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Die Stadt der Zukunft

"Der Mensch erblickt sich im Antlitz seiner Städte"

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  • Peter Jakubowski
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Die Zukunft auf diesem Planeten wird eine urbane Zukunft sein. Die Stadt ist der Seismograph einer Gesellschaft

„Es gibt kein Leben, in dem nicht eine Stadt eine Rolle spielt“, notierte die Schriftstellerin Karen Blixen, „und es macht wenig aus, ob man ihr wohl oder übel gesinnt ist, sie zieht die Gedanken an sich nach einem geistigen Gesetz der Schwere.“ Wir halten diesen, im Roman „Jenseits von Afrika“ versteckten Satz für so hellsichtig wie maßgebend. Tatsächlich ist die Stadt der Seismograph einer Gesellschaft. Ob nun Babylon, als das Symbol der Sprachverwirrung und der uneinholbaren Perspektivendifferenz, oder das himmlische Jerusalem als der Ort, an dem die Einheit der Verheißung gestiftet wird: Stets waren es Städte, in denen die entscheidenden Entwicklungen ihren Ausgang hatten und auch kumulierten.

Folgerichtig ist der Weltengang bis heute durch das ewige Ringen um eine stadtnahe Gesellschaft bestimmt – wo schon im Begriff des Politischen das Städtische der polis unverrückbar im Mittelpunkt steht. Insofern offenbaren sich Städte als Laboratorien der Moderne, als die Orte, an denen sich die funktional ausdifferenzierten Zentren der Gesellschaft – Ökonomie, Politik, Recht, Religion, Bildung, Kunst und Wissenschaft – begegnen und aufeinander bezogen werden. In städtischen Räumen verdichten sich also gesellschaftliche Strukturen, Differenzierungen und Routinen an einem Ort. Und ja, letztlich sind Städte auch Orte, an denen sich dem sensiblen Beobachter in amüsanten, verwirrenden und lyrischen Episoden ein ganz eigener Blick auf das Leben eröffnet.

Hier spielt die Musik des Zufalls eine leise wie unverzichtbare Hauptrolle, wie sie Paul Auster in seinem breiten schriftstellerischen Wirken kunstvoll arrangiert. „Die mit der Stadt verbundenen Erscheinungen sind Zufall, Gleichzeitigkeit, Bilokation und andere Dinge, die das Metaphysische streifen, aber man denkt dabei auch an Chiffren, Spiele, Aufführungen, spontane Darbietungen auf dem Bürgersteig – die Insiderscherze der Großstadt. Scheinbar zufällige Elemente sind wie durch Tunnel oder Gassen miteinander verbunden.“ So entstehen fernab jeder Theorie und Planung urbane Wirklichkeiten und Gefühlslagen, die das Menschsein immer wieder aufs Neue mit der Stadt verbinden.

Kultur und Unkultur, das Seelenleben ganzer Völker ebenso wie Wunden und Rehabilitationen machen wir häufig an den Namen von Orten fest. Wie die große Historie lassen sich aber auch Familiengeschichten und Einzelschicksale mit den Städten der Welt verbinden. Die europäische Stadt – Abbild von Errungenschaften ohne Gleichen, aber auch von Irrungen und Wirrungen des Kontinents: Athen, Rom, London, Paris, Madrid, Lissabon, Wien, Budapest, Moskau, Warschau, Prag. Chemnitz, Karl-Marx-Stadt und dann wieder Chemnitz. Sankt Petersburg, Leningrad, wieder Sankt Petersburg. (…)

Schon diese Aufzählung macht deutlich, dass wir das Leben in den Städten nicht mehr als rein lokales oder regionales Problem begreifen dürfen. Die Großstädte sind die Zentren der globalen Wirtschaft. Zugleich rückt im Stadtdiskurs der jüngeren Zeit die Rolle der Migration in den Fokus. Weltweit sind Millionen Menschen auf grenzüberschreitender Wanderung, eine Zahl, die von den Massen der Binnenwanderer noch weit übertroffen wird. In den Entwicklungsländern schreitet die Urbanisierung so rasch voran, dass sich die Zahl der Megastädte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern in Afrika, Asien und Lateinamerika dramatisch erhöht hat. Das tatsächliche Drama der Urbanisierung findet in den Entwicklungen in Europa kaum Anknüpfungspunkte, wenngleich die Globalisierung die für uns so gemütliche Trennung von Wohlstand und Armut und Sicherheit und Krieg bzw. Terror längst aufgehoben hat.

Deshalb kann man behaupten, dass die Städte hierzulande – all ihren Problemen zum Trotz – nach wie vor Geschöpfe ziviler Prosperität sind. Sie markieren auf je eigene Weise so etwas wie Mitte: Zwischen einem staatlichen chinesischen Hochgeschwindigkeitsurbanismus, der mit Hilfe westlicher Stararchitekten ganze Städte vom Reißbrett weg baut, auf der einen, und auf der anderen Seite den megalomanen Armutswucherungen der Dritten Welt. Beispielsweise in Dakar, Jakarta, Lagos, Kairo und teilweise in São Paulo. Hier stoßen Slum und Gated Community unvermittelt aufeinander. Direkt neben den Wellblechhütten der Favelas, in denen ein einfacher Wasserhahn fehlt, ragen Bauten mit Luxusappartements empor, deren Balkone Swimmingpools beherbergen. (…)

Das heutige Berlin dürfte allen ein Begriff sein

Die Zukunft liegt in der Stadt. Doch die Stadt gibt es nicht. Und auch eine einzelne Stadt, herausgepickt aus dem schier unendlichen Universum von Städten, ist alles andere als ein fixiertes, starres System aus Bauten, Bewohnern und Verbindungsadern. Stadt besteht aus vielschichtigen, uneindeutigen Assoziationen, Erinnerungen und Ideen, aus Verwicklungen, Tragödien ebenso wie ungeheuren Energien und oftmals irrationalen und unauflösbaren Widersprüchen – im Planen, im Bauen und vor allem im Mit- und Gegeneinander der Stadtmenschen. Die kumulierte Geschichte einer Stadt macht sie zu dem, was wir ihr von außen beimessen, bestimmt ihre Aura und Attraktivität, ihre Gegenwart und tendenziell auch ihre Zukunft. Und natürlich können wir, kann die Stadt selbst nicht sicher sein, dass sich ihr Bild stetig und konsistent entwickelt. So ist das Berlin um 1870 ein ganz anderes als das der 1920er Jahre. Wir haben eine deutsche Hauptstadt nach 1933, eine weitere vom Mai 1945 in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert. Dann gibt es die Metropole, auf die Wim Wenders in seinem Film „Himmel über Berlin“ Bruno Ganz und Otto Sander hat schauen lassen. Wir erinnern uns an die beiden Teilstädte zwischen dem 13. August 1961 und dem 9. November 1989.

Das heutige Berlin dürfte allen ein Begriff sein – in dem alle möglichen Facetten der Historie mitschwingen und sich auf eigentümliche Art und Weise überlagern. Doch Berlin ist nicht mehr als ein Beispiel, denn all diese Geschichten, Eigenschaften und Zuschreibungen vervielfachen sich rund um den Globus des Urbanen und zeichnen ein Seelenbild der Menschheit. Vieles ist dran an der – in diesem Falle politisch unverdächtigen – Einschätzung von Karl Marx, wie sie in der Eingangshalle des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung in Bonn prangt: „Der Mensch erblickt sich im Antlitz seiner Städte.“ (…)

Was hilft angesichts dessen der Blick auf eine eindrucksvolle urbane Kulturgeschichte? Dass die Stadt die Wiege der Demokratie war – im antiken Griechenland –, der mittelalterliche Ort der Sehnsucht, an dem die Luft frei machte, oder auch das Pandämonium schlechthin, wie etwa in Fritz Langs „Metropolis“? Dass sie in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ zum topographischen Sinnbild der moralischen Auflösung der Menschen wurde? Dass sie, in Ridley Scotts „Blade Runner“, als verseuchte Metropole die Trostlosigkeit der Zukunft in den 1980er Jahren spiegelte?

Das legte doch bloß eine lineare Entwicklungslogik – vom Traum zum Trauma – nahe, die nicht der heutigen, vielschichtiger gewordenen Empfindung entspricht. Zumal es ebenso viele Bilder und Mythen von der Stadt gibt wie Städte selbst. Wir wollen dem entgegen halten: Stadt ist Zukunft! (…)

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass selbst ein Begriff wie Kosmopolitismus einen urbanistischen Rückbezug aufweist. Entstanden ist er in der Antike. Er beruht auf der Idee, dass der Kosmos größer ist als die Polis. Der Kosmopolit war derjenige, der auf die Welt geschaut hat und nicht nur auf die eigene Stadt. Er hat sogar die eigene Stadt auf der Basis dieses Blicks auf die Welt kritisiert. Zählt das auch heute noch zu unserer Kultur?

Und was ist, gerade in Deutschland, aus dem Fortschritt geworden? Wo ist er geblieben, nachdem er Jahrhunderte lang Menschen beflügelt, angespornt, in mancher Verzagtheit getröstet hat? Sieht man einmal von der eher wüsten Goldgräberstimmung im Digitalen, in der Smart City ab, so scheint weithin eine Art „Mehltau der Zukunftsangst“ bestimmend, der sich über Städtebau und Urbanismus gelegt hat und jegliche Vorfreude auf alles Kommende trübt.

Fortschritt, Zukunft, Utopie? Wo man munter drauflos denken und entwerfen darf, in universitären Seminaren etwa, herrscht an solchen Reizvokabeln kein Mangel. Allerdings füllt jeder sie mit seinen Lieblingsthemen: Mal Tempo, mal Entschleunigung, heute Skyline, morgen wuselnde Urbanität. Für die einen ist der Planet nur mit Hightech zu retten, für andere nur per Subsistenz und Resilienz. Manche sind offen für alles Neue, manche kontextsicher und prinzipienfest. Aber wo, bitte schön, ist denn nun wirklich „vorn“? Oder hat sich gerade dieses „vorn“ ein für alle Mal aufgelöst? (…)

Eigenlogiken von sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung

Gewiss aber lassen sich aus möglichen und wünschbaren Zukünfte Handlungsoptionen ableiten und Strategien aufzeigen. Wenn wir in Zukunft so leben wollen – welche Wege müssen wir dann heute einschlagen? Worin liegen die Anknüpfungspunkte zum urbanistischen Weiterdenken? Wie lauten die wahrscheinlichen Entwicklungsperspektiven? Was sind die wesentlichen Faktoren und Treiber, die die Stadt von übermorgen beeinflussen werden? Wie mag sie strukturiert sein, wie kann sie aussehen? Umgekehrt wäre jedoch auch danach zu fragen, was die heutigen Konsequenzen der zukünftigen Entwicklungen sind. Was können und was müssen wir unternehmen, um eine nachhaltige Stadtentwicklung zu initiieren?

Fraglos spielen dabei das je aktuelle politische Umfeld, Aspekte von Governance, die Eigenlogiken von sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung, die Dynamik des Immobiliensektors, die (Re)Strukturierung von Stadt- und Wohnraum, die Veränderungen in Mobilitätsverhalten und -angeboten oder den entsprechenden Infrastrukturen eine Rolle. Doch kann aus sektoralen, und wie auch immer abgesicherten Zukunftserwartungen ein urbanes Gesamtbild entstehen? Oder muss „Die Stadt von übermorgen“ ein Patchwork wohlfeiler Vermutungen bleiben?

Es wäre vermessen, hier ein Bild mit klarer Kontur skizzieren zu wollen. Ohnehin dient uns Zukunft weniger als Brennglas, sondern vielmehr als Kaleidoskop. Wir möchten uns nicht in Mutmaßungen darüber verlieren, was 2045 oder 2079 sein wird. Stattdessen versuchen wir eine Annäherung anhand von drei Gegensatzpaaren. Erstens: Extreme Beschleunigung versus Ruhepol. Zweitens: Masterplan versus Einzelprojekt. Und drittens: Optimismus versus Pessimismus. Gewiss, das Koordinatenkreuz für die weitere Entwicklung könnte sich auch an anderen Begriffen festmachen. Dennoch lassen sich Wahrscheinlichkeiten, Veränderungsszenarien wie auch das mögliche Entwicklungspotential des Urbanen durchaus auf diese Weise abstecken. (…)

Veränderungen, Probleme und Unwägbarkeiten 

Können wir uns gescheiterte Städte vorstellen, in Deutschland? Anders herum gefragt: Kann man hoffnungsvoll über die Zukunft der Stadt spekulieren, wenn Pöbeleien von rechtsaußen ehrenamtliche Bürgermeister vertreiben? Auch bei uns gibt es akute Gefährdungen. Frust und Wut können schnell vieles zerstören, was Vertrauen und die Kultur eines konstruktiven Miteinanders angeht. Demokratie ist sehr verletzlich, wenn Vermittlung nicht mehr gelingt und Akzeptanz schwindet.

Wir brauchen, erstens, Offenheit – allen Änderungen gegenüber, weil wir nur so nicht untergehen werden. Zweitens, die Courage, den Menschen die Wahrheit über die krassen Veränderungen zu sagen – um im nächsten Schritt Vertrauen und Gemeinschaft als Grundkapital für die Anpassung aufzubauen. Und drittens muss jeder eine gewisse Verantwortung vor Ort übernehmen. Weil die wichtigsten Aufgaben nur so lösbar sind.

Doch alle Veränderungen, Probleme und Unwägbarkeiten – davon sind wir überzeugt – ändern nichts daran, dass die Stadt Zukunft hat. Für jeden Einzelnen gilt dabei, was der Schriftsteller Martin Walser einmal formulierte: „Ihm war die ganze Stadt als eine riesige Schmiede erschienen, in der alles der Bearbeitung unterlag, in der es keinen Unterschied mehr gab zwischen Werkstück und Schmied, alles war zugleich Werkstück und Schmied, jeder und jedes wurde bearbeitet und bearbeitete selbst, ein Ende dieses Prozesses war nicht vorgesehen.“

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