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Bauhaus

Die Meisterfrau

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Im besten Sinne das Damenprogramm zum Start des Bauhaus-Jahres: Jana Revedins Buch über Ise Frank-Gropius.

Der Architekt Walter Gropius wirkte auf Ilse Frank schon alt, als sie ihn zum ersten Mal sah. Auch seinen Vortrag vor Hannoveraner Akademikern fand sie eher schwach. Und doch fing sie sofort an, ihn zu vermissen, als sie im Mai 1923, nach einer kurzen privaten Begegnung mit ihm, wieder nach Hause fuhr. Und das lag nur zum Teil an seiner so ritterlichen wie zutraulichen Art. Es lag vor allem daran, dass er eine Idee hatte, für die er brannte. Und Ilse Frank, bald Ise genannt und verheiratete Gropius, noch aber Angestellte einer Münchner Verlagsbuchhandlung, die am liebsten an der Schreibmaschine saß und Buchrezensionen schrieb, brannte darauf, für etwas zu brennen. Etwas, das neu war, modern – und sie brauchte.

„Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus“, ist der Titel des Buches, das die Architektin und Autorin Jana Revedin über „Das Leben der Ise Frank“ geschrieben hat. Wobei es mit Blick auf das Jubiläum der Gründung dieser Kunst- und Ideenschule durch Walter Gropius 1919 in Weimar im wesentlichen um Ises Leben mit dem Bauhaus-Gründer und ihre Rolle in der Gemeinschaft der Bauhäusler geht. Dass die zeitgenössische Vermittlung der Bauhausidee im wesentlichen die Leistung dieser begeisterungsfähigen Publizistin war, ist ganz klar der Fluchtpunkt der dokufiktionalen Erzählung, die auch Fachfremden auf unterhaltsame Weise einen Leitfaden ins Who’s Who der Bauhaus-Szene gibt.

Ise Frank, aus großbürgerlicher, jüdischer Familie stammend und 14 Jahre jünger als Gropius, war sich – folgt man dem Buch, das auf Grundlage ihrer Tagebücher entstand – darüber im Klaren, dass sie sich einem notorisch in Liebschaften verwickelten, in lebenspraktischen Dingen eher träge-träumerischem Mann anschließen würde, als sie ihre Stelle in München kündigte und zu ihm nach Weimar zog. Sogar Gropius’ Mutter warnte sie. Aber sie wollte Teil dieser künstlerisch-freigeistigen Reform-Bewegung sein, sie ahnte, was sie beitragen konnte , und sie nahm die Institution der Ehe vielleicht auch nicht so ernst – schließlich hatte sie auch noch ihre Herzensfreundin Irene Hecht, die sich dem Bauhaus als Fotografin beigesellte und später den Künstler Herbert Bayer heiratete.

Revedin ist weder die Erste noch die Einzige, die den weiblichen Anteil an der im Zeitkontext zwar fortschrittlichen, insgesamt aber trotzdem eher frauenfeindlichen Bauhausbewegung betont. Von Ulrike Müller erschien 2009 eine Publikation über die wenigen Meisterinnen in Handwerk und Design (von der es im März eine Neuausgabe geben wird), Ingrid Radewald erinnert aktuell an „Gunta Stölzl: Pionierin der Bauhausweberei“ und Ursula Muscheler malt ein Gruppenbild mit „Mutter, Muse und Frau Bauhaus: Die Frauen um Walter Gropius“.

Was Revedins Buch aber wunderbar gelingt, ist, einen Hauch der Zeit durch die Geschichte wehen zu lassen. Die Aufbruchstimmung, die Ise mitempfand, diese nach Kiefernholz duftende Frische, die sie anwehte, wenn sie im Dessauer Meisterhaus die akkurat nach Westen und Osten ausgerichteten Fenster öffnete oder Besuchergruppen die perfekte Ökonomie der in den Werkstätten entworfenen wie gebauten Einrichtung erläuterte (was man in dem Lehrfilm „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich: Neues Wohnen“ auf vimeo übrigens auch selbst sehen kann), liest sich auf unaufdringliche Weise authentisch.

Apropos Dessau: Ise war es, die erst mit Köln verhandelte (ihre Schulfreundin war Gussie Adenauer), als die Stadt Weimar dem Bauhaus aus politischen Gründen die Förderung einstellte, und dann aktiv die Verpflanzung nach Dessau betrieb. Sie war es, die die Idee der neuen Funktionalität von Kunst, der neuen Gestaltung des Handwerks und des Miteinanders aller Bereiche für die Fachpresse beschrieb.

Sie war es, die regelmäßig den Meisterrat (zu dem auch Lyonel Feininger und Paul Klee zählten) bewirtete und sich als erste auf Marcel Breuers Stahlrohrschwinger setzte. Sie war es, die Gropius’ Vorträge bis zum letzten Halbsatz hin verfasste, selbst wenn die Texte später, in der US-amerikanischen Emigration nur noch unter seinem Namen erschienen, weil Frauenarbeit dort in den 30er- und 40er-Jahren noch als unschicklich galt.

Wie geradezu erdrutschartig der Rückschlag war, den Deutschland durch das Erstarken der Nationalsozialisten in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht erlitt, macht das Buch (das sich auf die Jahre 1923–26 konzentriert) fast nebenbei ebenso deutlich wie das Missverständnis der Bauhaus-Ansätze als Zuarbeit sozialistischer Massenarchitektur. Für alle Aspekte findet Revedin beispielhafte Begegnungen, persönliche Beobachtungen und Anekdoten. Im allerbesten Sinne ist dieses – keineswegs durch und durch heitere – Buch so etwas wie das Damenprogramm zu einem fachlichen Großereignis, das die Dinge mit Leichtigkeit vom Rande angeht und sie dabei nicht selten im Zentrum erfasst.

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