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Unmöglich, hier aber doch der Fall. Illustration von Nikolaus Heidelbach aus Köhlmeiers „Märchen“. 2019 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

„Die Märchen“

Michael Köhlmeier: Gespräch mit einem schöngeistigen Pferd

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Witzig, wild und wuchtig: Hausmärchen für Erwachsene von Michael Köhlmeier.

Ein Schriftsteller, der sich nicht für Märchen interessiert“, hat Michael Köhlmeier einmal gesagt, „ist wie ein Schreiner, der sagt, Holz interessiere ihn nicht.“ Das große Faible des österreichischen Autors für Sagen und Märchen ist bereits vielfach glanzvoll deutlich geworden. Zuletzt noch hat er im vergangenem Jahr seinem umfangreichen Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ eine besondere Note verliehen, indem er jedem der 13 Kapitel ein Märchen eigener Schöpfung vorangestellt hat. Diese hatten eine Kraft und Poesie, die sich nun vielfach wiederfinden lässt in dem prächtigen Lesebuch „Die Märchen“.

Die insgesamt 151 Geschichten auf mehr als 800 Seiten sind – es sagt sich so leicht, aber es stimmt eben auch – kongenial illustriert worden von Nikolaus Heidelbach. Denn den Autor aus Hohenems und den Zeichner aus Köln verbindet nicht nur das Leben am Rhein, sondern auch die Neigung zum Abgründigen im Schönen.

Allerfeinst frisiert und geschminkt ist die junge Frau auf dem Cover des sorgsam gestalteten Bandes – doch ihr cooler Seitenblick, der gefährlich hochgezogene Mundwinkel und vor allem die dünne grüne Schlange als Halsschmuck sind Warnung genug, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen ist.

Michael Köhlmeiers Märchen sind voller Überraschungen und voller Bizarrerien. Sie sind mal „lang, lang her“, mal tauchen aber auch Radio oder Autoscheibe darin auf. Manchmal erzählen sie eine Geschichte, die gut ausgeht, manchmal eine, in der das Böse siegen darf. Manchmal auch scheinen es gar keine Geschichten zu sein, sondern rätselhafte Momente, die aber ebenfalls festgehalten werden wollen. Oft tritt Klein gegen Groß an.

Michael Köhlmeier: Die Märchen. Mit Bildern von Nikolaus Heidelbach. Hanser 2019. 818 S., 58 Euro.

Und durchgängig ist das Vertrauen in die Natur, zumal in die Tierwelt, mit der wunderbare Gespräche geführt werden können – sei es mit einem Skorpion auf dem Bauchnabel oder mit einem schöngeistigen Pferd, das voll der klassischen Bildung ist. Es muss dem Autor einen enormen Spaß gemacht haben, der Phantasie freien Lauf zu lassen. Das Publikum hat er dabei stets im Sinn, spielt auch manchmal mit ihm, wenn er beispielsweise die Illusion zerstört – „Habt ihr denn wirklich geglaubt...“ -, um sie dann sogleich wieder neu zu beleben.

Warum so viel Böses in der Welt ist, neben all dem Guten, wird im 100. Märchen erzählt. Nur so viel an dieser Stelle: Gott hatte einen schlechten Tag, als er noch einmal Adam und Eva außerhalb des Paradieses besuchte. Er war da noch nicht der alte, wie wir ihn jetzt kennen, denn – nein, das ist zu kühn erzählt, um hier verraten zu werden. Man kann in diesem Buch wirklich viel lernen. Über die Menschen. Über die Hölle, die weiß ist. Oder auch interessante Einzelheiten wie diese: „Normalerweise ist ein Gespenst nicht gerne ein Gespenst.“ Wer weiß denn so was!

Was die Geschichten uns sagen sollen? Die Moral von alledem? Fragen Sie sich selbst! Gut vorstellbar, dass jeweils 1001 Deutungen möglich sind. Auf jeden Fall sind es keine Gute-Nacht-Geschichten, sondern Hallo-wach-Geschichten. Ein Hausbuch für Erwachsene. Witzig, wild und wuchtig. Schaurig und schön und mit einem Schuss Melancholie. Grimms Märchen waren gestern. Heute ist Michael Köhlmeiers Märchen-Sammlung dran.

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