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Sieht futuristisch aus, ist aber lediglich eine Buchhandlung in China.

Die Menschheit hat eine Chance

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Was liest China? Ein Blick auf die chinesische Bestsellerliste.

Die Online-Zeitschrift Publishing Perspectives beobachtet die Buchmärkte und alles, was mit Büchern zusammenhängt. Sie wurde 2009 von der New Yorker Niederlassung der Frankfurter Buchmesse gegründet. In seiner neuesten Ausgabe berichtet das Magazin über die Entwicklungen auf dem chinesischen Buchmarkt. Er wächst. 2018 wurden Bücher für 89,4 Milliarden Yuan (11,56 Milliarden Euro) verkauft, also 11,3 Prozent mehr als 2017. Die Verkäufe in den Buchhandlungen nehmen ab. Im vergangenen Jahr um 6,69 Prozent. Das Wachstum wird also vor allem vom boomenden Online-Verkauf produziert. Kein Wunder: Im Schnitt kostet ein Online-Buch 38 Prozent weniger als das in der Buchhandlung gekaufte Exemplar.

Interessant ist, dass Neuerscheinungen eine immer geringere Rolle beim Umsatz spielen. 2008 wurden noch etwas weniger als 30 Prozent des Umsatzes von Neuerscheinungen generiert. 2015 waren es weniger als 20 Prozent. Dennoch wurden im vergangenen Jahr 156 000 neue Titel auf den Buchmarkt gebracht. Auf den Bestsellerlisten kommen sie kaum vor. Unter den ersten zehn Titeln waren 2015 acht Neuerscheinungen. 2018 waren es nur noch drei: zwei Sachbücher und ein Kinderbuch. Mit anderen Worten: Kein neuer Roman für Erwachsene kam 2018 unter die ersten zehn.

Publishing Perspectives bietet für die Entwicklung keine Erklärung an. Vielleicht liegt es daran, dass immer noch neue Käuferschichten erschlossen werden. Die wollen erst einmal lesen, was ihnen empfohlen wird, bevor sie sich auf das riskante Neue stürzen. Aber das ist nur eine Vermutung.

Erfolgreichste Autorin ist auch im Dezember 2018 Yang Hongying, Jahrgang 1962. Sie gilt als „Chinas J. K. Rowling“. Mehr als 50 Millionen Exemplare ihrer Kinderbücher hatte sie schon 2013 verkauft. Ihr Buch „Abenteuer eines lachenden Katers“ ist auf Deutsch zu haben. Der auch bei uns viel gelesene japanische Krimiautor Keigo Higashino bringt fünf seiner Bücher unter die ersten 30 Belletristik-Titel.

Angeführt wird die Bestseller-Liste von Yu Huas Roman „Leben“. Der erschien schon 1998 bei Klett-Cotta in deutscher Übersetzung. Inzwischen gibt es ihn als Taschenbuch bei btb. Yu Hua ist mit demselben Titel in einer anderen Ausgabe noch einmal unter die ersten dreißig gekommen. Ebenfalls sein Roman „Der Mann, der sein Blut verkaufte“. Auch der liegt seit fast zwanzig Jahren auf Deutsch vor. Auf Platz zwei bis vier folgen Bücher des wohl erfolgreichsten Science-Fiction-Autors der Welt: Liu Cixins „Die drei Sonnen“, „Der dunkle Wald“, „Jenseits der Zeit“. Kenner des Werks des 1963 geborenen Autors sehen sofort: Das sind die Bände seiner „Trisolaris-Trilogie“, von der im Deutschlandradio gesagt wurde, sie „setze neue Standards“ im Genre. „Die drei Sonnen“ wurden von WDR und NDR in ein zwölfteiliges Hörspiel verwandelt.

Gleich nach ihm kommt der „Drachenläufer“ des 1965 in Kabul geborenen Khaled Hosseini. Inzwischen ist der Diplomatensohn Amerikaner und einer der erfolgreichsten Autoren der Welt. Ebenfalls unter den ersten 30 Titeln steht im Dezember 2018  Jostein Gaarders Philosophieroman „Sofies Welt“. Der Roman des Norwegers erschien 1993 auf Deutsch und war auch hier viele Monate auf den Bestsellerlisten.

Die schottische Kinderbuchautorin Claire McFall ist ein besonderer Fall. Es gibt, soweit ich sehe, von ihr nichts auf Deutsch. Vor einem Jahr, als Hollywood die Filmrechte ihres Erstlings erwarb, schrieb der „Guardian“ über sie: „Claire McFall ist in Großbritannien wenig bekannt, aber immens populär in China, wo ihr Kinderbuch ‚Der Fährmann‘ ein Bestseller ist.“ Auch so funktioniert Globalisierung. Auf der chinesischen Liste steht auch „Trespassers“, das zweite Buch von Claire McFall. Mit zwei Titeln ist Gabriel Garcia Márquez vertreten: „Hundert Jahre Einsamkeit“ und „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“

Als Goethe 1827 in seiner Zeitschrift „Über Kunst und Altertum“ den Begriff der Weltliteratur prägte, war unvorstellbar, was dieser kurze Blick auf die chinesische Bestsellerliste zeigt. Wir lesen inzwischen überall auf der Welt zu einem Gutteil dieselben Bücher. Nicht weil wir dazu gezwungen werden, sondern weil wir uns in ihnen als Menschen angesprochen fühlen. Nicht als Chinesen, Amerikaner, Schotten oder Kolumbianer. Dass japanische Autoren – auch Haruki Murakami hat es unter die ersten 30 geschafft – in China geliebt werden, macht Hoffnung in Zeiten, in denen man den Eindruck haben könnte, jeder wolle nur noch sich selbst oder doch wenigstens die eigene Nation an die erste Stelle setzen.

Ein Blick hinüber auf die Sachbuch-Bestsellerliste verstärkt diese Hoffnung noch: Der israelische Historiker Yuval Noah Harari ist mit „Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und mit „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“ vertreten. Ich bin sicher: In diesem Jahr werden seine „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C. H. Beck) auch von Millionen Chinesen gelesen werden. Die Menschheit hat eine Chance. Ob sie sie nutzt?

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