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Britischer Forensiker bei der Arbeit.

Simon Beckett „Totenfang“

Menschen, die nichts zu verlieren haben

„Totenfang“ heißt der jüngste Band in Simon Becketts „Hunter“-Serie und führt in die Sümpfe von Essex. Ein starkes Thriller, würde sich der Autor nur nicht ganz so gut mit Forensik auskennen und nicht gar so gerne ausführlich davon berichten.

Von Petra Pluwatsch

Simon Beckett ist einer der erfolgreichsten englischen Thrillerautoren. „Die Chemie des Todes“ hieß 2006 das eindrucksvolle Buchdebüt des Journalisten, das gleich hochschoss an die Spitze der Bestsellerlisten. Auch die nachfolgenden Bände wurden durchweg ein Verkaufserfolg. Inzwischen hat sein Protagonist und Ich-Erzähler, der forensische Anthropologe David Hunter, mit Bravour diverse Mordfälle gelöst und ist mehrmals selber in Lebensgefahr geraten. „Ich war mit dem Tod in all seinen grausigen Facetten bestens vertraut, sprach die Sprache von Knochen, Fäulnis und Verwesung fließend“, kokettiert er mit seinem Erfahrungsschatz.

„Totenfang“ ist Hunters fünfter Fall. Noch immer hat der Anthropologe sich nicht ganz von seiner privaten Tragödie erholt, dem Unfalltod von Frau und Tochter. Sein Körper ist von dem Messerangriff einer pathologischen Mörderin gezeichnet, die bis heute nicht gefasst ist. Auch beruflich läuft es momentan nicht gut für ihn, und so ist er froh, als Detective Inspector Bob Lundley ihn kurzfristig bittet, ihm bei der Bergung einer Wasserleiche zu assistieren.

Der Job verschlägt Hunter in eine unwirtliche Gegend an der Ostküste Englands. Die Backwaters in Essex, ein unübersichtliches Mündungsgebiet, bestehen aus Sumpf, Schlick und Prielen. Hier wohnen nur Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben. Dass der Tote überhaupt entdeckt wurde, grenzt nahezu an ein Wunder.

Auf dem Rückweg verirrt sich Hunter in dem Gewirr der Bäche und Kanäle. Sein Wagen landet in einem Wasserlauf, er selber wird in letzter Minute von einem vorbeifahrenden Autofahrer gerettet. Doch die Begegnung mit Andrew Trask steht unter keinem guten Stern. Gemeinsam mit seinen beiden Kindern und seiner Schwägerin Rachel lebt der verbitterte Endvierziger in einem einsamen Haus in den Backwaters. Seine Frau Emma, die jüngere Schwester von Rachel, ist seit Monaten spurlos verschwunden. Bei dem Toten, an dessen Bergung Hunter beteiligt war, könnte es sich um den ebenfalls vermissten Lokalpolitiker Leo Villiers handeln. Er war Emmas Liebhaber. Und vermutlich war er auch ihr Mörder.

Doch schnell stellt sich heraus, dass der Tote keinesfalls Villiers sein kann. Wer also ist der Unbekannte aus dem Meer? Und warum besteht Sir Stephen Villiers darauf, dass es sich bei der Leiche mit den billigen lila Socken an den Füßen sehr wohl um seinen vermissten Sohn Leo handelt? Warum will er nicht einmal dessen Krankenakten herausrücken?

Hunter braucht lange, ehe er hinter die vielen hässlichen Geheimnisse der Familie Villiers kommt. In einem Flussarm wird bald, eingerollt in Stacheldraht, eine zweite Leiche entdeckt, die für weitere Verwirrung sorgt. Auch bei diesem Toten handelt es sich nicht um Villiers junior. Schließlich wird auch noch die Ex-Freundin des Trask-Sohns ermordet aufgefunden. Hat ihr Tod etwas mit Villiers und den beiden nicht identifizierten Leichen zu tun? Oder gehen in den Backwaters gleich zwei Mörder um?

Beckett versteht es, die Spannung langsam, von Kapitel zu Kapitel, zu steigern. Genüsslich verwebt er die einzelnen Handlungsstränge zu einem großen Ganzen und lässt es in ein grandioses Finale münden. Ein breiter Raum wird dabei Hunters Privatleben gewidmet. Allmählich, so scheint es, bekommt der Witwer seine eigenen Dämonen in den Griff. Woran die schöne Rachel nicht ganz unschuldig ist.

„Totenfang“ gehört ohne Zweifel zu den Highlights der „Hunter“-Serie, die in diesem fünften Band so frisch und unverbraucht herüberkommt, als sei sie gerate erst an den Start gegangen. Einziger Wermutstropfen in diesem temporeichen und durchweg gut geschriebenen Krimi: die seitenlangen, populärwissenschaftlichen Ausführungen des Autors über die Arbeit eines forensischen Anthropologen.

Beckett kennt sich bestens aus in dem Metier, und das lässt er seine Leser auch wissen. Da möchte man die ein oder andere Seite hastig überblättern, wenn von Leichenwachs, von abgefaulten Händen und anderen Appetitlichkeiten die Rede ist.

Andererseits: Becketts Romane sind nicht nur prima Unterhaltungsstoff. Man lernt bei der Lektüre auch eine ganze Menge. Und das kann man nun wirklich nicht von jedem Krimi sagen.

Simon Beckett: Totenfang. A. d. Engl. von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn. Wunderlich, Reinbek 2016. 554 S., 22,95 Euro.

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