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Reitani: „Wörter sollten möglich wenig erlesen sein.“

Hölderlin

Luigi Reitani: „Mich interessiert sein Scheitern“

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Von der Unmöglichkeit, den Sinn festzuhalten: Ein Gespräch über Hölderlin mit seinem italienischen Herausgeber Luigi Reitani.

Herr Reitani, in den italienischen Rezensionen zum zweiten Band Ihrer Hölderlin-Ausgabe steht, es sei die am besten kommentierte überhaupt.
Es ist sicher die Ausgabe mit dem umfangreichsten Kommentar. Sie gibt auch den aktuellen Stand der Forschung wieder. Jochen Schmidts Ausgabe mit ihrem sehr guten Kommentar erschien im Deutschen Klassiker Verlag 1992-1994. Da ist inzwischen einiges dazu gekommen. Mein Kommentar lebt davon, dass ich verschiedene Auffassungsmöglichkeiten benenne. Ein Kommentar ist für mich keine Interpretation. Ein Kommentar muss Fenster öffnen. Hölderlin nicht als „Grieche unter den Deutschen“, sondern als ein deutscher Zeitgenosse, der sich intensiv mit der Literatur, der Philosophie seiner Zeit beschäftigte.

Sie haben Werke und Briefe umdatiert. Zum Beispiel den kleinen Text „Urteil/ Sein“.
Friedrich Strack hatte schon gezeigt, dass Hölderlin ihn wohl auf das Vorsatzblatt von Schellings Artikel über „Philosophische Briefe über Dogmatismus und Kriticismus“ geschrieben hatte. Er entstand also, nachdem Schelling seine Auffassung bereits in „Vom Ich als Prinzip der Philosophie“ formuliert hatte. Wer Hölderlins Text aufmerksam liest, wird ihn als Kritik an Schellings Begriff von „intellektueller Anschauung“ verstehen. So muss man Hölderlins Position in der sehr verwickelten Frühgeschichte des deutschen Idealismus jetzt anders sehen. Hölderlins „Urteil/Sein“ steht nicht an seinem Anfang, sondern zwischen Schelling und Hegel.

So ganz ohne Interpretation scheint der Kommentar nicht auszukommen.
Das ist Chronologie. Eine Frage der philologischen Akribie. Bei den letzten Briefen an die Mutter hatte sich bisher niemand um die Chronologie gekümmert. Ich habe das jetzt getan und sie nach Papiersorten, Wasserzeichen und Thematiken versucht, in eine zeitliche Ordnung zu bekommen. Das ist erst einmal ein Anfang. Da wird man noch viel tun müssen.

Das hört sich so an, als käme man ohne Ihre Ausgabe gar nicht mehr an Hölderlin heran.
Das mag vielleicht für das unvollendete Drama „Der Tod des Empedokles“ gelten. Es entstand zwischen 1797 und 1800 und schildert die letzten Tage des vorsokratischen Philosophen aus Agrigent, der sich einer Legende zufolge mit dem Ruf „Im freien Tod, nach göttlichem Gesetz“ in den Ätna stürzte. In seinem Roman „Hyperion“ erklärt der Titelheld: „Da fiel der große Sizilianer mir ein, der einst des Stundenzählens satt, vertraut mit der Seele der Welt, in seiner kühnen Lebenslust sich da hinabwarf in die herrlichen Flammen.“

In Ihrer Ausgabe bringen Sie den Empedokles deutsch und italienisch.
Die Tragödie besteht aus verschiedenen Entwürfen, die verschiedenen Konzeptionen zuzuordnen sind. Die aber Hölderlin auch immer gemeinsam vor Augen standen. Den einen richtigen Text gibt es nicht. Hölderlin nahm manches erst Verworfene später wieder auf, er hielt sich verschiedene Optionen offen. Das muss die Ausgabe zeigen. Sie darf nicht erschaffen wollen, was es nicht gibt: das Drama Empedokles. Meine Ausgabe bringt mehr von Hölderlins Text als alle anderen Ausgaben. Sie ordnet auch den deutschen Text neu.

Wann erscheint Hölderlins Empedokles in der Reitani-Fassung in Deutschland?
Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe sehr darauf. Der Empedokles ist Hölderlins letzter Anlauf zu einem großen Werk. Hölderlin scheitert auch diesmal.

Es sah lange so aus, als würden Sie auch scheitern an dieser Hölderlin-Ausgabe. Der erste Band erschien 2001! Wie war es zu dem gekommen?
Renata Colorni, die damals die Klassikerreihe „I Meridiani“ im Verlag Mondadori herausgab – sie tut es noch immer – bat mich um eine Übersetzung der Gedichte Hölderlins für die Reihe. Ich muss etwas zu Renata Colorni sagen. Sie verkörpert ein Stück des besten Italien. 1939 in Mailand geboren. Ihr Vater war Eugenio Colorni, ein Philosoph jüdischer Herkunft, ein Widerstandskämpfer und einer der Autoren jenes berühmten, 1941 in der Verbannung entstandenen „Manifests für ein freies und vereintes Europa“ Wenige Tage vor der Befreiung Roms wurde der Widerstandskämpfer von faschistischen Milizen niedergeschossen. Die spätere Mutter Renata Corlonis, Ursula Hirschmann, hatte er 1935 beim Studium in Berlin kennengelernt. Der berühmte Wirtschaftswissenschaftler Albert O. Hirschmann war ihr Bruder. Nach dem Tod ihres Mannes heiratete Ursula Hirschmann Altiero Spinelli, der einer der Gründungsväter des vereinten Europa wurde. Renata Colorni wuchs in einem der freigeistigsten Häuser Roms auf. Ihre Schwester Eva heiratete den späteren Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen.

Oh bitte zurück zum armen Hölderlin...
Dem Angebot Renata Colornis konnte ich nicht widerstehen. Obwohl ich Hölderlin damals kaum kannte. Bei der Übersetzung von Elfriede Jelineks Text „Wolken.Heim“, in dem viele Hölderlin-Passagen vorkommen, hatte ich gemerkt, dass ich das konnte und sagte dann in jugendlichem Übermut zu. Nach vier Jahren war ich fertig mit dem Buch. Der zweite Band aber zog sich hin. 2008 bis 2013 war ich Kulturdezernent der Stadt Udine. Damals rührte ich keinen Finger für Hölderlin. Vor vier Jahren setzte mir der Verlag die Pistole auf die Brust: Entweder Sie machen das fertig oder wir begraben den zweiten Band. Das wäre ein Verbrechen gewesen, angesichts dessen, dass es zum Beispiel die Übersetzungen schon seit 2004 gab. So brachte ich die 1904 Seiten des zweiten Bandes doch noch zu Stande. An den Wochenenden und in den Ferien, neben der Arbeit hier im Kulturinstitut. Die Einleitung „Fragmente aus der Zukunft“ schrieb ich Weihnachten hier in Berlin.

Das ist die Berliner Hölderlin-Ausgabe!
Schon 2002 war ich mit einem Stipendium hier. Für die Handschriften waren Marbach und Stuttgart am wichtigsten. Aber in der Stabi (Staatsbibliothek) kennen sie mich gut. Am Ende ist die Ausgabe in Berlin entstanden. Berlin war sehr produktiv für mich. Der Umgang mit Wissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern hat die Edition gefördert. Das war alles sehr anregend und hat der philologischen Arbeit sehr genutzt.

Viertausend Seiten haben Sie Hölderlin gewidmet. Bedauern Sie, diese gewaltige Anstrengung nicht auf ein eigenes Werk konzentriert zu haben?
Was gibt es Schöneres als seine eigene kleine Stimme einem wirklich großen Autor zu leihen? Ein Kommentar ist etwas Schönes: Man erweist einem Anderen Respekt. Ich habe eine Reihe von kleinen Büchern, von Aufsätzen geschrieben. Warum soll ich einen Leser quälen mit einem dicken Buch? Aber vielleicht schreibe ich ja doch noch einmal eine Hölderlinbiografie.

Von Hölderlin weg wollen Sie nicht?
Das kann man nicht, wenn man einmal begonnen hat, sich mit einem solchen Autor zu beschäftigen.

Bei Hölderlin lockt einen der hohe Ton oder er schreckt einen ab.
Ich habe bei der Übersetzung mehr gegen den erhabenen Ton gearbeitet. In Italien hat man es dabei zu schnell mit D’Annunzio zu tun. Ich achtete auf die Eleganz der Sprache, aber die Wörter sollten möglichst wenig erlesen sein. Hölderlin verwendet ja immer wieder alltagssprachliche Wendungen. Die stehen in einem deutlichen Kontrast zu seinem oft angeschlagenen hohen Ton. Das ist es, was ich an Hölderlins Sprache liebe: der Wechsel der Töne.

Hölderlin sah sich ja auch als Seher, geradezu als Prophet.
Mich interessiert sein Scheitern. Immer wieder diese riesigen Entwürfe, die einen absoluten Charakter haben. Hölderlin will den ganzen Weltzusammenhang philosophisch und poetisch fassen. In einem Werk. Aber fast alles bleibt Fragment. Das ist das Faszinierende an Hölderlin. Neue Welten will er schaffen. Immer vergebens. Das ist das Moderne an Hölderlin.

Aber sehen wir heute den Weltzusammenhang nicht viel genauer als damals? „Wir sind Sternenstaub“, das war damals Poesie. Heute wissen wir: Wir sind es wirklich.
Der Traum Hölderlins und seiner Generation sei also heute besser zu realisieren, meinen Sie? Wir leben in einer Epoche, denken Sie, der das Ganze als lebendiger Zusammenhang, als „intellektuelle Anschauung“ viel plastischer vor Augen steht?

Genau das.
Die wissenschaftliche Forschung hat Instrumente entwickelt, die uns bis an die Grenzen der Welt und tief in unser Inneres blicken lassen. Wir verstehen, wie alles sich durchdringt. Aber ergibt das einen Sinn? Um ihn aber ging es Hölderlin. Er wusste: In einem Moment hat alles einen Sinn, ist schön, wahr und gut. Im nächsten aber gibt es ihn nicht mehr. Die Welt ist zerbrochen. Der Mensch ist verzweifelt. An der Unmöglichkeit, den Sinn festzuhalten, scheiterte Hölderlin. Nicht nur als Autor. Ich sehe nicht, dass uns unsere neuen Erkenntnisse vor Hölderlins Scheitern bewahren könnten.

Interview: Arno Widmann

Zur Person

Luigi Reitani, am 18. Juli 1959 im süditalienischen Foggia geboren, ist Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Germanist. Sein Vertrag als Direktor des Berliner italienischen Kulturinstituts läuft im September aus.

Seine zweibändige Hölderlin-Ausgabe ist seit wenigen Wochen vollständig: 2001 erschien der erste Band, Hölderlins Lyrik in einer zweisprachigen Ausgabe – die Übersetzungen ins Italienische stammen alle von Reitani. Jetzt erschien der zweite Band mit Prosa, Theater und Briefen. Es ist die umfangreichste nicht-deutsche Hölderlin-Ausgabe.

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