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Menschen und Buchstaben: Der Einfluss des Gestalters Alexey Brodovitch

Auch die dritte große Publikation über Alexey Brodovitch kann den Tag seiner Geburt im Jahr 1898 nicht bestimmen. Es bleibt etwas Dunkles um den Mann, der

Auch die dritte große Publikation über Alexey Brodovitch kann den Tag seiner Geburt im Jahr 1898 nicht bestimmen. Es bleibt etwas Dunkles um den Mann, der als Offizier der Weißen Armee den Bolschewiken entkam, mit Mitte zwanzig in Paris als Bühnenmaler dem Russischen Ballett Impulse gab und 1930 in die USA weiterreiste. Sein Englisch blieb holprig, was ihn aber nicht daran hinderte, als Guru seines Design Laboratory drei Generationen von Gestaltern zu prägen.

Nimmt man sein großartiges Plakat von 1924 für den "bal banal" - eine Party russischer Immigranten - als Grundstein seiner Karriere, hätte er ein brutalistischer Gestalter werden müssen, der allererste Punk. Stattdessen wurde er der kühle moderne Designer mit einem gout für Weißraum, sanfte klassizistische Schriften und kühne schwarzweiße Objekte, mit deren Hilfe er Doppelseiten zu visuellen Dramen montierte. Die Objekte flossen ihm zu aus einer fotografischen Szene junger Leute, zuerst in Philadelphia, dann in New York City. Sein berühmtester Zögling war und ist Richard Avedon, der den Weißraum in seine Porträts übernahm, was die merkwürdige Verwandtschaft von Menschen und Buchstaben in dessen Werk ausmacht.

Die Sicherheit in beiden Genres - Typo- und Fotografie - war Brodovitchs Insignium. Er arbeitete als Grafiker mit völlig freier Hand, ohne Raster, und die vornehme Aura seiner Lay-outs wurde gespeist aus der experimentellen Fotografie, die er von seinen Schüler(inne)n geradezu erzwang. Völlig unberührt von den gängigen Dogmen der straight photography, lehrte Brodovitch Fotografie als Illustration, als durch und durch manipulatives Manöver. Wer ihn "überraschte", kam unter bei Harper's Bazaar, dessen Transformation in ein modernes Medium er seit 1934 betrieb. 1958 wurde er vor die Tür gesetzt.

Wenn man, aus deutscher Sicht, den Einfluss von Franz Roh, Otto Steinert und Willy Fleckhaus addiert, kann man grob abschätzen, was Brodovitch für das amerikanische Design bedeutete. Er öffnete die Modeszene für die Belange des Sozialen, für die Straße, für die Kultur. Weil er als Lehrer ein Tyrann war, taugte er nicht mehr wirklich für die Sixties - er trank sich in die Depression und starb 1971 in Südfrankreich -, aber sein Einfluss reichte dennoch bis in die zweite Dekade des Rolling Stone. Diane Arbus gehörte zu den vielen Schülerinnen, die sich sehr schnell von ihm abwandten, weil sie die Verbindung mit der Welt der Mode als kompromittierend ansahen. Aber es war dann doch ein Brodovitch-Schüler, nämlich Marvin Israel, der die bleibenden Bildbände aus Arbus' fotografischem Nachlass geschaffen hat.

Mit Nabokov und Rothko bildet Brodovitch eine russische Triade im modernen amerikanischen Milieu. Man muss des Englischen mächtig sein, um die umfassende Monographie aus der flotten Feder des Engländers Kerry William Purcell studieren zu können. Dies ist ein würdiger Nachfolger des Buchs von Andy Grundberg, das seit langem vergriffen ist. Purcell hat sich daran gut bedient, ohne sich zu bedanken. Brodovitch, anarchisch und obsessiv, herrisch und maliziös, bleibt ein dankbarer Gegenstand biographischer Recherche. Ganz im Repro-Trend unserer Zeit findet man hier auch das Lay-out ganzer Bücher im Briefmarkenformat wiedergegeben. So ist dies nicht nur ein gutes Lesebuch, sondern auch eine bibliographische Retrospektive.

ULF ERDMANN ZIEGLER

Kerry William Purcell: Alexey Brodovitch. Gestaltung Hans Dieter Reichert. Phaidon Press, London, New York und Berlin 2002, 272 Seiten, Farbe, geb., 68 €.

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