Textland-Festival

Das menschliche Individuum befreien

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Beim Textland-Festival in Frankfurt präsentieren und reflektieren Autoren ihr multikulturell geformtes Werk.

Dass die Welt ein Text sei, der einem Grenzen setzt; dass man die Lücken suchen müsse, die er lässt – dieses Sprachbild des georgischen Autors Giwi Margwelaschwili assoziiere sie mit „Textland“, sagte Insa Wilke zum Auftakt. Die Literaturkritikerin führte mit Jamal Tuschick und Alexandru Bulucz durch das vom Netzwerk Faustkultur ausgerichtete Festival, das am Wochenende in Frankfurt Literatur „made in Germany“ in den Blick nahm und dafür ein diverses Tableau an Autorinnen und Autoren multikultureller und -lingualer Bezüge in der Evangelischen Akademie versammelte, das von Debütantinnen wie Karosh Taha bis zu Bestsellerautoren wie Abbas Khider reichte.

Was das überhaupt sein könnte, (neue) deutsche Literatur, dazu stellten fünf Literaturschaffende jeweils zehn Thesen in den Raum, nachdem der Soziologe Armin Nassehi das Fest mit einer schmissigen Rede zu den Paradoxien des Sprechens eröffnet hatte. „Wir wollen die Dinge nicht ausdiskutieren“, leitete Moderatorin Wilke das Format ein, in dem auf jeden Thesenkatalog eine Reaktion folgte.

Da sprach Marjana Gaponenko davon, dass Sprache nicht mehr als „ein vergängliches Gerät im Dienste ihrer Zeit“ sei, die nicht höher bewertet werden sollte als die Inhalte, die sie transportiere. Sie definierte Weltliteratur als von Menschen gemacht, „die unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit reich an grenzüberschreitenden Erfahrungen sind. Menschen, die von ihren Biografien losgekommen sind“. Und erntete prompt Widerspruch von Ales Steger, der anzweifelte, dass man sich als Autor von der eigenen Biografie lösen könne.

Da zeigte sich Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo irritiert vom Wort „neu“, weil es so gerne verwendet werde, um Menschen ihre Zugehörigkeit abzusprechen. Statt über den Stand der deutschen Literatur zu sinnieren, formulierte sie ihre Thesen als Maßstäbe ans eigene Schreiben. „Ich schreibe gerne“, „ich beziehe Position“ oder „ich trete nach oben (wenn überhaupt)“, lauteten einige ihrer so schlichten wie pointierten Sätze.

Und da rieb sich Claudia Schmölders von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in einer weit ausholenden Gegenrede an den nicht minder langen Thesen Olga Martynovas. Ein „Metadiskurs“, „eigentlich eine Kulturkritik“, nannte Schmölders Martynovas Worte, in denen diese etwa mit bissiger Ironie die seltene Begegnung zwischen Germanistik und Literatur bedauerte oder konstatierte, „den individuellen Menschen aus dem Kerker des kollektiven Menschen zu befreien“ sei das einzige, was die Literatur ihren Leserinnen und Lesern schulde.

Am stärksten polarisierten aber sicherlich die kraftvoll im Duett vorgetragenen Thesen von Necati Öziri und Max Czollek. „Deutsch als Abstraktum ist die Form der verwalteten Welt, die im Keller das Individuelle verwaltet“ – und Kunst der Einspruch dagegen, „die Rehabilitierung des Individuellen“. Die Aufgabe des Künstlers sei es nicht, „das Selbstbild der Dominanzkultur zu bestätigen“, so Czollek und Öziri, die ihre Rede schlossen: „Schrieben wir ein Manifest, lautete seine Präambel: Kompromisse sind der Tod der Kunst. Es gibt keine deutsche Literatur. Ohne uns.“

„Empowernd“, fand HR-Redakteurin Hadija Haruna-Oelker diese Worte, die darin weniger eine Antwort auf die Frage „was ist deutsche Literatur“, als eine auf die so oft gestellte Frage „was ist deutsch“ fand. „Der Flickenteppich ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um zu einer Bedeutung von Deutschsein zu kommen. Wir sind nicht einheitlich“, betonte sie und ergänzte die Manifest-Präambel um die Worte „es gibt keine deutsche Gesellschaft ohne uns“.

Autor Matthias Göritz hingegen (dem das ganze Rede-Gegenrede-Format als „7-Minuten-Reiz-Reaktions-Terrine“ nicht schmeckte), kritisierte diese Thesen als Ausdruck einer „kraftmeierischen Überbietungskultur“, die dem Rassismus nun ihrerseits pauschalisierende Begriffe wie „die Dominanzkultur“ entgegensetze, womit er manch unwilliges Raunen im Publikum hervorrief.

Zur Diskussion blieb im vollen Programm des Lesefestes dann doch noch viel Zeit. Etwa darüber, wie das Bemühen um gendergerechte und rassismuskritische Sprache die Literatur verändert oder ob es auch nichtdeutschsprachige deutsche Literatur geben könne – wie die des Syrers Nather Henafe Alali, der am Sonntagabend seinen auf Arabisch verfassten, aber gleichwohl nun in der deutschsprachigen Sparte des S. Fischer-Verlags erscheinenden Debütroman vorstellte. 
Und natürlich durfte auch die Literatur für sich sprechen – bis spät in die lange Lesenacht hinein. 

Auf www.textland-online.de lassen sich Thesen nachlesen und lässt sich ein Reader zum Festival bestellen.   

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