Das Messer gezückt

Dorothea Nolde widerlegt in ihrer Studie über Macht und Gewalt in der frühneuzeitlichen Ehe das dunkle Klischee des Mittelalters

Von BEA LUNDT

Eine Abbildung aus dem 16. Jahrhundert ziert das Titelblatt: Eine Frau schlägt einem Mann einen Schlüsselbund um die Ohren, erschrocken hält er sich die Hand auf die schmerzende Stelle. Auch ihr Bein hat sie im Schwung gegen ihn erhoben, offenbar hat sie ihm gerade einen Tritt gegen das Schienbein versetzt. Vor ihr halb zusammengesunken ist er hilflos, sie umklammert sein Handgelenk, so dass er den Stock in seiner Rechten hat senken müssen. Gerade holt sie neu aus, Triumph und Stolz im Gesicht, ihre Rockschöße flattern. Eine Szene der "verkehrten Welt", wie sie zu Karneval oder im Theater gezeigt wurde? Eine kranke oder verrückte Frau tobt gegen Arzt oder Pfleger? Nichts von alledem: die Szene ereignet sich in einem gutbürgerlichen Wohnzimmer, der Bildhintergrund lässt es vermuten: Edle Stoffe verkleiden eine Wand, Blumen stehen vor dem Fenster, das den Blick auf das gegenüberliegende wohlhabende Haus freigibt. "Macht und Gewalt in der frühneuzeitlichen Ehe" lautet der Untertitel der Studie von Dorothea Nolde.

Zweifellos fördern Phänomene der Gegenwart, die als problematisch, ja "krisenhaft" wahrgenommen werden, die Bereitschaft, sich mit Ursprung und Anfang auseinander zu setzen. Gesucht wird nach Sinnstrukturen, die einen epochalen Wandel markieren und verstehbar machen können: So war es am Anfang, so war es einmal gemeint und von hier ab wird alles anders! Das Konfliktverhalten innerhalb der Ehe ist so ein Bereich: Die zunehmende Bereitschaft zu Trennung und Scheidung gefährdet das positive Leitbild der Geschlechtergemeinschaft. Wie sah es früher aus mit Freiheit, Recht und Streit in der Ehe? Als düsteres Feindbild für unerträgliche Zustände gilt immer noch das Mittelalter. In dieser Zeit seien Frauen Objekte familiärer Interessen gewesen, schon als Kinder verkauft und von da an recht- und schutzlos ihrem Eheherrn ausgeliefert worden. Erst die Moderne habe die eheliche Gemeinschaft als lebenslangen Bund der Liebe zwischen zwei selbständigen Individuen und als harmonische Institution für Schutz und Hilfe begründet. Die gegenwärtige Entwicklung dieser Kernzelle der Gesellschaft verletzt daher das in linearer Linie aufsteigend gedachte Selbstbild der Gegenwart.

Die Mittelalterforschung hat in den letzten Jahren freilich massiv mit einer ganzen Reihe von Mythen, ebenso dem vom Ehehorror wie dem von der nährenden Großfamilie aufgeräumt und ein differenzierteres, insgesamt positiveres Bild von der ehelichen Gemeinschaft in vormoderner Zeit gezeichnet. Inzwischen hat es sogar Eingang gefunden in die Richtlinien für den Schulunterricht, dass diese Epoche nicht mehr länger herhalten kann als Abwehrfolie für alle unverarbeiteten Fortschrittsängste der Moderne. Umso deutlicher richtet sich jetzt das Interesse auf die frühneuzeitliche Ehe. Die vorliegende Studie stellt einen Markstein dar. Zwar suggeriert der Titel zunächst, dass das Buch sich mit dem makabersten Grenzfall einer ehelichen Konfliktsituation befasse, der Ermordung eines Ehepartners durch den anderen. Doch gilt der Gattenmord der Autorin als "zentraler Parameter für die Neudefinition männlicher wie auch weiblicher Rollen".

Neues Modell der Ehe

Noldes Beispiel Frankreich ist schon deshalb besonders aufschlussreich, weil sich hier nicht die Reformation durchsetzte, von der bisher immer angenommen wurde, dass sie den entscheidenden Anstoß für eine Neubewertung der sexuell aktiven Frau und Mutter innerhalb der familiären Gemeinschaft gegenüber dem mittelalterlichen "Jungfräulichkeits-Ideal" gegeben habe. Doch setzt sich gerade auch angesichts der Kontinuität des Katholizismus nach den Reformgesetzen des Tridentinischen Konzils 1563 im beginnenden Absolutismus in der Tat ein neues Modell der Ehe durch. Dieser Übergang erfolgt freilich nicht bruchlos; vielmehr bestanden zunächst beide Ehemodelle konflikthaft nebeneinander.

Dieser Übergang führe von einer direkten Herrschaftsorganisation in der Ehe zu einer "symbolischen Gewalt" als dem zentralen Modus, so Noldes These. Der von Pierre Bourdieu eingeführte Begriff bezeichne einen anderen Zwangsmechanismus, nicht etwa eine andere "sanfte" Weise von Gewalt, die auch weiterhin innerhalb der Ehe allgegenwärtig bleibt. Denn die Geschlechtergemeinschaft ist als Abhängigkeitsverhältnis definiert, das der Ehemann mit Hilfe von Gewaltanwendung realisiert; um ihrer "Herr zu werden", besitzt er das Recht und die Pflicht zur physischen Züchtigung seiner Frau. Ihre Auslieferung an ihn zeigt sich schon in der ungleichen Verteilung der Waffen: Oft ist der Mann, so zeigen die analysierten Fälle, auch im Alltag mit einem Messer ausgestattet, ein simples Werkzeug zunächst, zugleich Symbol seiner Wehrhaftigkeit und Männlichkeit, wird leicht auch zur Waffe gegen die Frau. Einen Gattenmord versucht er vor Gericht daher oft als entgleisten Versuch seines Züchtigungsrechtes zu verharmlosen.

Im 16. Jahrhundert werden nun aber die Grenzen dieses seines Rechtes zur Gewaltanwendung gegen seine Ehefrau neu verhandelt, seine Willkür und "Tyrannei" wird eingegrenzt. Dies führt freilich keineswegs zu einem egalitären Ehemodell. Vielmehr spricht Nolde von einem neuen Habitus der Ehefrau, der durch "Verschiebung von der Unterwerfung zum Gehorsam" gekennzeichnet sei. Galt sie zuvor durchaus als willensstarkes und eigensinniges Gegenüber - gerade deshalb muss sie gebändigt werden -, so wird jetzt von ihr eine freiwillige Gefügigkeit erwartet, ein selbständiger Akt der gehorsamen Subordination. Damit erfährt die Ehe als Herrschaftsmodell eine weitere Stärkung, die im 17. und 18. Jahrhundert noch ausgebaut wird.

Doch bedeutet dies keineswegs einen Verlust jeglicher weiblicher Artikulationschancen innerhalb der Ehe. Neu ist vielmehr gerade Noldes Nachweis, wie häufig auch Frauen sich gewaltsamer Mittel bedienten, wie das Titelblatt es zeigt. Durch die Quellen, die sie auswertete, spuken geradezu Angst und Abwehr gegenüber der aufsässigen Frau, die eine neue Bedrohung der ehelichen Ordnung darstellt. Stärker als früher wird ihr Protest gegen die eheherrliche Gewalt zugleich auch als Revolte gegen die staatliche Ordnung wahrgenommen. Die nicht-gefügige Frau ist daher ein "politischer" Fall. Aufrührerische Positionen, die sie zu Hause vertritt, prädestinieren sie geradezu als potentielle Mörderin, so zeigen es die Verfahren zum Gattenmord. Und keineswegs wird sie geringer bestraft als der Mann, etwa aufgrund einer schwächeren Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und Kontrolle ihrer Affekte, eine Vorstellung, die Bestandteil der älteren Geschlechteranthropologie war. Auch dieser Nachweis revidiert eine bisher verbreitete Annahme. Da die Stabilität der Ehehierarchie von ihrer Unterwerfung abhängig gemacht wird, gewinnt sie sogar ein "beträchtliches Machtpotential". Gerade daher wird ihre Aggressivität ihrem Ehemann gegenüber zugleich als Aufruhr gegen Staat und göttliche Ordnung verstanden und scharf sanktioniert, um diese Instanzen vor der Unordnung, der Perversion zu schützen.

Auch methodisch ist das Buch wegweisend, denn Nolde wertet sowohl Gerichtsakten (einige sind im Anhang dokumentiert) als auch erzählende Quellen aus und zeigt, wie beide einander zum Verständnis eines Phänomens ergänzen. Die einen liefern nicht einfach gesicherte Realität, wie die anderen nicht bloße Erfindung und Lüge enthalten. Die narrativen Zeugnisse stehen am Anfang des Buches und mit ihrer Hilfe konstruiert Nolde ein lebendiges Bild des symbolischen Kontextes, der Vorstellungswelten, die in der gesellschaftlichen und politischen Ordnung verankert sind. Vor diesem Horizont gewinnt der zweite Teil, der die "soziale Praxis" nachzeichnet, wobei nüchtern und sachlich der Gerichtsalltag beschrieben wird, seine besondere Kontur. Denn erst bei dem Vergleich erweist sich, dass die beiden Modi der Aussage sich entsprechen.

Die Ehe im Mittelalter war "moderner" als vermutet, das wussten wir. In der Frühen Neuzeit ist sie gewaltsamer und "schlechter" als immer behauptet. Vielleicht hilft dieses Wissen ja, die naiven Bilder vom Wandel der partnerschaftlichen Konfliktbereitschaft in der Moderne zu revidieren. Möglicherweise bringt die gegenwärtige Situation erneut einen anderen Modus hervor, wie Geschlechterbeziehungen sich organisieren: eine Umstrukturierung, die durch gesellschaftliche Ursachen wie die erheblich gestiegene Lebenserwartung befördert wird.

Dorothea Nolde: "Gattenmord. Macht und Gewalt in der frühneuzeitlichen Ehe." Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2003, 462 Seiten, 59 Euro.

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