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Die Familie eines neufundländischen Fischers in ihrer Hütte, Stich aus dem 19. Jahrhundert.

Roman aus Kanada

Was bleibt ihnen anderes übrig

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Michael Crummeys Roman „Die Unschuldigen“ erzählt von Hänsel und Gretel an Neufundlands rauer Küste.

In jenem Winter waren sie noch Kinder. Vor dem ersten Schneefall verloren sie die kleine Schwester.“ So beginnt Michael Crummeys Roman über ein Geschwisterpaar, nicht Hänsel und Gretel im tiefen Wald, sondern Ada und Evered an der lebensfeindlichen Küste Neufundlands. Keine zwei Seiten weiter sind auch die Mutter – sie „hustete Blut in die vorgehaltenen Hände“ – und der Vater tot. Eine Woche lang tun die Kinder so, als schliefe er bloß. Dann zerrt der elfjährige Evered den Leichnam ins Boot und versucht, ihn genau dort im Meer zu versenken, wo er gesehen hat, dass sein Vater die tote Mutter versenkte. Als er wieder ans Ufer kommt, „bewegte er weiter die Ruder im Wasser wie ein geköpftes Huhn, das um den Hackklotz rennt“.

Der 1965 in Buchans, Neufundland, geborene Michael Crummey kommt in „Die Unschuldigen“ schnell zum Kern, der auch eine Art Versuchsanordnung ist, spart andererseits im Folgenden nicht mit detaillierten, bestürzenden Schilderungen eines trostlosen Lebens nach dem Diktat der Jahreszeiten.

Es ist Anfang des 19. Jahrhunderts an einem der einsamsten Punkte der Welt. Ada und Evered kennen nur die Hebamme, die der Vater in einem Ort namens Mockbeggar geholt hat, wenn es nötig wurde, und die ihnen unheimlich war. Und von fern die „Hope“, die zweimal im Jahr in ihrer Nähe ankerte, zu der ihr Vater also zweimal im Jahr ruderte, um Wintervorräte zu kaufen und im Gegenzug seinen Fang, getrockneten Kabeljau, abzuliefern. Einen „Beadle“ (dt. Büttel) soll es dort geben, hat er erzählt, der die Bücher führt. Als zum ersten Mal Evered zur Hope hinausrudert – denn was bleibt den Kindern anderes übrig, wenn sie nicht gleich verhungern wollen? – begreift er, dass sein Vater Schulden hatte. Dass sie diese wohl nie werden tilgen können. Und doch kann er nur sein Kreuz druntersetzen wie ein Amen.

Crummeys historischen, in keinem Augenblick nostalgischen Roman – denn wer würde mit Ada und Evered tauschen wollen? – hat die Tatsache hier an Land gespült, dass Kanada in diesem Jahr ein halbes Gastland der Buchmesse ist (die Live-Termine sollen 2021 folgen). „Die Unschuldigen“ widmet sich von der ersten bis zur letzten Zeile den Schrecken eines Lebens, das nur die schwere körperliche Arbeit kennt, das den Gefahren des Meeres und des Wetters ausgeliefert ist.

Das Buch:

Michael Crummey: Die Unschuldigen. Roman. A. d. Engl. von Ute Leibmann. Eichborn, Köln 2020. 352 S., 22 Euro.

Wenn im Frühjahr die Kapelan-Schwärme kommen, werden die kleinen Fische in Massen aufs karge Feld geschaufelt, nach einiger Zeit untergegraben, um als Dünger zu dienen. Dann kommt, mit Glück, Kabeljau in Mengen. Und ist es, mit mehr Glück, außerdem ein Sommer, der den Fisch trocknen und nicht schleimig werden lässt. Wenn die Beeren reifen, sammelt Ada Stunde um Stunde und stopfen sich die Geschwister voll, bis sie Bauchweh haben. Es ist ihr Herbst-Fest. Einmal gibt es einen gewaltigen Sturm, in der Nähe muss ein Schiff untergegangen sein: Gierig suchen die beiden den Strand ab. Selbst einen einzelnen Schuh können sie brauchen. Und mit geborstenen Planken kann man noch einheizen.

Nichts wissen die Kinder, die anfangs neun und elf sind, außer dem, was sie von ihren Eltern aufgeschnappt haben. Sie können nicht lesen und schreiben, aber leichtgläubig sind sie auch nicht. Sie halten Abstand zur Welt, es ist ein Gefühl, das sie nicht erklären können. Vielleicht war es das umfassende Schweigen der Eltern: Erst als die Mutter im Sterben liegt, gibt sie Ada einen kryptischen Hinweis auf einen monatlichen „Besucher“: die Menstruation.

So ist es ein ganz seltsamer Fehler, den Crummey einmal macht, als er nämlich Evered zu seiner kunterbunt angezogenen Schwester sagen lässt: „So ausstaffiert siehst du aus wie eine Schwuchtel“. Denn nicht im Kleinsten sind die beiden aufgeklärt, wie sollen sie also jemals von Homosexualität gehört haben? Crummey beschreibt zart, plausibel, wie diese frühen Waisen nicht einmal wissen, wie Kinder entstehen. Es könnte was damit zu tun haben, dass sie barfuß durch den Tau gegangen ist, meint Ada irgendwann.

Aber das ist es natürlich nicht. Vielmehr, dass sie nur sich haben am einsamen Ufer – oder jedenfalls davon überzeugt sind, nur sich haben zu können. Und außerdem teilten sie sich, seit sie denken können, in der Kälte ein Bett. Es gelingt Crummey, die Verwirrung, die Scheu, Scham, auch die Begierde und plötzliche Losgelassenheit zu beschreiben, als die Geschwister miteinander schlafen. „Oh Gott, Bruder!“, ist alles, was Ada sagt. Dann gehen sie sich, „unangenehm berührt“, tagelang aus dem Weg. Michael Crummey macht keine große Sache daraus; und auch kein Gott wird kommen, um die beiden zu strafen.

„Die Unschuldigen“ ist ein dunkler, aber auch recht undramatischer, nüchterner Roman über eine ferne Zeit, ferne Gegend, ferne Gedankenwelt. Die einstigen indigenen Bewohner Kanadas sind bereits ein Schatten, sind nur eine Mutter und ihr Kind in einem Grab, auf das die Kinder einmal stoßen. (Eine Grabbeigabe, ein Anhänger ist das Schönste, das Ada heimlich besitzt.) Und lediglich in den Erzählungen eines Seemannes und Zimmerers, der in ihrer Bucht nach einem neuen Mastbaum sucht für ein beschädigtes Schiff, gibt es den ganzen staunenswerten Rest der Welt. Freilich beschreibt Crummey der Leserin nicht, was der Seemann Ada beschreibt – der Autor hält seine Geschichte eng, es macht sie durchaus intensiver.

Man erfährt nicht, ob Ada und Evered einen Schritt in die große Fremde gehen werden, irgendwann. Aber es scheint, weiter als bis Mockbeggar – „Spottbettler“, was für ein Name – werden sie es nicht schaffen, wird es sie vielleicht auch gar nicht ziehen. Sie haben ja sich.

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