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Robert Menasse bei seiner Dankesrede.

Robert Menasse

Menasse verspricht Besserung

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Robert Menasse erhält in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille und diskutiert über Europa.

Schließlich ließ Robert Menasse im Traum den Schriftstellerkollegen Carl Zuckmayer den Fall beurteilen. „Luftikus“, zitierte Menasse, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um einen Wortlaut handele, stehe wegen falscher Zitate „schwer in der Kritik“. Er habe ihm, Zuckmayer, jedoch Besserung gelobt und lasse sich darum in die Kategorie „Guter Dichter, jetzt mit noch besserer Rezeptur“ einreihen.

Zuckmayers Urteil trug Menasse, zuvor mit der rheinland-pfälzischen Carl-Zuckmayer-Medaille und dreißig Litern Nackenheimer Wein ausgezeichnet, vor 900 Gästen im Mainzer Staatstheater vor und wählte also eine so freche wie originelle wie doppelbödige Form. Anregen ließ er sich nämlich durch Zuckmayers Dossiers über erfolgreiche Autoren und Theaterleute in NS-Deutschland, erstellt 1943/44 für den US-Geheimdienst (Menasse: „nie wurde Geheimdienstgeld sinnvoller ausgegeben“): Schweres Geschütz (Menasse unter geheimdienstlich relevantem Verdacht wie die Kunstschaffenden unter Nazi-Herrschaft) und leichtherziger Ausgang, Bekenntnis und Schwamm-Drüber.

„Großes Geschütz“ hatte zuvor auch sein grippekranker Laudator Karl-Markus Gauß gesehen, dessen Rede der Mainzer Schauspieler Vincent Doddema vorlas: „Lüge, Betrug, Geschichtsfälschung, drunter geht es nicht.“ Einerseits mache ihn das ratlos, andererseits: „Glückliches Deutschland“, das keine schlimmere Verfehlung kenne als falsches Zitieren in einem Roman. Und „was für eine Republik des Geistes“, in der Abgeordnete sich mit solcher Verve über ein literarisches Werk beugten. Angesichts des „Superlativismus des Abscheus“ riet er allerdings dazu, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und, wenn dann „ein wenig abgerüstet“ sei, wieder Menasses Bücher zu lesen.

„Es war kein leichter Weg bis zu diesem Abend“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Für „das Gelingen einer demokratischen Debatte“ sei es „unerlässlich, Gewissheiten von Annahmen und Fakten von Meinungen zu trennen“. Menasse aber habe eingeräumt, „nicht zwischen der künstlerischen Freiheit im Roman und den Spielregeln des politischen Diskurses unterschieden zu haben“.

Natürlich ist das der zentrale, am Abend der Preisverleihung mitnichten verschwiegene, aber auch nicht ins Zentrum gerückte Unterschied: Hier der (2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete) Roman „Die Hauptstadt“, gegen den solche Einwände naturgemäß bizarr, naiv oder dubios sind. Dort die jenseits des Fiktionalen wiederholten fiktiven Zitate des frühen Europapolitikers Walter Hallstein und die laut Menasse auf Hörensagen beruhende und ebenfalls wiederholte Behauptung, Hallstein habe seine Antrittsrede als erster Kommissionspräsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1958 auf dem Gelände des KZ Auschwitz gehalten. Menasse dazu bei der Diskussion am nächsten Tag (s. unten): Erstaunlich, dass er das so gar nicht hinterfragt habe, weil es bei näherer Hinsicht ja ganz unwahrscheinlich sei. Wenn aber „jemand bereit ist, einen Fehler einzusehen und diesen auch einzugestehen, so bin ich bereit, das anzuerkennen“, sagte Dreyer.

So bewegte sich die Preisverleihung zwischen dem Versuch der Offenheit und dem Versuch, den Preisträger durch das Hervorheben des nonfiktiven Teils nicht zu diskreditieren (dieser Teil bleibt seltsam, zumal Historiker Menasse schon 2017 warnten). Dazu kam selbstverständlich der Versuch, auch über etwas anderes zu sprechen. Der Schriftsteller und Freund Gauß sprach über Menasses Ungeduld mit Blick auf Europa, die die „historische Stunde immer jetzt“ sehe: Man könne die Dinge ändern, darauf beharre dieser in einer Welt, in der „Weltverbesserer“ wie „Naivlinge“ behandelt würden. Als Romancier gehe Menasse in jedem Buch aufs Ganze, immer vergnüglich, immer mit „Witz und Wissen“, immer „originell und gescheit“.

Menasse, auf der Suche nach Worten für seine Dankesrede, hatte sich vom geträumten Zuckmayer noch das Stichwort „Vogel“ zurufen lassen. Liege ein Spatz mit den Beinen in die Höhe da. Komme ein Kater, freue sich über die leichte Beute und frage aber noch, was der Spatz da treibe. Der Himmel werde herunterfallen, so der Spatz. Das wolle er auf diese Weise verhindern, so der Kater höhnisch. „Ich tu, was ich kann.“

Am nächsten Morgen diskutierten Menasse und die Friedenspreisträgerin Aleida Assmann ebenfalls im Staatstheater sehr anregend und aufmerksam zum Auftakt einer kleinen Gesprächsreihe vor der Europawahl. Menasse sah die EU in der Dauerkrise, Assmann keineswegs. Sie rede das nicht schön, es sei schön, sagte sie. Leider werde das aber vergessen wie so vieles, und wer nicht wisse, woher er komme, könne auch nicht wissen, wohin er wolle. „Es kann keine Utopie geben ohne Erinnerung“, sagte Assmann. Beide beklagten Desinteresse an der und fehlendes Basiswissen über die EU, die, so Menasse, weniger reine Verwaltungsbeamte habe als die Stadt Wien.

Auch der von Assmann jüngst in einem Interview in Stellung gebrachte Begriff des Nationalstaats erschien hier keinesfalls als Gegensatz zu ihrer unbedingt positiven Haltung zur EU, zu diesem „Friedensprojekt“, diesem „Freiheitsprojekt“, diesem Projekt „selbstkritischer Erinnerungskultur“ und „der Menschenrechte“. Der Nationalstaat, betonte Assmann, werde durch die EU nicht geschwächt, er werde gezähmt. Die Gefahr komme auch nicht von einem modernen Umgang damit, sondern von einer in Ungarn oder Polen zu beobachtenden Rückkehr zu einem älteren Nationalstaatsbegriff, der von einem Kollektiv ausgehe, einem exklusiven, in dem das Individuum keine Rolle spiele. Wer den Begriff aber gegen eine handlungsfähige EU ausspiele, arbeite den EU-Gegnern in die Hände (darum offenbar ihre Empfindlichkeit gegen das Wort „Schwächung“).

Mit Blick auf den Zitatstreit sprach Assmann von einer tragischen Zeitgleichheit zum völlig anders gearteten Fall Relotius und von der Skandalisierung einer „Bagatelle“. Das sagte sie nicht beiläufig. Den Unterschied zwischen Fiktion und Nichtfiktion müsse man ihr zudem bitte nicht erklären, auch Menasse müsse das nicht.

Die Reihe „Deine Zauber binden wieder“ am Staatstheater Mainz wird am 2. Februar fortgesetzt, im Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey Autorin Thea Dorn und FDP-Politikerin Nicola Beer.

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