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Mely Kiyak „Werden sie uns mit FlixBus deportieren?“: Die Zärtlichkeit der Welt

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Von: Arno Widmann

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Mely Kiyak.
Mely Kiyak. © Svenja Trierscheid

Die großartigen Theaterkolumnen von Mely Kiyak gibt es jetzt als Buch

Mely Kiyak, geboren 1976 in Sulingen, ist nicht nur eine der bekanntesten Kolumnistinnen Deutschlands. Sie ist auch die formvollendetste. Scharfsinnig, witzig und immer in der Lage, die Dinge in wenigen Sätzen so klarzustellen, dass selbst ich sie verstehe. Zum Beispiel schreibt sie: „In einer Welt, in der sogar der Kapitalismus abhängig ist vom nackten Körper der Frau, weil die Waren angeblich nur mit weiblichem Sex zu verkaufen sind, braucht mir keiner mit dem Argument des wilden geilen Orientalen (Afrikaners, Latinos, Arabers usw.) zu kommen. Manche der wilden geilen Gestalten sitzen nämlich in gut geschnittenen Anzügen in den Werbeagenturen der Welt.“

Immer offene Augen

Von 2008 bis 2013 schrieb Mely Kiyak auch für die Frankfurter Rundschau. Seitdem schreibt sie Kolumnen u.a. für „Zeit Online“ und das Maxim-Gorki-Theater. Der Hanser-Verlag, der im August 2020 ihr Buch „Frausein“ herausbrachte, legt jetzt eine Sammlung ihrer Kolumnen vor, die sie zwischen 2013 und 2020 für das Berliner Theater schrieb. Niemals verschließt Mely Kiyak ihre Augen vor dem Fortschritt der freien Marktwirtschaft. Wer denkt, die kommenden Deportationen würden wieder mit der Bahn durchgeführt werden, den fragt sie: „Werden sie uns (diesmal nicht) mit FlixBus deportieren?“

Die Kolumnen werden flankiert von einer von Mely Kiyak im November 2021 geschriebenen Einleitung und einem Nachwort.

Mely Kiyak blickt mit sehr scharfen Augen auf unsere Gesellschaft. Sie liebt es, uns das zu zeigen, was sie sieht. Es ist nichts Schönes. Die Welt, in der wir leben ist von schreiender – nein von totgeschwiegener – Ungerechtigkeit. Niemandem ist zu trauen. Keiner tut, wozu er da ist: Die Politiker kümmern sich nicht ums Gemeinwohl, der Verfassungsschutz zerstört die Verfassung. Das ist nicht nur bei uns so.

Das Buch:

Mely Kiyak: Werden sie uns mit FlixBus deportieren? Carl Hanser Verlag, München 2022. 224 S., 22 Euro.

Es ist gut, dass diese Kolumnen in ein Buch gefunden haben. Ich hatte Heinrich Böckelühr vergessen, der CDU-Bürgermeister von Schwerte „hatte die Idee, die 21 seiner Gemeinde zugeteilten Flüchtlinge in einem ehemaligen Konzentrationslager unterzubringen“. Außer Mely Kiyak scheint niemand Anstoß an diesem Vorschlag genommen zu haben. Der Mann war bis zum 15. Oktober 2017 hauptamtlicher Bürgermeister von Schwerte und ist seit dem 16. Oktober 2017 Präsident der Gemeindeprüfungsanstalt NRW. Das entnehme ich Wikipedia. Böckelührs KZ-Idee finde ich dort nicht. Ich hatte auch vergessen, dass der Anti-Graffiti-Schutz der Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin von der Degussa geliefert wurde, deren Tochter Degesch das Zyklon B geliefert hatte, mit dem 1,1 Millionen Juden in Auschwitz umgebracht worden waren. Sie erinnert auch an die systematischen Vernichtungen von Armeniern, Kurden, Christinnen und Christen, die die Geburt der Türkei begleiteten.

Prägnant und darum schön

Sehen Sie, so wie ich das hier schreibe, schreibt Mely Kiyak es nicht. Sie schreibt prägnanter, klarer als ich. Damit aber auch schöner. So entsteht der merkwürdige Effekt, dass die schreckliche Welt, für die uns Mely Kiyak die Augen öffnet, zugleich eine wunderbare Welt ist, weil jemand darin so schreiben kann wie sie. Mely Kiyak lesend, erfahren Leserinnen und Leser, dass Schönheit radikal nichts mit Beschönigen zu tun hat. Ihre Sätze sind schön, weil sie wahr sind. Die Wahrheit liegt nicht ruhig vor einem und ist nichts, das ruhig vor einem liegt und gelassen abgeschildert werden kann. Man rechnet nicht mit ihr. Sie überfällt einen.

Das tut auch das Nachwort. Dessen erster Satz endet mit der Bemerkung „nicht traurig sein, jetzt trennen wir uns bald“. Wer noch glaubt, das sei – es handelt sich schließlich um Theaterkolumnen – nur eine etwas dramatische Formulierung für einen Buchschluss, der erschrickt, so er zu den Verehrern der Autorin Mely Kiyak gehört, bis hinein ins Mark seiner Knochen, wenn er ein paar Seiten später auf diese Sätze stößt: „Habe ich Angst, werde ich manchmal gefragt. Ja, habe ich. Ich habe Angst zu sterben, ohne alles geregelt zu haben. Angst, dass ich nicht genug von der Zärtlichkeit der Welt genossen habe. Ich möchte noch ein wenig da sein. Einfach nur in der Ecke sitzen und zuschauen. Wenn das klappt, freue ich mich.“

Wer sie liebt, wird weinen an dieser Stelle.

Buchvorstellung heute, Dienstag, 20 Uhr im Container des Gorki-Theaters in Berlin und gleichzeitig als Livestream auf Youtube.

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