – einen jungen Mann coachend, im Wiener Gemeindebezirk Döbling die Nähe von Dame Ingeborg Novak suchend und an seinen Memoiren schreibend. Dann fällt der Vorhang.

Das Buch:

Michael Köhlmeier: Matou. Roman. Hanser, München 2021. 960 Seiten, 34 Euro.

Matou ist die Verkörperung der Aufklärung. Er ist wissbegierig bis in die feinste Katzenhaarspitze. Kritisch befragt er sich und befragt er uns. Kräftig schlägt seine philosophische Ader: Warum tun Menschen Gutes? Was versteht eine Katze unter einem Problem? Was ist Charisma? Seine Literaturlisten, die über diese Memoiren verteilt sind, signalisieren Exzellenz. Auch die darin geernteten Lesefrüchte gebieten Respekt.

Allemal geht es Matou darum zu verstehen, was der Mensch ist. Bald schon ist er sich sicher, dass er selbst kein Mensch sein will, sondern lediglich wie ein Mensch sein will. Auf den kleinen Unterschied des „wie“ macht er mehrfach aufmerksam. Der Kater bleibt also ein Kater. Ein Tier. Alle Aufklärung ändert nichts an seiner Lust am spielerischen Jagen und Töten. Salamander – dies für den, der es noch nicht weiß – sind nicht so lecker beim Totbeißen: „scheußlicher Geschmack“.

Matou liebt das Leben so sehr, dass er manchmal lieber singen als schreiben möchte. Das tut er dann auch. Nicht nur, wenn es ihm heiter ums Herz ist, nein, auch wenn Betrübnis vorherrscht, wechselt er zum Lied. Selbstverfasstes und Übernommenes – wie es halt kommt. Einmal entscheidet er sich für Lou Reed: „Sometimes I feel happy, / Sometimes I feel so sad.“

Er ist halt ein genialer Kater, gebildet und talentiert. So interessiert er sich für das Hegel-Seminar von Herrn Professor Liessmann, also eben jenes hegelkundigen Professor Liessmann, mit dem Michael Köhlmeier schon zwei „mythologisch-philosophische“ Bücher veröffentlicht hat. Überhaupt erlaubt sich Köhlmeier da und dort das Spiel mit der eigenen Biografie. Seine schon einige Male in Erscheinung getretene Prosafigur Sebastian Lukasser findet hier eine lobende Erwähnung für den Satz: „Die Wahrheit wird überschätzt.“ Auch stellt Matou fest, dass man über Charlie Chaplin und Winston Churchill einen Roman schreiben könnte, den Michael Köhlmeier selbstredend mit „Zwei Herren am Strand“ bereits veröffentlich hat.

Die kühnste Volte: Matou beginnt eine Novelle über Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, dieses Polit-Paar der europäischen Versöhnung, von der wir annehmen, dass sie einmal ein Buch von Michael Köhlmeier werden könnte. Die Novelle bricht bereits nach vier Seiten ab. Aber darunter steht: „Fortsetzung soll folgen!“

Und wo wir gerade bei den Fun Facts sind: Den schlanken Kater auf dem Cover hat Monika Helfer gezeichnet. Die Widmung, die die Schriftstellerin ihren Romanen „Die Bagage“ und „Vati“ – soeben auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis angekommen – vorangestellt hat, greift der Ehemann nun auf: „Für unsere Bagage“. Die Hauskatze ist sicher mitgemeint.

Erst wenige Wochen ist es her, da hat Michael Köhlmeier den schmalen Band „Gedankenspiele über das Gelingen“ (Droschl) vorgelegt. Welche Freude es macht, wenn etwas gelungen ist, lässt sich nun auch bei diesem dicken Brocken erfahren. „Matou“ macht gute Laune.

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