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Melancholie und Revolte

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Verspielt im Geist der Romantik: Anne Webers Reisen führen diesmal bis an den Eingang des Totenreichs

Wer reist, verlässt einen Ort, aber selten sich selbst. Wer in der Fremde ankommt, ist schon längst bei sich. Für Expeditionen ins Ungewisse reicht der eigene Kopf.

Anne Weber, in Offenbach geboren, seit 1983 in Paris lebend, ist in diesem Sinn eine leidenschaftliche Reiseschriftstellerin. Im Debütband Ida erfindet das Schießpulver aus dem Jahr 1999 präsentierte sie pointensichere Prosaminiaturen mit philosophischem Tiefgang: funkelnde Mitbringsel des Tourens im eigenen Kosmos. Das folgende Buch (Im Anfang war, 2000) berichtete aus der für Weber typischen Perspektive von Scharfsinn und Ironie über Ausflüge in die Welt des Pentateuch. Zwei Jahre später schließlich (Erste Person, 2002) erkundete die heute vierzigjährige Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin das schreibende Ich. Im Nachhall postmoderner Subjektivitäts-Diskurse unterstrich sie selbstbewusst, dass man zum Unterwegssein eben nur sich selbst brauche: "Ich werde niemanden erfinden, denn ich berge die Welt".

Anne Webers jüngstes Buch Besuch bei Zerberus erzählt von wiederholten Grenzüberschreitungen auf geographischen, mythologischen und literarischen Feldern. Wohl wissend: "für den Roman bin ich zu kurzatmig, für die Novelle zu einfallslos, für den Aphorismus zu weit von jeder Wahrheit entfernt", entscheidet sich die Autorin für eine Textsorte, die Gattungsgrenzen auflöst.

Sprachtheoretische Reflexionen treffen da auf lyrische Stimmungsbilder, Kalauer auf Elemente des Reisetagebuchs. Weisheit verbindet sich mit Witz, unnachgiebige Intelligenz steht neben kindlicher Blödelei. Hölderlin und Kafka werden zitiert, auch der unglückliche Werther. Dabei schwebt insgeheim der Geist von Kurt Schwitters über allen Wassern, mit denen Anne Weber gewaschen ist.

Ihr sprudelnder, strudelnder Erzählfluss ist durch den Wechsel von Tag und Nacht strukturiert. Diese wiederkehrende Konstante erscheint als das einzig Verlässliche auf der Reise einer Ich-Erzählerin, die Verwandlung und Läuterung sucht. Am Anfang blickt sie aus einem Fenster. Führt des Lesers Blick hinaus in den Wald, an den Rhein, zu den Gestirnen am Firmament, hinunter bis an den Eingang zur Hölle. Den lokalisiert sie in Cerbère, einem Ort an der französisch-spanischen Grenze. Hier soll die Wirkungsstätte des Zerberus, des Höllenhundes, sein - jenes mythologischen Wesens, das dreiköpfig, mit der Hydra verwandt, den Eingang zum Hades bewacht. Zu Besuch bei Zerberus ist ein Buch aus dem Geist der Romantik. Wer die Welt als Unort betrachtet, dem wird das Totenreich zur Verheißung, die Einbildung zur Möglichkeit. Zur Chance, "der Wirklichkeit ins Auge zu sehen."

Die Reise dient bei Anne Weber auch der Selbstvergewisserung, dem Begründen eigener Identität. Man erfährt, dass der Ich-Erzählerin schon als jungem Mädchen die Welt abhanden kam. "Bildabsonderer", "Erlebnisbäder" und "Kinderporno-Videogeschäft" sind ihr ein Gräuel, bürgerliches Leben und der abwesende Vater trost- und substanzlos. Seitdem existiert sie im Schreiben. Weiß, wie man einen Roman gestaltet, will aber ein Buch verfassen "mit offenem Anfang", "in dem die Sprache umgestülpt wäre wie ein Strumpf." Sie möchte ihr Wissen vergessen, den ganzen Gedankenschlick einfach zerstäuben, sehnt sich nach Neuanfang und der selbstverständlichen Geborgenheit von Tieren in der Natur. Da dies so verständlich wie unmöglich ist, endet die Reise wieder vor einem Fenster. Draußen ist es dunkel. Im Glas erscheint das Gesicht der Ich-Erzählerin. Es sieht aus wie ein Porträt von Francis Bacon.

Jede Leidenschaft grenze ans Chaos, notierte einmal Walter Benjamin. Anne Weber, chaotische Grenzgängerin durch Leidenschaft für Sprache, bezieht sich in ihrem Text mehrfach auf den geistigen Übervater. Obwohl gnadenlos verspielt und fantasievoll logisch, trotz eigenwilligen Gespürs für Komik und Lust am Fabulieren, erzählt Anne Weber von einer Verstörung; ihre Heiterkeit täuscht nicht über Verzweiflung hinweg. Sie rührt von Erkenntnis: der Aussichtslosigkeit des Denkens und der menschlichen Existenz.

Die Autorin versucht, sich in literarische Gegenwelten zu retten. Zugleich revoltiert sie gegen deren Gesetze. "So bemühe ich mich unter größter Willensanstrengung, die Worte und Silben und Buchstaben in Schach zu halten und nicht der Bequemlichkeit nachzugeben, die mich dazu verführen will, mich ihrem Drängen und Ziehen zu überlassen." Mag der Leser sie dabei begleiten. Eine anregendere Reiseführerin findet er selten.

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