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Budapest, Anfang des 20. Jahrhunderts.
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Budapest, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Miklós Bánffy

Die Melancholie des Untergangs

Miklós Bánffys „Die Schrift in Flammen“ ist ein ungarischer Jahrhundertroman, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Es erzählt von einem trans silvanischen Grafen - einem anderen als Dracula.

Von Mathias Schnitzler

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Jenseits der Wälder – trans silvana hieß das bei den alten Römern – ist Spektakuläres zu entdecken. Keine Bange, wir sprechen jetzt nicht von Dracula und seinen lästigen Nachfolgern, sondern von einem anderen Grafen der europäischen Literatur. Wie Miklós Bánffy in seiner „Siebenbürger Geschichte“ die Sphären der Liebe, Kunst, Gesellschaft, Ökonomie und Politik zu einem prächtigen Sittenbild des ungarischen Adels verzahnt, ist ebenso ambitioniert wie bezaubernd. Mit dem ersten Teil „Die Schrift in Flammen“ ist Bánffys transsilvanisches Romanprojekt nach 80 Jahren erstmals auch auf Deutsch zu lesen.

Graf Miklós Bánffy, 1873 in der siebenbürgischen Hauptstadt Klausenburg (rumänisch Cluj, ungarisch Kolozsvár) geboren, hat von den Größten gelernt. Das melancholische Untergangsszenario der Doppelmonarchie bei Joseph Roth; Jane Austens nur vordergründig romantische Reflexionen über Freiheit und Abhängigkeit der Frauen; den Wechsel von historischen Ereignissen und Liebeswirren, von politischer Agenda und hinreißenden Bällen in „Krieg und Frieden“. Wie Tolstois Roman erstreckt sich Bánffys Werk über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Funkelnde Sprache, feurige Leidenschaft

Sogar das Fremdeln des Künstlers, der bei Thomas Mann im Konflikt mit seiner bürgerlichen Herkunft steht, hat Bánffy im Siebenbürgischen ausgemacht. Trotzdem ist das Werk zutiefst eigenständig. Dafür sorgt allein schon Bánffys funkelnde Sprache, deren feurige Leidenschaft Andreas Oplatka ebenso gekonnt ins Deutsche übertragen hat wie die komplexen historisch-politischen Zusammenhänge.

Transsilvanien und Siebenbürgen sind zwei Namen für eine historisch, kulturell und ethnisch faszinierende Region im südlichen Karpatenraum. Deren landschaftliche Schönheit hat Bánffy mit herrlichen Naturbeschreibungen in Kontrast zu den gesellschaftlichen Eitelkeiten gesetzt. Zur Zeit der Romanhandlung gehört das mehrheitlich von Rumänen bewohnte Siebenbürgen, das jahrhundertelang autonom gewesen und Lebensraum auch für die Siebenbürger Sachsen war, zur ungarischen Reichshälfte. Mit dem für die Magyaren traumatischen Vertrag von Trianon, in dem Ungarn zwei Drittel seines Territoriums verliert, fällt das Gebiet 1920 an Rumänien.

Erzählt wird die Geschichte Ungarns und speziell Siebenbürgens im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, das heißt vor dem Ende des österreichisch-ungarischen Doppelstaates, aus der Perspektive zweier junger Adliger. Bálint Abády, ein Großgrundbesitzer mit naiven, liberalen Ideen, ist nach diplomatischen Lehrjahren im Ausland zurückgekehrt. Als Abgeordneter seines Landkreises vertritt er die ungarischen Siebenbürger im Budapester Parlament. Er will die Lebensbedingungen der Landbevölkerung verbessern, gründet Genossenschaften, wird jedoch nicht immer ernst genommen.

Bánffy kannte die Machtspiele der Politiker

Eine tragische Romanze mit der verheirateten Adrienne bereitet ihm im Augenblick die größten Sorgen. Wertherhafte Liebesdialoge im Wald, ein in Venedig gemachtes, tödliches Liebesversprechen dürften selbst hartgesottene Zyniker zu Tränen rühren. Kummer mit dem Eros hat auch Balints Cousin László, der zweite Held des Romans. László ist Komponist, setzt aber seine Karriere aufs Spiel, als er sich der keuschen Klara zu unzweideutig nähert. Lászlós Spielleidenschaft mit dostojewskischen Ausmaßen und ein sogar für damalige Zeiten ziemlich unnötiges Duell lassen für den Verlauf der Handlung Böses ahnen. Die schillerndste Figur des Romans ist Oberleutnant Baron Egon von Wickwitz, ein Ungar mit deutschen Wurzeln. Äußerlich ein Typ wie Erich von Stroheim, zackig, verschlagen, intelligent, lässt er sich von wohlhabenden Frauen aushalten und sucht stets seinen Vorteil. Das Schöne: Ganz unsympathisch ist er dabei nicht.

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Graf Bánffy wusste, wovon er sprach, wenn es um Vergnügungen, um Kunst und Politik ging. Der Rechtswissenschaftler verkehrte bereits als Gymnasiast in Künstler- und Spielerkreisen; schon sein zweites, während des Studiums verfasstes Theaterstück, wurde in Budapest uraufgeführt. Vor dem Krieg war Bánffy Leiter des Nationaltheaters sowie der Pester Oper und setzte sich für den von vielen Kapellmeistern als unspielbar abgelehnten Béla Bartók ein. Seine zwischen 1934 und 1940 publizierte, von den Kommunisten verbotene Siebenbürger Trilogie gilt heute als das Werk, das wie kein anderes Leben und Denken, Moral und Verfall des ungarischen Adels an der Jahrhundertwende illustriert.

Als Präfekt in Klausenburg kannte Bánffy die Machtspiele und Egoismen der Politiker. Von 1921 bis 1922 war er sogar ungarischer Außenminister. Das friedvolle Zusammenleben von Ungarn, Rumänen und Deutschen in Siebenbürgen versuchte er zeitlebens zu fördern. 1942 setzte die SS sein berühmtes Schloss Bonchida in Brand. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bánffy schon die rumänische Staatsbürgerschaft angenommen. Nach Machtübernahme der Kommunisten wurde er enteignet und erhielt Publikationsverbot. Gestorben ist Miklós Bánffy 1950 in Budapest.

Erst nach 1989 hat man die lange verschwundene „Siebenbürger Geschichte“ in Ungarn wieder aufgelegt: mit großem Erfolg. Eine grandiose, melancholische Beschwörung aristokratischen Lebens in Ungarn bis zum Ersten Weltkrieg – und zugleich dessen schonungslosen Abgesang. „Als wäre es ein Grabtuch“, lauten die letzten Worte des Romans, „das sich über sie ausbreitete.“

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