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Dukaten und vieles mehr: "Die Schatzinsel"-Szene aus dem Disney-Film von 1950 mit Robert Newton als Silver.

Die Schatzinsel

Hau mich der Lukas!

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Warum nicht „Die Schatzinsel“, eines der berühmtesten Bücher der Weltliteratur, mal wieder lesen? Eine vorzügliche neue Übersetzung und Ausgabe regt dazu an.

Warum nicht „Die Schatzinsel“, eines der berühmtesten Bücher der Weltliteratur, mal wieder lesen? Eine vorzügliche neue Übersetzung und Ausgabe regt dazu an.

Long John Silvers Papagei, genannt Käpt’n Flint, kreischt je nachdem „Piaster“, „Dublonen“, „Runde Taler“. Andreas Nohl hat sich nun für „Dukaten“ entschieden, was einem vielleicht nicht aufgefallen wäre, hätte er nicht zur Erklärung angefügt: „weil das Wort Dukaten keine Labiallaute (m, b, p) enthält, die ein Papagei, da er keine Lippen hat, nicht gut nachbilden kann. Im Übrigen gab es noch in den 1970er Jahren im Foyer eines berühmten Hotels in Noordwijk aan Zee einen großen bunten Ara, der, wenn er sich zu Gelddingen äußerte, dies stets mit dem nachdrücklichen Schrei ,Dukaten!‘ tat.“ Nun lässt das den Schriftsteller Robert Louis Stevenson (1850-1894) sogar unbedacht dastehen, da Käpt’n Flint im Original mit der Wendung „Pieces of Eight“ durchaus einen Labiallaut formen muss. Und doch ist es überzeugend (vor allem das holländische Hotelfoyer) und wird in die originell begründeten Entscheidungen der Übersetzungsgeschichte eingehen.

Wer Freude daran und Respekt davor hat, in eine Übersetzerwerkstatt zu schauen, in der es bisweilen offenbar auch überkandidelt zugeht, kommt in der Neuübersetzung von „Die Schatzinsel“ – einem der berühmtesten Bücher der Weltliteratur, und an munteren Übersetzungen mangelt es nicht, wie Nohl einräumt – auf seine Kosten. Nohl hat vor allem mit seiner ebenfalls für Hanser übernommenen „Tom Sawyer & Huckleberry Finn“-Übertragung sein Virtuosentum unter Beweis gestellt, als es galt, Hucks bodenlos kurioses Englisch in ein bodenlos kurioses Deutsch zu bringen. „Die Schatzinsel“ ist von anderer, konzentrierter Art, und auch auf diese lässt Nohl sich unbedingt ein. Als Dreingabe zum zügigen Satzfluss gibt es ein modernes, aber nicht anbiederndes Vokabular, reizvolle Wendungen aus der Seemannssprache und Nohls Blick für schräge Eigenarten, wenn John Long Silver statt wie ehedem „Hol mich der Teufel“ vorzugsweise sagt: „Hau mich der Lukas“ – auch dies in den vorzüglichen Anmerkungen wohlbegründet: Stevensons Silver mag sprachliche Abweichungen.

Die neue „Schatzinsel“ ist ein Schatzkästchen an Sorgfalt. Zu Anmerkungen und instruktivem Nachwort kommen weitere Texte von Stevenson, darunter ein grandioser Dialog zwischen Kapitän Smollet und John Silver, die zwischen zwei Kapiteln kurz eine rauchen gehen und sich unterhalten. Stevenson, seine Frau und sein Stiefsohn erinnern sich zudem an die gleichfalls berühmte Entstehungsgeschichte des Romans. Hier wird sie, wie es sich für anständige Zeugen gehört, ziemlich unterschiedlich wiedergegeben, wobei es stets darauf hinausläuft, dass der 31-jährige, unter Kennern bereits gerühmte, den großen Durchbruch aber weiterhin sehnlichst erwartende Schotte mit der Geschichte zunächst seinen kleinen Stiefsohn und bald auch seinen Vater und bald noch weitere Zuhörer während eines besonders verregneten Sommers unterhalten wollte.

Nach einem ersten Abdruck „für Jungs“, so Stevenson über seine frühen Absichten („Frauen waren ausgeschlossen“), überarbeitete er den Text allerdings erneut. Erst jetzt, 1883, als Abenteuerroman für alle, schlug „Die Schatzinsel“ durch. „Einen von Piraten vergrabenen Schatz zu suchen, ist weder löblich noch charakterbildend!“, meldete sich gleichwohl einer der kritischen Rezensenten und traf den Nagel wahrlich auf den Kopf. Es ist die Stärke der „Schatzinsel“, dass die Geschichte, die in ihr erzählt wird, weder löblich noch charakterbildend ist. Von der Entstehung im Privaten, quasi unter dem allabendlichen Auge des Lesers, lässt sich das nicht trennen: Wenn je ein guter Schriftsteller sich an ein Buch gemacht hat, nicht um zu informieren, zu belehren und zu überzeugen von einer Sache, die über die Ereignisse hinausgeht, sondern allein, um zu unterhalten, zu erschrecken und zu überzeugen von diesen Ereignissen, so ist es dieses hier.

Es geht darum, heil rauszukommen

Die Männer, die sofort alles stehen und liegen lassen, um auf Schatzsuche zu gehen, sind wackere Patrioten, aber das ist für den Fortgang der Handlung unwesentlich. „Und wenn man bedenkt, dass das alles Engländer sind“, schimpft Squire Trelawney (Nohl besteht auf „Gutsherr“, was merkwürdig unnatürlich wirkt). Der Squire ist selbst Engländer, jedoch nicht der hellsten einer. Seine chronische Schwatzhaftigkeit ist es, die den Schlamassel einleitet. So dumm kann kein Pirat sein, dass er nicht auf einem Schiff anheuern würde, dessen Besitzer sich des Besitzes einer Schatzkarte rühmt.

Es geht in der Tat nicht um die Liebe zum Vaterland, nicht um die Liebe zu einer Frau, zu Verwandten, zu Freunden, denn dies ist eine klassische Schicksalsgemeinschaft. Es geht nicht einmal in erster Linie um das zu findende Gold, auch wenn sich die Suchenden ausmalen, dass sie dann „den Rest unseres Lebens Münzen übers Wasser hüpfen lassen“ können. Und es geht selbst um Tapferkeit und Anstand nur in den Grenzen des gerade Möglichen. Kaltblütigkeit ist es, die am ehesten weiterhilft, wenn Kanonenkugeln über einen hinwegfliegen und man in der Lage ist, sie „nicht wichtiger als Cricket“ zu nehmen, ein königlicher Vergleich.

Denn vor allen Dingen dreht sich „Die Schatzinsel“ darum, Situationen von Moment zu Moment zu bewältigen, Problemlösungsstrategien unter Druck zu entwickeln. „Es geht ums nackte Überleben“, schreibt Andreas Nohl zu Recht, aber immer nur Sekunden haben die Figuren Zeit, darüber nachzudenken. Denn nicht umsonst setzt Stevenson Tempo und Dramaturgie mit solchem Geschick ein, dass auch die gelungenen Verfilmungen, etwa die von 1950 mit Robert Newton oder die von 1972 mit Orson Welles als Long John Silver, trotz ihres erheblichen Potenzials schlicht erscheinen.

Nur um ihn, um auch das noch klarzustellen, nur um den leutseligsten und infamsten aller Piraten geht es trotz des bunten Personals. Ihn fürchtet der junge Erzähler Jim Hawkins, bevor er ihn gesehen hat. Ihn begleitet Käpt’n Flints „Dukaten!“-Gekreisch. Genial packt Stevenson Jim und uns bei der letztlich unüberwindlichen Kinderangst, die mit hässlichem Geräusch, mit der simplen Erkenntnis durch Wiedererkennung und mit den Ausgeburten der Fantasie einhergeht. Dass Silver toll mit Kindern umzugehen weiß, gehört zwingend dazu. Erst das ist ja der Schrecken, die netten und respektvollen Mörder.

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