Und an den Küsten, sieht man, steigt die Flut: Überschwemmte Straße in Florida.
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Und an den Küsten, sieht man, steigt die Flut: Überschwemmte Straße in Florida.

Roman "American War"

Im "Mexikanischen Protektorat"

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Omar El Akkads einerseits aufsehenerregende, andererseits literarisch unbeholfene Dystopie "American War" führt ins Jahr 2075. Teile der USA sind verschwunden, andere führen Krieg gegeneinander.

Im Frühjahr erst ist Omar El Akkads Roman „American War“ im englischsprachigen Original erschienen; jetzt, schon tief in der Amtszeit eines die Vereinigten Staaten von Amerika immer weiter entzweienden Präsidenten und nun gar in den Tagen nach Hurrikan Harvey liest er sich noch hellsichtiger, bedrohlicher.

Eigentlich kann „American War“ – der Fischer-Verlag hat den Originaltitel übernommen – einer umfangreichen Aufmerksamkeit kaum noch entgehen. Schließlich erzählt er – man schreibt zunächst das Jahr 2075 – von einem einst mächtigen Land, das von Klimawandel wie auch Bürgerkrieg verwüstet wurde. Der Rote Halbmond betreut das größte Flüchtlingslager, das ironisch Camp Patience, Camp Geduld, heißt. Hilfslieferungen für die Heimatlosen, Elenden kommen aus China und auch Nordafrika, wo sich einige Staaten nach dem fünften und endlich erfolgreichen Arabischen Frühling zum Reich Bouazizi zusammengeschlossen haben (der Selbstmord des Tunesiers Mohamed Bouazizi war Auslöser für den sogenannten Arabischen Frühling).

Omar El Akkads dystopische Umkehrung der weltpolitischen Verhältnisse, seine Erzählung vom Abstieg der USA hat eine Logik, der man sich in diesen Tagen nicht entziehen kann. So könnte es in sechzig Jahren sein: niedrig gelegene Teile der USA sind überflutet, zum Beispiel ist fast ganz Florida verschwunden, der „rote“ Süden und der „blaue“ Norden führen den Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg darum, ob noch fossile Brennstoffe verwendet werden dürfen.

Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina schließen sich zu den „Freien Südstaaten“ zusammen, dort wollen „freie“ Bürger gefälligst noch mit ihren alten Benzinkutschen und Motorbooten fahren. Aber bald sind sie nur noch zu dritt als „MAG“: Wegen einer Seuche wird ganz South Carolina hinter einer Mauer unter Quarantäne gestellt.

Und eine weitere böse Wendung hat sich der Autor ausgedacht: im Norden von Mexiko gibt es 2075 einen breiten Streifen ehemals US-amerikanisches Land, nun „Mexikanisches Protektorat“. Ob die Mexikaner zum Schutz vor Flüchtlingen außerdem eine Mauer gebaut haben?

„American War“ ist Omar El Akkads Debütroman. Der 1982 in Kairo Geborene wuchs in Katar auf. Er war 16, als die Familie nach Kanada zog. El Akkad wurde Journalist, arbeitete in Toronto bei der Tageszeitung „The Globe and Mail“, später vor allem als Korrespondent für den Westen der USA. Dass er auch über Afghanistan und Guantanamo geschrieben hat, kann man bei Lektüre des Romans unschwer vermuten. Seine Hauptfigur wird mit Waterboarding gefoltert.

Der alte Mann, der im Prolog zu sprechen anhebt, ist nur eine Art Rahmenerzähler, da, um dem Leser zügig diese Zukunftswelt zu vermitteln, in der die politischen Verhältnisse kopfstehen. Aber er kennt auch das schreckliche Geheimnis seiner Tante, die dafür sorgte, dass er als sechsjähriger „sonnenverbrannter Junge aus Georgia“ auf neutralen Boden nach Alaska geschafft wurde. „Ich weiß noch, wie sich die merkwürdigen weißen Flocken auf meinen Wimpern anfühlten“. Dann verschwindet er auch schon für lange Zeit aus der Geschichte.

Seine Tante also: Sara T. Chestnut, genannt Sarat. 2075 ist sie sechs und wohnt mit ihrer Zwillingsschwester Dana, ihrem älteren Bruder Simon und den Eltern in einem Wellblechcontainer, im Verschlag dahinter „ein paar halbverhungerte Hühner“. Vater Benjamin will sich um die Erlaubnis bemühen, in den Norden ziehen zu dürfen („nur Verräter gehen in den Norden“, sagt der Sohn), wird aber getötet. Martina bleibt nur, mit ihren Kindern ins Flüchtlingscamp zu gehen. Wo sie im Dauer-Provisorium landen und wo ständig neue Decken-Lieferungen ankommen, aus China, aus Bouazizi, obwohl es im Camp Patience immer warm, nein, heiß ist.

Das Mädchen Sarat, das schon mit zwölf alle um Haupteslänge überragt, das nach ihrer Mutter kommt, „verbissen, hart und furchtlos“ ist, wird von einem älteren Mann zur Terroristin herangezogen. Nicht zur Selbstmordattentäterin, wie er es mit anderen macht, sondern zur Scharfschützin. Nach einem Massaker im Camp Patience kennt sie nur noch Rache. Friedensverhandlungen scheitern, weil sie einen hohen General des Nordens erschießt. Und zuletzt ist sie es, die, nach Jahren der Gefangenschaft und Folter, die im Labor geschaffene „Einheitspest“ zur großen Feier trägt. Die Folge: 110 Millionen Tote.

Die bittere Geschichte und ihre Verästelungen sind ein mutiger Wurf. Aber „American War“ ist kein literarisch bedeutender Roman. Die Dialoge, angefangen mit den Gesprächen der Kinder, sind allzu offensichtlich um Faktenvermittlung bemüht, um auch nur annähernd wahrhaftig zu klingen. Alle Nebenfiguren bleiben dünn und blass. Von Dana etwa erfährt man, bis sie als junge Frau bei einem Anschlag ums Leben kommt, nur, dass sie Modezeitschriften liebt und optisch das ganze Gegenteil von Sarat ist. Und selbst Hauptfigur Sarat ist bis zuletzt seltsam uninteressant. Sie ist ein zwar eigenwilliges, aber rasch beeinflussbares, formbares Kind. Dann eine nur von Rache getriebene junge Frau. Es gibt keinen Grund, sie für intelligent zu halten. Aber ist es tatsächlich das, was Omar El Akkad von ihr erzählen wollte? Oder ist es ihm in seinem Erstling unterlaufen, aus schriftstellerischer Unerfahrenheit?

„Miss Sara hielt nicht viel von Kompromissen“, heißt es einmal. Sie wird als verbissen, hart und furchtlos vorgestellt (mit sechs!) und sie bleibt verbissen, hart und furchtlos. Am Ende weiß man, dass es auf der planen Fläche dieser Figur nicht einmal für Halbschatten reicht. Es bräuchte einen deutlich sprachmächtigeren Autor, um mit diesem Kriegsroman nicht nur zu beunruhigen, sondern auch zu bewegen.

Omar El Akkad: American War. Roman. A. d. Engl. v. Manfred Allié/ Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer, Frankfurt 2017. 448 S., 24 Euro.

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