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Der Menschenfeind

Marcel Mörings " Mendel" ringt um das richtige Leben

Von Sabine Peters

Mendel Adenauer, Jahrgang 1957, wächst in einem kleinen holländischen Ort bei seiner Mutter und seinen Großeltern auf, bei assimilierten Juden, die nach Osten deportiert worden waren, aber die Shoa überlebt haben. Mendel ist ein verträumtes, stilles, einsames Kind. Nach seinem Abitur sterben die Großeltern, und die Mutter wandert nach Israel aus, sie fährt mit dem Jeep auf eine Mine und kommt so ums Leben. Mendel zieht sich mehr und mehr von der Außenwelt zurück, bis man ihn in ein Sanatorium bringt. Dort besucht ihn nur noch seine ehemalige Mitschülerin Anna. Auch sie ist eine Außenseiterin, denn ihr adeliger Vater stand in Kriegszeiten auf Seiten der Nazis. Eine Liebesbeziehung deutet sich an.

Der Roman Mendel war Marcel Mörings Debüt und erschien in den Niederlanden bereits 1990. Möring wurde wie seine Hauptfigur 1957 geboren; im deutschsprachigen Raum wurde er mit seinem Roman Babylon bekannt, der die weitverzweigte Geschichte einer jüdischen Familie erzählt. Mendel diskutiert die Problematik der "Juden der zweiten Generation": Die Söhne und Töchter derjenigen, die die Shoa überlebten, sind von psychisch und physisch tief verletzten Angehörigen geprägt worden. Sie kämpfen mit Schuldgefühlen und sollen nach dem Willen ihrer Eltern doch besser leben als diese. Aber wie kann die zweite Generation dem Leben vertrauen, wenn die erste Generation kein Grundvertrauen mehr hat?

Bevor Mendels Großvater unter den Augen seiner Nachbarn deportiert wurde, glaubte er an die Möglichkeit einer doppelten Existenz als Niederländer und als Jude; dieses Zutrauen ist ihm genommen worden. Als in der Familie später einmal darüber gesprochen wird, was aus dem kleinen Enkel werden könnte, sagt der Großvater: "Ein Streben hat der Jude: Zu werden a Mensch." Mendel übernimmt diesen Satz. Er will ein Mensch werden, und diese Forderung macht ihn, das ist so selten nicht, zum Menschenfeind.

Das Judentum bietet Mendel keinen Fluchtpunkt; er kritisiert, die jüdische Theologie bestünde einzig und allein in der Verfolgung. Den Staat Israel kann er sich nicht als Heimat vorstellen; auch ein Selbstbewusstsein als Europäer liegt ihm fern, die Erfahrung der Ausgrenzung hat ihn schon als Schüler geprägt. Die jüdische Identität lässt sich seiner Ansicht nach nur noch im Rahmen der Familie, im engsten Kreis verwirklichen - nur, dass in seinem Fall die Familie gerade ausstirbt. Mendel ist zwar nicht strenggläubig, er hält, den Existentialisten nahe, Welt und Menschen für unrettbar, aber gerade deshalb müsse man versuchen, Gott zu helfen. Sein Schulfreund widerspricht, er besteht, christlichen Traditionen folgend, darauf, Gott solle vielmehr den Menschen helfen.

Ein Höhepunkt des Romans ist Mendels Streit mit einem Psychiater im Sanatorium; der wirft ihm vor, das Leid der Welt zu pachten, die eigenen Grenzen nicht anzuerkennen, nicht den Einklang mit der Welt zu suchen und dergleichen mehr. Hier wird aus dem in sich gekehrten Schweiger Mendel ein zorniger, beredter Mensch, der sich offensiv gegen diejenigen wendet, die in "den Juden" einmal mehr das Problem sehen. Die Christen sind das Problem, sagt Mendel, ihre Religion basiert auf religiöser Kolonisierung, er kann auf die verlogenen Debatten mit den Christen verzichten, und überhaupt, wer im Einklang mit der Welt lebt, der ist tot.

Mörings Roman ist, das wird hier deutlich, nicht nur ein Ideenroman, sondern auch ein Buch über das Aufbegehren eines jungen Mannes gegenüber allerhand etablierten, abgebrühten, resignierten Autoritäten. Dabei ist Mendel kein angry young man. Wenn man Mörings Roman mit denen seiner niederländischen oder auch deutschsprachigen Altersgenossen vergleicht, fällt auf: Es wird ernsthaft und unbedingt nach richtigem Leben gesucht, es wird buchstäblich gerungen. Deshalb lässt sich Mendel auch leichter kritisieren als die mit ihrer Indifferenz kokettierenden Protagonisten anderer vergleichbarer Romane: Mendel ist pathetisch, er wirkt auch mitunter fast arrogant in seiner Verletzlichkeit. Und leider, aber das ist wohl nur konsequent, hat Möring seiner Hauptfigur ein ziemlich gestörtes Verhältnis mit Anna zugeschrieben. Die Beziehung zwischen den beiden wirkt sehr konstruiert: Hier der Sohn von Opfern, da die Tochter von Tätern. Beide sind finanziell so unabhängig, dass Banalitäten wie Ausbildung oder Broterwerb sie nicht einmal streifen.

Anna hadert mit ihrer Herkunft, und Mendel bringt sie zum Weinen, indem er, übrigens durchaus jünglingshaft, selbst ihr gegenüber seine leidende Unnahbarkeit beibehält. Anna erkennt, dass sie Mendels Krankenschwester ist und außerdem seine Hure, mit der er nicht schläft. Dann heißt es, Mendel trinkt ihre Träne. Huh! Abgesehen von - wenigen - Peinlichkeiten dieser Art ist Mörings Roman aber überzeugend geschrieben, in einem leisen Tonfall, knapp, diszipliniert, pointiert; und, auch das überzeugt: Marcel Möring erklärt nicht alles, lässt Lücken, er fürchtet das Unerzählte nicht.

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