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Das Metier des Dichters

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Heinrich Heine auf einem Stahlstich nach     einem Bild von Moritz Daniel Oppenheim.
Heinrich Heine auf einem Stahlstich nach einem Bild von Moritz Daniel Oppenheim. © Imago

Rolf Hosfeld geht in seiner 500 Seiten starken Biografie Heinrich Heines der Frage der „Erfindung des europäischen Intellektuellen“ nach. Dabei ignoriert er unerschrocken uns souverän die vorhandene Mengenlage.

Von Otto A. Böhmer

Dass es an Biografien berühmter Dichter und Denker mangelt, lässt sich nicht behaupten. Ein kurioser Trend: Autoren wagen sich selten an Unbekannte, sondern halten sich lieber an die üblichen Verdächtigen. So lagern ungezählte Goethe-Biografien im Markt. Gleich danach kommt bei den Biografen Heine. Das ist auch eine Frage der Unerschrockenheit.

Der Autor Rolf Hosfeld scheint ein solcher Unerschrockener zu sein, denn er hat die vorhandene Mengenlage souverän ignoriert und eine neue, immerhin über 500 Seiten starke Heine-Biografie vorgelegt, die sich mit einem kühnen Untertitel schmückt: „Die Erfindung des europäischen Intellektuellen“. Was es damit auf sich hat, erschließt sich nicht auf Anhieb; ein wenig Kombinationsgabe ist gefragt und die Bereitschaft, dem Biografen zu folgen, der das Große und Ganze im Blick hat, mit den kleinteiligen Momentaufnahmen eines Lebens, die in der Summe oft gewichtiger sind als nachträglich aufgesetzte Deutungsmuster, jedoch nicht immer etwas anzufangen weiß.

Das Gelände, auf dem sich Hosfeld zu Heine aufmacht, ist vergleichsweise gut ausgeschildert; diverse Kollegen sind vor ihm unterwegs gewesen und haben Aufzeichnungen hinterlassen, an die man sich halten kann. Dass das für eine neue Biografie nicht ausreichend ist, leuchtet ein; schwierig wird es indes, wenn sich herausstellt, dass das erkenntnisleitende Interesse, dem man folgt, ambitionierter ist, als es der Materialbestand zulässt.

Heine ist sich, so Hosfeld, zeit seines Lebens treu geblieben: Er „hatte nie die Absicht, sich mit Höhenflügen zu verrechnen. Er war ein moderner Skeptiker in der Tradition Michel de Montaignes. Wie sein großes Vorbild Baruch de Spinoza wollte er eine Welt ohne Chimären, ohne ‚Tiefe‘. Und entsprechend eine Dichtung, die leichten Fußes daherkommt und sich in einer offenen und mit all ihren Ambivalenzen unbestimmten Gegenwart verortet sieht.“

Ein Dichter, wie Heine ihn gab, ist kritisch; meist richtet sich seine Kritik gegen die Umstände, die Kollegen, die Ignoranz in der Welt, nicht so gern gegen sich selbst. Dass Dichter sich in Einverständigkeit üben, kommt fast gar nicht vor; eine unterschwellige Unzufriedenheit gehört zum literarischen Geschäft, das man zumachen könnte, wenn die Beteiligten ihr Genügen darin fänden, den bestehenden Verhältnissen zu applaudieren.

Heinrich Heine war ein Künstler der Kritik, die er, wenn ihm danach war, in Poesie umsetzte. Dabei befeuerte ihn die Gewissheit, in einer Zeitenwende zu leben: „Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter des achtzehnten und das erste Morgenrot des neunzehnten Jahrhunderts“. Die deutsche Klassik, für die vor allem Goethe und Schiller stehen, stellte ihren Betrieb ein, weil ihr der Nachwuchs fehlte; die deutsche Romantik eines Novalis, Brentano, Eichendorff, Tieck, „eine somnambule Periode des Liedes, der stillern Gemüthsblume“, hatte „ein Ende“, weil nichts mehr so romantisch war, wie es einmal gesehen wurde.

Heine begreift sich als Dichter des Übergangs: „Das letzte freie Waldlied der Romantik“, das er selbst noch zu schreiben gedachte, ist „verklungen“, nun macht sich „die selbsttrunkenste Subjektivität, die weltentzügelte Individualität, die gottfreie Persönlichkeit mit all ihrer Lebenslust ... geltend“, ein Prozess, der möglicherweise bis auf den heutigen Tag angehalten hat.

Der Dichter, wie Heine ihn sieht, sollte mehr zu bieten haben als Vergangenheitsverklärung und Festschreibung der Gegenwart; sein Metier ist die noch nicht ausgedachte Zukunft: „Ein wunderliches Sonntagskind ist der Poet; er sieht die Eichenwälder, welche noch in der Eichel schlummern, und er hält Zwiesprache mit den Geschlechtern, die noch nicht geboren sind ... Friedrich Schlegel nannte den Geschichtsschreiber einen Propheten, der rückwärts schaue in die Vergangenheit; – man könnte mit größerem Fug von dem Dichter sagen, dass er ein Geschichtsschreiber sei, dessen Auge hinausblicke in die Zukunft.“

In der „Matratzengruft“

In der Theorie ist Heine ein großer Volksfreund gewesen, in der Praxis hält er lieber Abstand. Vielleicht hat das auch mit seiner Krankheit zu tun, die ihn zunehmend quält: Seit 1832 leidet er, der seit Jahren schon von heftigen Migräneanfällen heimgesucht wird, an einer rätselhaften Rückenmarkserkrankung, die ihm erst Sehstörungen und Bewegungsausfälle, dann fortschreitende Lähmung bringt. Von 1848 an ist er ans Bett gefesselt, er bezieht seine „Matratzengruft“, in die er sich jedoch nicht ohne Gegenwehr begibt. Heine präsentiert sich als Widerstandskünstler, der seine Krankheit mit Geist und Ironie bekämpft, den einzigen Waffen, die ihm geblieben sind.

Getröstet ist er vermutlich nicht abgegangen, denn er meinte zu wissen, dass es im Leben nicht leicht ist, auch wenn man es sich leicht macht; was danach kommt, mutet ohnehin arg ungewiss an. Mit Blick auf die Totenmasken, die man den Verstorbenen abnahm, um ein Stück Erinnerung an die Lebenden zu haben, schrieb er: „Gemeinsam ist … diesen Gipsgesichtern ein gewisser rätselhafter Zug, der uns, bei längerer Betrachtung, aufs unleidlichste die Seel durchfröstelt; sie sehen alle aus wie Menschen, die im Begriffe sind, einen schweren Gang zu tun.“

Unter den deutschen Dichtern, zu deren bekanntesten er unangefochten zählt, gehört Heine zu den Stilisten, den Umgangskünstlern der Sprache, die das Schwerfällige nur vom Hörensagen kennen. Dass man über ihn durchaus geteilter Meinung sein kann, daran hat sich bis heute nichts geändert. Für den Schriftsteller Karl Kraus, den selbsternannten Sicherheitschef der deutschen Sprache, galt Heine als Erfinder des Feuilletonismus, jener Variante journalistischer Ernsthaftigkeit, die ihre Ernsthaftigkeit bestenfalls simuliert. Heine habe, so Kraus, „der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert“, „daß heute alle ... an ihren Brüsten fingern können“.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch er ein empfindsamer und kritischer Mensch, war da ganz anderer Meinung: „Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag ...“. Nicht nur Heines feine Bosheit („Der dramatische Dichter, der es versteht, Tränen zu entlocken: Dieses Talent hat auch die kümmerlichste Zwiebel, mit dieser teilt er seinen Ruhm“) bleibt zu rühmen, auch der Realismus, mit dem er den Literaturbetrieb sah: „Die Autoren sterben und ihre Bücher altern. Es ist ein schlechtes Geschäft, das wir treiben; unsere Schriften, unser Geisteserwerbnis verschlechtert sich jedes Jahr, während bei jedem anderen Gewerbe das Kapital sich jährlich verbessert durch Kumulation der Zinsen“.

Wer sich über Heine informieren will, wird bei Hosfeld ordentlich bedient. Dass es nun aber nur diese (vorübergehend allerneueste) Biografie sein muss, ist damit nicht gesagt, im Gegenteil; man kann sich, nach wie vor, auch an Autoren halten, die bereits in Vorleistung getreten sind (Liedtke; Hauschild/Werner; Decker, Kruse; Ziegler; Reich-Ranicki; Sammons; Briegleb; Höhn u.a.m.). Und sollte sich jemand grämen, dass über ihn, selbst in Zeiten fortschreitender Geschwätzigkeit, keine Biografie geschrieben wird, nicht mal eine klitzekleine, darf er sich von Heine sagen lassen, dass es auf das geschriebene Wort gar nicht ankommt; die eigene Biografie nämlich schleppt man mit durchs Leben – bis endlich Ruh’ ist: „jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“

Otto A. Böhmer lebt als Schriftsteller in Wöllstadt (Wetterau). In diesem Herbst erscheint von ihm die Novelle „Calwer Frühling“ (Edition Faust) und eine kommentierte Neuausgabe seines Romans „Das Jesuitenschlößchen“ (Aisthesis Verlag).

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