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Das Laub der Pappel kann dazugehören.
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Das Laub der Pappel kann dazugehören.

Marcel Proust

Meine Madeleine

Ein Allgemeinplatz, aber ein schöner: Beispiele für die „mémoire involontaire“ aus der FR-Redaktion.

Die „unmittelbare Erinnerung“, die „mémoire involontaire“, perfekt materialisiert in Marcel Prousts in Tee getunktes Gebäckstück, ist zum Allgemeinplatz geworden. Das macht sie nicht fader. Im Anschluss einige Beispiele aus der FR-Redaktion. Alle Versuche einer Systematisierung sind dabei übrigens gescheitert. Welcher Tag wäre aber geeigneter als Prousts 150. Geburtstag, um die Individualität zu feiern.

Ich liege unten. Oben im Doppelstockbett mein älterer Bruder, fast schon Gymnasiast. Draußen alle paar Minuten ein Auto. Wir versuchen, anhand der Motorgeräusche die Marken zu erraten. Streit gibt es nicht, wir können die Ergebnisse ja nicht überprüfen.

Heute begegnet mir manchmal ein alter VW Käfer. Ich höre ihn und rolle mich innerlich entspannt zusammen wie in jenen kindlich unbelasteten Nächten. Stephan Hebel

Der Pfeffergeruch im Wohnzimmerschrank meiner Großmutter.

Natürlich durfte ich als Kind nicht an den Wohnzimmerschrank meiner Großmutter. Denn sie bewahrte darin auch nicht kindergerechte Dinge auf, Medikamente zum Beispiel. Aber Medikamente interessierten mich nicht. Ich schnupperte lieber an Gewürzen. Heute reicht ein Hauch frisch gemahlenen Pfeffers – schon bin ich im Haus meiner Großmutter, höre ihre mahnenden Worte und darf trotzdem im Schrank wühlen. Viktor Funk

Der Frühstückstisch bei meinen Großeltern. Da gab es für uns Kinder H-Milch mit Kaba. Der wurde getrunken aus Kunststoff-Kindertassen mit einer sehr dünnen Katze drauf, die mit krummem Buckel auf einer Wolke sitzt.

Vielleicht, weil ich nur sehr selten H-Milch trinke, kommt die Erinnerung zuverlässig, wenn ich es doch tue. Verstärkt werden kann sie mit Kaba. Friederike Meier

Sommer, frühe Achtzigerjahre, die Nachmittage im Reihenhausgarten. Die knarzende Terrassentür, der Duft der Lupinen – und über allem das hingebungsvolle Gurren der Tauben auf dem zugewucherten Grundstück nebenan, das wir Kinder in der Straße ehrfurchtsvoll „Wildnis“ nannten.

Es sind die Tauben, die mich mit ihrem Gurren wieder in den Sechsjährigen verwandeln, der auf der Terrasse sein Fahrrad zum ersten Mal selber flickt, seinen neuesten Sperrmüllfund poliert (ein wackliger Tischkicker) oder kalten Minztee trinkt. Schön, diese Erinnerungen, aber auch traurig. Denn diese zeitlosen Sommer sind zwar nicht verloren, aber eben: vergangen, vorbei. Boris Halva

Er hätte sich nicht so weit vorbeugen müssen. An dieser Stelle vor allem. Die einzige Station der Minigolfbahn, an der man ausholen und fest zuhauen muss, und Frank M. beugt sich neugierig vor. Schläger am Kinn. Platzwunde, Notarzt, Chaos beim Kinderhortausflug, und über allem der Duft von Weißdorn. Dieses Internet behauptet, Weißdorn verströme einen „penetranten“, ja, einen „unangenehmen Gestank“. Aber was weiß schon das Internet. Weißdorn ist das betörende Aroma der Sommer unserer Kindheit. Und sorry, Frank. Thomas Stillbauer

Die Tierabteilung des Warenhauses, in der Zierfische in lila-bläulich beleuchteten Aquarien untergebracht waren: ein zeitanhaltendes Glück, bis die Erwachsenen falsche Prioritäten setzten und in die Kurzwarenabteilung wollten. Da es in Warenhäusern – gewiss zum Besten der Tiere – keine Tierabteilungen mehr gibt, tritt die Erinnerung nur noch bei jeder lila-bläulichen Beleuchtung auf (Sonnenstudio-Schaufenster, Feuerzangenbowle, Rummelplatz, Bildschirmschoner), inklusive eines angenehmen Brackwassergeruchs. Judith von Sternburg

Der Schuster war ein sanfter Mann. In seinem Laden roch es nach Fuß, Kippen und Klebstoff. Ich, das Grundschulkind, ging gern zu ihm, ich liebte den Geruch. Dann begann er zu trinken. Er torkelte durch die Straßen, fluchend, fürchterlich. Längst war er kein Schuster mehr, nur noch ein Mann, der sich zerstörte.

Öffne ich heute eine Tube „Pattex“, erscheint sein Bild – und das Wissen um die Brüchigkeit von Leder und Leben. Tanja Kokoska

Die großen Pappelbäume in der Straße meiner Kindheit, dem Pappelweg.

Ich muss sie gar nicht sehen. Wenn es irgendwo auch nur nach Pappelblättern, besonders herbstlichen, gern auch in der Pfütze liegenden, riecht, bekomme ich entweder einen kleinen Glücksschub oder feuchte Augen. Ich denke an das Sammeln sonnengelber Blätter, denn kein Blatt wird im Herbst so sonnengelb wie das der Pappel, das würde ich beschwören. Ich denke an Kastanien-Eicheln-bunte-Herbstblätter-Streichhölzer-Bastelstunden mit meiner Mutter. Die Pappelblätter riechen herb, holzig, beizig, aber nichts holt mir so zuverlässig traute Kindheitsnachmittage zurück. Sylvia Staude

Oder das Gurren der Taube.

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