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David Foster Wallace

Der Mensch dem Menschen ein Helfer

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Das essayistische Gesamtwerk von David Foster Wallace.

Am Freitag, den 12. September 2008 erhängte sich David Foster Wallace in der Scheune seines Hauses. Am Samstag fand ihn seine Ehefrau, die Malerin Karen L. Green. Im Februar war er 46 Jahre alt geworden und hatte nach eigenen – von Freunden und Verwandten nicht bestätigten – Angaben von seinem neunten oder zehnten Lebensjahr an mit Depressionen zu kämpfen. Dazu kamen Alkohol und Drogen, dazu kam eine geniale Intelligenz. Er musste scheitern. Aber, was heißt scheitern. Es war ein Sieg. Nach ich weiß nicht wie vielen Selbstmordversuchen hatte es endlich geklappt. David Foster Wallace hat eines der wichtigsten literarischen Werke der vergangenen einhundert Jahre vorgelegt, gegen und mit den Höllengeistern, die ihn plagten, die ihn ja nicht nur depressiv, sondern auch aggressiv machten, ihn mit paranoischen Ängsten verfolgten und dazu führten, dass er andere – meist Frauen – schlug und verfolgte. 
Die Heilmittel waren Elektrokrampftherapie, Lithium, Xanax, Valium, Prozac, Zoloft und am Ende Phenelzine. Heilmittel, an denen er ebenfalls starb.

Es ist nicht zu fassen, wie ein von tausend Teufeln gejagter Mann es schafft, nicht nur den – in der deutschen Fassung – 1400 Seiten umfassenden Roman „Unendlicher Spaß“ zu Ende zu bringen und zu veröffentlichen, sondern auch ein umfangreiches Oeuvre, dessen essayistischer Teil jetzt in einem Band von mehr als eintausend Seiten unter dem Titel „Der Spaß an der Sache“ vorliegt. 

Ein empfindsamer Riese. Beginnen Sie Ihre Reise durch den essayistischen Kosmos des David Foster Wallace mit der Rede, die er 2005 vor der Abschlussklasse des Kenyon College in Ohio hielt. Sie trägt den Titel „Das hier ist Wasser“. Er erzählt darin, wie schwierig es für Fische ist, zu erkennen, dass sie im Wasser leben. Es ist so verdammt schwer, zu erkennen, worum es wirklich geht. In einer konkreten Situation und im Leben. 

Wer es eilig hat, dem sind alle anderen im Weg. Er stellt sich nicht vor, dass er einem anderen, der es aus einem sehr guten Grund noch eiliger hat als er, im Weg steht. Wir erkennen unsere Lage nicht, weil wir uns nicht um die der anderen kümmern. „Das hier ist Wasser“ ist eine Einladung zur Empathie. Wir lesen solche Texte gerne als Meinungsäußerung. Als moralische Belehrung gar. Wir sehen den erhobenen Zeigefinger auch da, wo es – eigentlich nicht zu übersehen – um etwas ganz Anderes geht. 

Wallaces Text, der so tut, als sage ein älterer Mitbürger den jungen Leuten mal, worum es geht, ist in Wirklichkeit der Hilferuf eines Menschen, der sehr genau weiß, dass wir alle zugrunde gehen werden, wenn jeder von uns sich nur um sich kümmert. Er weiß das, weil er es von sich weiß. 

Wallace war darauf angewiesen, sich nur um sich zu kümmern, nicht nur, weil er Tag und Nacht darauf achten musste, das richtige, korrekt flektierte Adjektiv zum richtigen, korrekt flektierten Substantiv zu stellen, er musste auch Scherz, Satire und tiefere Bedeutung so mischen, dass das eine das andere erhellte; und unter die Haut mussten die Texte gehen, sie mussten aufwühlen, die Empfindungen der Leser umpflügen, damit das Unterste nach oben kam und sichtbar wurde. Das alles aber musste ihm gelingen – sie nutzend – gegen seine Krankheiten und Süchte. Die Zeit, die er in Kliniken verbrachte, musste wiedergewonnen werden fürs Schreiben, fürs Leben. 

Er musste also fortwährend sich beobachten, durfte sich nie aus den Augen verlieren. Aber genau dabei entdeckte er wohl, wie sehr er darauf angewiesen war, von anderen erkannt zu werden. Dass er nicht nur süchtig nach der Einsamkeit war, sondern auch nach einem Gegenüber, das ihm dabei half, sich für eine Zeit zu vergessen. „Das hier ist Wasser“ gibt sich ganz unaufgeregt, einfach nur vernünftig und klug. In Wahrheit ist gerade diese Ruhe gefährlichsten Stürmen abgerungen. Hätte er geschrien, wonach ihm oft war und was er oft tat, er hätte die jungen Leute und die Leser erschreckt. Sie wären weggelaufen. Wichtiger aber war, dass er die Ruhe brauchte, um sich selbst zu erreichen. 

Seine Essays sind wie seine Romane und Erzählungen, ohne seinen Wahn, ohne seine Verzweiflung am Leben nicht zu verstehen, aber sie sind keine Dokumente des Wahns und der Verzweiflung. Sie sind Reflexionen über den ihn in die Tiefe ziehenden Wassern.

Man lese „Borges auf der Couch“, einen Versuch, den Erzählungen und Gedichten des argentinischen Autors mittels seiner auf die Liebesgeschichte geschrumpften Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen. „Was die Biografie angeht, haben wir es mit der seltsamen Situation zu tun, dass Borges’ individuelle Persönlichkeit und Lebensumstände nur insofern eine Rolle spielen, als sie ihn dazu brachten, Kunstwerke zu erschaffen, in denen solche persönlichen Fakten als irreal gelten.“

Wen meine bisherigen Bemerkungen eher abschrecken von der Lektüre dieser Essays, der sei auf die mehr als einhundert Seiten verwiesen, die der ehemalige Tennisspieler David Foster Wallace in mehreren Artikeln diesem Sport widmet. Natürlich darf man diesen Band nicht aus der Hand legen, ohne „E Unibus Pluram: Fernsehen und Literatur in den USA“ gelesen zu haben und seine bittere Traumschiff-Reportage „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“.

Aber ich möchte den wenigen Platz nutzen, um auf einen mir bisher unbekannten Text von Wallace hinzuweisen: „Die besten Prosagedichte“. Wallace probierte auf den elf Seiten mal eine ganz andere Art von Rezension. Er spricht vor allem von Zahlen: das Gewicht des Bandes, die Seitenzahl, die Gesamtzahl der Wörter und so weiter. Die Gesamtzahl der Prosagedichte, die von den 204 Anthologietexten gut/lebendig/eindringlich/interessant genug sind, um im Geist des Lesers noch 60 Sekunden nach der Lektüre Bestand zu haben, liegt bei 31. Eine Minute ist verdammt kurz. Wallace hat seine Ansprüche sehr niedrig geschraubt.

Das Zählen ist eine so objektive Sache, dass auch die subjektivsten Eindrücke schön durchgezählt fast eine objektive Lage ergeben. Auch das ist ein Teil des Spaßes, den David Foster Wallace seinem Leben und seiner Kunst abgewann. Es gibt Verfahren, mit denen gewissermaßen empathiefrei sich Mitmenschlichkeit sicher nicht herstellen, aber doch darstellen lässt.

Das ist eines der Geheimnisse jeder Kunst. Die Hellhörigkeit, mit der der Schöpfer auf jede Äußerung oder auch Nicht-Äußerung seiner Geschöpfe achtet, die Empfindlichkeit, mit der er sie wahrnimmt und registriert, verleitet den Rezipienten seiner Kunst dazu, sie für Eigenschaften des Menschen und nicht für eine künstlerische Technik zu halten. Ein Irrtum, dem der von Wallace kritisierte Borges-Biograf erlag, ein Irrtum, dem Leser bei den von ihnen verehrten Autoren nur gar zu gerne erliegen. 

Einer der Irrtümer freilich auch, gegen die David Foster Wallace uns in seinen Essays immer wieder rüstete. Das Schöne und Große kommt nicht vom Schönen und Großen. Es wird von Menschen gemacht, von zerbrechlichen, zerbrechenden, ja von zerbrochenen Geschöpfen sogar. Es gibt keinen Ausweg, keinen sicheren Hafen. Es gibt nur die Anstrengung, die Wunden offen zu halten, sie zu zeigen, um den Anderen, noch nicht Zerbrochenen eine Hilfe zu sein.

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