Kleine argentinische Bibliothek

Wie man Menschen bewegen kann

Die argentinische Diktatur und ihre Handlanger müssen den Journalisten, Autor und Polit-Aktivisten Rodolfo Walsh sehr gefürchtet haben. Nicht erst seit der Veröffentlichung des „Offenen Briefs eines Schriftstellers an die Militärjunta“.

Von Karin Ceballos Betancur

Im März 1977 sitzt ein Mann an seinem Schreibtisch und verfasst einen Brief, der für die Öffentlichkeit bestimmt ist: „Die Zensur der Presse, die Verfolgung von Intellektuellen, die Hausdurchsuchungen bei mir, die Ermordung guter Freunde und der Verlust einer Tochter im Widerstandskampf – das sind einige der Gründe, die mich nach beinahe 30 Jahren Öffentlichkeitsarbeit als freier Journalist und Schriftsteller nun zu klandestinen Formen der Meinungsäußerung zwingen.“

Seit Monaten schon lebt der Mann im Untergrund. Als er den Brief am Morgen des 25. März zum Briefkasten bringt, an der Ecke San Juan und Entre Rios in Buenos Aires, wird er von Militärs erschossen. Aber sie können nicht verhindern, dass sein Brief weltberühmt wird.

Rodolfo Walsh, Journalist, Autor und Polit-Aktivist – die argentinische Diktatur und ihre Handlanger müssen ihn sehr gefürchtet haben. Nicht erst seit der Veröffentlichung des „Offenen Briefs eines Schriftstellers an die Militärjunta“, in dem er das Regime wegen zahlloser dokumentierter Menschenrechtsverletzungen, sondern auch wegen der fatalen Folgen seines Wirtschaftsprogramms anprangerte, das die unteren Bevölkerungsschichten ins Elend abdrängte. Schon seine früheren Arbeiten wie „Das Massaker von San Martín“ zeigten, dass er bereit war, mit der ihm eigenen Schärfe Verbrechen anzuzeigen, die dem Schweigen überlassen werden sollen.

Rodolfo Walsh war ein Schriftsteller, der nur selten zur Literatur kam, weil er sich durch die Verhältnisse dazu gezwungen sah, seine Worte als Waffe einzusetzen, wie er einmal in einem Interview gesagt hat: „Mit jeder Schreibmaschine und jedem Blatt Papier kann man Menschen bis zu einem nicht vorhersehbaren Grad bewegen.“ Sein Tod ist dafür ebenso ein Beweis wie das Überleben seines Werks.

Rodolfo Walsh: Das Massaker von San Martín. Ein Bericht. Aus dem Spanischen von Erich Hackl. Rotpunkt Verlag, Zürich 2010, 260 Seiten, 19,50 Euro.Rodolfo Walsh: Diese Frau – und zwei weitere Erzählungen. A. d. Span. von Leopold Federmair. Tartin editionen, Salzburg/Paris 2004, 56 Seiten, 12 Euro, www.antiquariat-weinek.at

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