Ein Schleimpilz auf verrottendem Holz.
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Ein Schleimpilz auf verrottendem Holz.

Merlin Sheldrake – „Verwobenes Leben“

Wenn der Schleimpilz unsere Fluchtwege plant

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Merlin Sheldrake über die fabelhaften Fähigkeiten der Lebewesen und warum wir ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.

Pilze sind wie Eisberge: den allergrößten Teil sieht man nicht. Das hat die Pilzsucherin natürlich schon irgendwie gewusst, dass sie, wenn sie im Wald einen Steinpilz abschneidet, nur eine Art Fruchtkörper eines unter Umständen riesigen Mycels erntet wie einen Apfel oder eine Aprikose vom großen Baum. Brav hat sie immer Erde über die Stelle der Ernte geschoben, um zu schützen – nun ja, was immer es im Boden zu schützen galt. Eine auch nur halbgenaue Vorstellung hatte sie nicht.

Das ändert nun das Buch „Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen“ von Merlin Sheldrake, Jahrgang 1987, Biologe, aber auch Historiker und Wissenschaftsphilosoph. Am Anfang blickt man noch skeptisch auf den Untertitel – nimmt Sheldrake den Mund da nicht arg voll? –, aber dann trägt er in acht Kapiteln zusammen, was die Pilze so geheimnisvoll wie wundersam macht. Er vermag es mit einem großen Anmerkungsapparat zu belegen, er markiert außerdem, wo wichtige Fragen noch offen sind, teilweise weit wie Scheunentore. Die Mykologie, zitiert Sheldrake den Forscher David Hawksworth, sei eine „übersehene Megawissenschaft“. Und noch nicht sehr viele verschreiben sich ihr.

So hat er für sein Buch die wichtigsten Protagonisten, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, aber auch Trüffelsucher aufgesucht. Letztere würden ohne tierische Helfer, Hunde oder Schweine, gar nichts finden – obwohl der Trüffel gefunden werden will, um seine Sporen verbreiten zu können. Sein Aroma, von Feinschmeckern begehrt, ist ein massiver Lockstoff; zusammen mit dem Duft der Knollen können sich die Sporen in der Luft verbreiten.

Den Luftweg nehmen alle möglichen Pilze, auch der Schimmelpilz auf der Brotscheibe, so effektiv, dass Sporen „die größte Quelle für lebende Teilchen in der Luft“ sind. Das mag ein bisschen beunruhigend sein, allerdings hat der menschliche Körper weitgehend gelernt, damit umzugehen. Und ohnehin sind die mikroskopisch kleinen Hefepilze überall auf uns und in uns, brauchen wir sie unbedingt. Außerdem verdanken wir es ihnen, dass wir uns nicht nur im Corona-Lockdown berauschen können: Keine Alkoholgärung ohne Pilz.

Der Trüffel hat so ein tolles Aroma, weil er gefunden werden will. Französische Farblithografie von 1890.

Sheldrakes Prolog ist überschrieben mit „Wie fühlt man sich als Pilz?“, das achte Kapitel lautet „Pilze verstehen“. Für Letzteres rät der Biologe, den „Zugriff auf das Menschsein“ zu lockern und meint nicht den Alkoholkonsum. Er selbst hat, niedrig dosiert, medizinisch überwacht, das einen halluzinogenen Rausch auslösende Psylocibin ausprobiert, und beschreibt seine Wirkung als „Zustände des Fließens im Gehirn“, es öffneten sich „Fenster geistiger Flexibilität“.

Aber nicht nur beim Bier und beim Psylocibin fragt Sheldrake auch gleich, inwiefern seine erstaunlichen Fähigkeiten dem Pilz nutzen und gibt zu, dass er darauf bisher keine Antwort hat. Noch keine Antwort auch auf die Art des Zusammenspiels der „Jazzband“, die der Forschung zufolge im Waldboden tobt, der symbiotischen Organisation von Pilzen und Pflanzen in den Mykorrhizen, die „Sturzbäche von Signalen durch die Pflanzen- und Pilzzellen“ schleusen. Schleimpilze sind „Labyrinthspezialisten“, werden bereits dazu benutzt, Brandfluchtwege zu „berechnen“ – aber wie nehmen die Hyphen-Spitzen wahr, in welche Richtung sie wachsen und welche Signale wohin müssen?

„Immer nehmen Pilze ihre Welt aktiv wahr und interpretieren sie“, schreibt Sheldrake, „selbst wenn wir nicht wissen können, wie es sich für eine Hyphe anfühlt, wenn sie etwas wahrnimmt oder interpretiert.“ Pilze sind dezentrale Lebewesen, ganz bestimmt haben sie kein Gehirn. Aber ganz bestimmt können sie die für sie relevanten Daten transportieren – und das so schnell, dass man auch noch nicht schlüssig herausgefunden hat, wie sie das anstellen.

Das Buch

Merlin Sheldrake: Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen. . A. d. Engl. v. Sebastian Vogel. Ullstein, Berlin 2020. 464 S., 29 Euro.

Der Biologe kann die Fähigkeiten von Pilzen einerseits nicht genug rühmen. Er erzählt, wie man sie, die „Stoffwechselzauberer“ sind, gleichsam lehren kann, Zigarettenkippen oder sogar Glyphosat zu verarbeiten und umzuwandeln – etwa Kippen zu giftfreiem Austernpilzfleisch werden zu lassen. Wie man also hofft, mit ihnen vergiftete Ökosysteme sanieren zu können. Wie man sie bereits in bestimmten Formen wachsen lässt und dann trocknet, so dass es in gar nicht so ferner Zukunft biologisch auf- und wieder abbaubare Pilzhäuser geben könnte. Wie neue Heilmittel aus ihnen gewonnen werden können, etwa auch solche für Bienen.

Sheldrake warnt andererseits mehrfach vor einer Glorifizierung des „Wood Wide Web“ von Pflanzen und Pilzen (es sei außerdem gar nicht wood wide, merkt er an, sondern umfasse jeweils sehr begrenzte Bereiche). Insbesondere warnt er davor, bei der Deutung von Beobachtungen menschliche Werte auf ein System zu projizieren, in dem es nicht um Fürsorge gehe, sondern um Konkurrenz und Kooperation aus Eigennutz.

Viele Interaktionen etwa zwischen Bäumen und Pilzen im Wald ergäben nur Sinn, wenn die Forschenden versuchten, eine pilz- und pflanzenzentrierte Sichtweise einzunehmen. Also zu fragen, welchen Nutzen der Pilz hat, wenn er Nährstoffe weiterreicht. Es sei immer ein Tauschgeschäft, so Sheldrake, und es könne durchaus sein, dass es Asymmetrien verstärke, weil etwa ein großer Baum dem Pilz mehr zu bieten habe als ein kleiner. Dann hat der Kleine höchstens wieder bessere Karten, wenn der Mensch den großen zurückschneidet.

Zurück zur offenen Frage: wie merkt das unter der Erde der Pilz? „Wenn die Intelligenz anderer Organismen nicht so aussieht wie unsere, wie mag sie dann aussehen? Würden wir sie überhaupt bemerken?“

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