+
Lion und Marta.

Lion Feuchtwanger

"Mich mittelmäßig aufgeführt"

  • schließen

Dichter, verbrennt Eure Tagebücher beizeiten! Lion Feuchtwangers Notizen, zum 50. Todestag des Autors erstmals veröffentlicht, sind nicht nur, aber vor allem ein Blick durchs Schlüsselloch.

Als ich Anfang er achtziger Jahre in Lion Feuchtwangers herrlicher Villa in Pacific Palisades (Los Angeles) mit seiner Witwe Marta über das Leben des heute vor 50 Jahren gestorbenen Schriftstellers sprach, wurde meine Frage, ob er Tagebücher geführt habe, mit einem kategorischen „Nein“ beantwortet. Die gleiche Reaktion erlebte ich wenige Monate später in Ascona, als ich Feuchtwangers langjährige Sekretärin und Geliebte Lola Humm-Sernau besuchte. Feuchtwanger selbst hatte mit der ihm eigenen Ironie 1931 auf die von der Redaktion des „Berliner Tagblatt“ gestellte Frage „Führen Sie ein Tagebuch?“ geantwortet: „Nein. Mir sagt es wenig zu, täglich Bilanz zu machen, wie sehr ich einen Menschen mag oder wie intensiv ich gearbeitet habe. Wenn Sie Tag für Tag minutiös messen, wieviel Milligramm Seele Sie zu- oder abgenommen haben, geraten Sie dann nie in Versuchung, falsche Gewichte zu nehmen?“

Einige Jahre später informierte mich der Leiter des Feuchtwanger-Archivs in der University of Southern California und bis zu Martas Tod 1987 langjährige Begleiter des Ehepaares, Harold von Hofe, darüber, dass er im Nachlass der letzten Sekretärin des Dichters mehrere Tagebuch-Hefte gefunden habe. Die Eintragungen seien in nur schwer zu entziffernden Gabelsberger Kurzschrift gemacht worden. Im Lesesaal des Archivs konnte ich Mitte der neunziger Jahre erste Einblicke in die Teile nehmen, die bereits transkribiert worden waren, und sie für die Neuausgabe meiner Biografie verwenden. Weitere Einblicke waren mir in den nächsten Jahren möglich. Kleine Ausschnitte der Tagebuch-Notizen wurden zudem bereits 1992 in der Buchausgabe von Feuchtwangers Bericht über seine Monate im südfranzösischen Lager Les Milles („Der Teufel in Frankreich“) veröffentlicht.

Tagebücher sind – sollten sie nicht mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung geschrieben oder überarbeitet worden sein – Berichte aus der Intimsphäre ihrer Verfasser. Sie sind spontane, emotional aufgeladene Notizen, das Abarbeiten von Versagensängsten, Wutausbrüche über Kränkungen, subjektive, meist hämische Momenturteile über Mitmenschen, vieles gesättigt von Selbstmitleid und Selbstrechtfertigung, dazu gelegentlich nüchterne Berichte über Tagesabläufe oder das politisch-gesellschaftliche Geschehen im Umfeld des Schreibers. In den jetzt veröffentlichten Tagebüchern Feuchtwangers finden sich viele dieser Elemente. Allerdings zeigt sich auch, dass Martas restriktive Antwort an den neugierigen Frager Gründe hatte. Über weite Strecken sind diese Tagebuchhefte eine grobe Kopie von Don Giovannis langer Geliebtenliste, die sein Diener Leporello spöttisch (und überaus wohltönend) der verlassenen Donna Elvira präsentiert. Sinnlichkeit und die ziemlich hemmungslose Suche nach sexueller Befriedigung haben auch Feuchtwangers Leben stark geprägt.

Wer seine Romane aufmerksam liest, den wird diese Erkenntnis nicht einmal so überraschen. Das Leben vieler seiner männlichen Figuren wird von – nicht selten – brutalem Sex beherrscht, und die mit großem Einfühlungsvermögen beschriebenen Frauenfiguren erliegen häufig den Mächtigen und Berühmten, die sie begehren und umwerben. Dass ihr Schöpfer nicht als Mönch durchs Leben ging, haben viele Freunde und Weggefährten in ihren Erinnerungen nicht übersehen. Wenn also etwas in diesen Tagebüchern erstaunt, dann, wie exzessiv Feuchtwangers Sexualleben war und mit welcher Mischung aus Selbstverachtung und Männerstolz er nahezu täglich notiert, wen er „gevögelt“, wann er ein Bordell besucht oder eine Straßenhure gesucht (und meist gefunden) hat. Feuchtwanger, wie Sigmund Freud uns lehrte, mag da keine so große Ausnahme sein, sondern allenfalls auffällig. Insofern werden seine Tagebücher vor allem die Voyeure dieser Welt befriedigen.

Ansonsten sind diese privaten Aufzeichnungen eines großen Autors weitgehend belanglos. Seine Schüchternheit im gesellschaftlichen Auftreten („Mich mittelmäßig aufgeführt. Nicht so großspurig wie manchmal früher, aber doch zu beflissen, mich ins Licht zu setzen“, 1931), seine Autoreneitelkeit, ganze wenige Hinweise auf literaturgeschichtlich interessante Ereignisse („Ein junger Mann bringt ein ausgezeichnetes Stück. Bert Brecht“, 1919) – neben der endlosen Aneinanderreihung seiner sexuellen Eroberungen findet der Leser nur wenige Passagen, die uns sein Werk und seine Reflexionen über das dramatische politische und gesellschaftliche Geschehen, wirklich näher bringen. Fast nichts über den Schaffensprozess, keine auch nur etwas tiefergehenden und über oberflächlich-ärgerliche Bemerkungen hinausgehenden Urteile über die Protagonisten seiner Zeit.

Fast unglaublich, aber in den Heften mit Aufzeichnungen der Jahre 1914 bis 1918 findet sich – jenseits seiner Sorgen über eine mögliche Einberufung – praktisch keine Bemerkung über den Krieg. Im krassen Gegensatz zum Werk, das er diesen Jahren und danach veröffentlicht. Auch die Münchner Revolutionstage, die Feuchtwanger in der Isar-Metropole als Zeitzeuge sehr aufmerksam beobachtet und die er in seinem Drama „Thomas Wendt“ literarisch aufarbeitet, finden im Tagebuch kaum einen Widerhall. Nach Hitlers Machtübernahme, die für den Juden und linksliberalen Schriftsteller ein fast drei Jahrzehnte währendes Leben im Exil brachte (zunächst in Frankreich, dann ab 1940 bis zu seinem Tod in den USA) finden sich kaum Anmerkungen zum Zeitgeschehen („Ich kann wohl infolge der Nachrichten aus Deutschland nicht schlafen“, 25. Juni 1933, das war es dann fast schon). Interessant sind die Aufzeichnungen über seine Reise in die Sowjetunion im Winter 1936/37, die Anne Hartmann – Mitarbeiterin dieser Tagebuchveröffentlichungen – in ihrem großartigen Forschungsbericht über Feuchtwangers umstrittenen Besuch und sein Buch „Moskau 1937“ allerdings schon ausgewertet hatte. Dazu kommen noch die letzten bislang gefundenen Tagebuchnotizen zur Internierung in Südfrankreich.

Etwas verwundert liest man also in der Einleitung der Herausgeberinnen den Satz: „Hautnah erleben wir das Ringen eines großen, durchaus fehlbaren Schriftstellers um sein Werk von den ersten Anfängen an.“ Außer ein paar spröden Fertigstellungsdaten, außer einigen Bemerkungen zu Titeländerungen oder dürren Hinweisen auf ersten Reaktionen nach Veröffentlichungen ist von diesem „Ringen“ nichts zu verspüren. Dass dieser berühmte und auflagenstarke Autor ein ungemein fleißiges, seine Tage in den Jahren nach 1918 voll ausfüllendes Schriftstellerleben geführt hat (allein zehn Romane hat er hinterlassen, dazu zahlreiche Theaterstücke und Essays), spiegelt sich in diesen Aufzeichnungen so wenig wider, wie seine ironisch, philosophische Haltung, die sein Werk schmückt. Notizen, wie wir sie niederschreiben, wenn wir sicher sind, dass uns niemand beobachtet. Aber deswegen bieten sie keine Wahrheiten, sondern allenfalls den Blick auf kleinbürgerliche Alltagskämpfe, wie wir sie alle in der einen oder anderen Weise zu bestehen haben.

Für den Leser nützlich sind das Personenregister und die Anmerkungen im Anhang. Hilfreich auch die kurzen Einleitungen zu den Lebensabschnitten, um die es jeweils geht. Für die Forschung und die Biografen mögen diese Tagebücher einige (wenige) Präzisionen zu Werk und Leben bringen. Aber Ihr Dichter, verbrennt rechtzeitig, was Ihr nicht für die Öffentlichkeit geschrieben habt. Die Nachgeborenen lieben das Schlüsselloch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion