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Meine Generation hat sich geirrt

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Von: Paul Mason

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Ausbildung an der Waffe bei der Hitlerjugend (Foto undatiert). Foto: epd
Ausbildung an der Waffe bei der Hitlerjugend (Foto undatiert). © akg-images

Ein Symptom des Systemversagens im Kapitalismus: In seinem aktuellen Buch schreibt Paul Mason über „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“

Wir wollen ihn Hans nennen, denn die Forscherin nennt seinen Namen nicht: Er ist der erste zum Nationalsozialismus konvertierte Einwohner eines österreichischen Dorfes. Hans, ein Vollwaise, ist in einer Gemeinde im gebirgigen Vorarlberg aufgewachsen. Die Menschen in diesem Dorf sind gläubige Katholiken. Als Halbwüchsiger ist Hans Mitte der zwanziger Jahre aufgrund seiner niedrigen Herkunft ein Außenseiter im Dorf. Er verrichtet einfache Arbeiten in der Pfarrei und ist ständigem Gespött ausgesetzt. „Er wurde hart rangenommen: sehr viel Arbeit und wenig Freude, ein ständiges Gefühl, zur Last zu fallen.“ Hans hat keine Zukunft, seine Lage ist ausweglos.

Im Jahr 1929 lernt er einen deutschen Touristen kennen, der sich gleichermaßen für Bergwanderungen und den Nationalsozialismus begeistert. „,Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen’“, erklärt Hans später. „;Ich sah, wie man mich bisher getäuscht hatte und wozu die Moral diente, die man mir einimpfte… Ich sah auch, wo mein Platz war…’“

Im Handumdrehen ist Hans zum Nationalsozialismus bekehrt. Er nimmt an geheimen Treffen mit ein paar Freunden teil und besucht bald größere öffentliche Versammlungen. Der Priester verstößt ihn, aber die Dorfbewohner leihen ihm jetzt bereitwillig Geld, weil ihnen gefällt, was er zu sagen hat. Er ist „ein guter Redner, wenn der Haß ihn treibt“, hält die Forscherin fest.

Es kommt der Schwarze Freitag an der Wall Street; die Wirtschaft bricht zusammen; die nationalsozialistische Ideologie findet wachsenden Zulauf. Es dauert nicht lange, da sind nur noch drei von 38 Familien im Dorf gläubige Katholiken – die übrigen haben ihren Glauben durch die nationalsozialistische Religion ersetzt. Für Hans erhält die Welt mit der Bekehrung zum Faschismus einen neuen Sinn: „Er war nun kein Ausgestoßener mehr, er hatte wieder seinen Platz in einer sozialen Gemeinschaft gefunden. […] [D]er Neubekehrte gehörte nun zum deutschen Volk. Allein schon diese Zugehörigkeit machte ihn zu einem Herrn. Er war der Mehrzahl der Dorfbewohner überlegen, er war der Auserwählte, der Eingeweihte. Durch seine politische Arbeit würde das Gesicht der Welt verändert.“

Die Geschichte von Hans kennen wir dank Lucie Varga, einer jüdischen Historikerin aus Wien, die im Jahr 1935 angesichts der Ausbreitung des Nationalsozialismus in Österreich unter falscher Identität eine Forschungsreise unternahm, um dem neuen Phänomen auf den Grund zu gehen. Für ihre Studie wandte sie Techniken an, deren sich die Ethnografen bei der Untersuchung fremder Kulturen bedienen: Sie nahm nichts für bare Münze, achtete auf Nuancen und unausgesprochene Sinninhalte, entschlüsselte die Sprache, das Verhalten und die Bildsprache, denen sie begegnete, und löste sich von ihrem Vorverständnis.

Für die Menschen in den Alpentälern, stellte Varga fest, existierten im Wesentlichen zwei Arten von Zeit: das „Vorher“ und das „Jetzt“. Vor der Weltwirtschaftskrise war das Leben gut gewesen. Jetzt war es unerträglich. Vorher hatten die Leute an den Katholizismus geglaubt, der Priester hatte zur Erntezeit die Felder gesegnet und es gab eine ewige Ordnung. Jetzt gab es Not und Unordnung, und die Menschen begegneten der Kirche mit Feindseligkeit. Das ideologische Gerüst ihres Lebens war eingestürzt. Für Menschen wie Hans hatte der Nationalsozialismus das Vakuum gefüllt.

Varga erlebte das ganze Ausmaß der Konsequenzen nicht. Sie starb im Jahr 1941 auf der Flucht vor der Gestapo in Frankreich, weil sie sich ohne Geld und mit gefälschtem Ausweis kein Insulin beschaffen konnte, um ihren Diabetes zu behandeln. Die Familie, die ihr Zuflucht gewährt hatte, wurde nach Auschwitz deportiert.

Auch wir haben gelernt, die historische Zeit in „Vorher“ und „Jetzt“ zu unterteilen. Für die Angehörigen meiner Generation in Nordengland bedeutet „Vorher“ die Zeit vor Margaret Thatchers Regierungsantritt im Jahr 1979: eine Zeit des Wohlstands, steigender Löhne, guter Arbeitsplätze, einer stabilen Gemeinschaft und der Zukunftshoffnungen. Für die Generation X und die Millennials ist „Vorher“ die Zeit vor der Finanzkrise von 2008, als es den Anschein hatte, als würde sich der Vormarsch der digitalen Technologie, der Globalisierung und des liberalen Weltverständnisses ewig fortsetzen. Für die heutigen Teenager kann „Vorher“ die Zeit vor Trump, vor den Buschbränden in Australien, vor der Covid-Pandemie bedeuten. Aber das „Jetzt“ ist für uns alle dasselbe. Zu Beginn des dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts erleben wir eine mehrschichtige Disruption der Normalität, in der jede weitere Krise die Desorientierung infolge der vorhergehenden verschärft.

Als Kind spielte ich in der Bergbaustadt Leigh in Lancashire in aufgegebenen Bombenschutzkellern, deren Wände mit antifaschistischen Parolen aus dem Krieg übersät waren. Als ich mich im Jahr 2019 in Leigh am Labour-Wahlkampf beteiligte, hörte ich Männer meines Alters offen über eine ethnische Säuberung sprechen, deren Ziel die rumänischen Einwanderer sein sollten. „Man sollte sie nachts zuhause abholen, mit ihren Kindern in einen Laster setzen und nach Dover bringen“, lautete die Forderung. „Und was dann?“, fragte ich. Die Antwort war ein peinlich berührtes Grinsen.

Als meine Generation in den siebziger Jahren Skinheads „Nie wieder!“ zurief, verstanden wir diesen Slogan nicht als Ziel, sondern als Tatsache. Der Faschismus war Geschichte: ein Produkt für immer beseitigter gesellschaftlicher Hierarchien, ein Phänomen, das durch eine Art von Wirtschaftskrise heraufbeschworen worden war, die sich nie wiederholen würde. Wir hatten gute Gründe für diesen Glauben. Der Historiker Ernst Nolte, der im Jahr 1963 die erste vergleichende Studie des internationalen Faschismus vorgelegt hatte, hatte das Phänomen für „tot“ erklärt. Wir hätten alle möglichen Varianten des Faschismus gesehen, schrieb Nolte: Diese historische Episode sei abgeschlossen.

Meine Generation hat sich geirrt. Wie sich herausgestellt hat, lagen die Wurzeln des Faschismus nicht in der spezifischen Klassendynamik Europas in den dreißiger Jahren. Es ist keine Massenarbeitslosigkeit erforderlich, um ihn hervorzubringen. Er ist nicht auf eine Niederlage im Krieg oder auf die Existenz staatlicher Radiosender angewiesen. Er ist ein wiederkehrendes Symptom des Systemversagens im Kapitalismus.

Das Buch

Paul Masson: Faschismus. Und wie man ihn stoppt. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag. 443 S., 20 Euro.

Und das entscheidende Versagen, von dem der Faschismus profitiert, ist nicht wirtschaftlicher, sondern ideologischer Natur. In normalen Zeiten stützt sich der Kapitalismus auf ein gleichermaßen passives und allgegenwärtiges System von Überzeugungen. Einfach um leben zu können, müssen wir glauben, dass die Märkte natürlich funktionieren, dass der Staat fair und gerecht ist, dass harte Arbeit belohnt werden wird, dass der technologische Fortschritt unser Leben sowie das unserer Kinder besser machen wird. Diese Überzeugungen stellen in ihrer Gesamtheit eine Ideologie dar. Wir reproduzieren und verstärken sie durch unsere tägliche Erfahrung am Arbeitsplatz, daheim und in allen Räumen dazwischen.

Der Faschismus setzt sich fest, wenn wir den Glauben an diese Alltagsideologie verlieren und nicht in der Lage sind, sie durch eine progressive Alternative zu ersetzen. Aber er ist eine andersartige Ideologie: Der Faschismus kann nur durch außergewöhnliche Erfahrungen verstärkt und in den Köpfen der Menschen reproduziert werden: durch Krieg, Viktimisierung und Genozid.

Es ist klar, worin der Kern des heutigen faschistischen Glaubenssystems besteht: Die ethnischen Mehrheitsgruppen sind „Opfer“ von Einwanderung und Multikulturalismus; die Errungenschaften des Feminismus sollten rückgängig gemacht werden; die Demokratie ist verzichtbar; Wissenschaft, Universitäten und Medien sind nicht vertrauenswürdig; die Nationen haben die Orientierung verloren und müssen ihre frühere „Größe“ wiedererlangen; ein nicht näher bestimmtes katastrophales Ereignis wird die Dinge wieder ins Lot bringen.

Jeder Faschist glaubt all das und mehr; jeder rechtspopulistische Wähler glaubt mittlerweile einen Teil davon; der autoritäre rechte Politiker appelliert in verschlüsselter Form an einige dieser Überzeugungen, um Vorteil daraus zu schlagen. Ob ein Konservativer antifaschistisch ist, kann man daran erkennen, ob er bereit ist, all diese Überzeugungen in Wort und Tat zu bekämpfen. Aber was die modernen Faschisten von den Populisten und Rechtskonservativen unterscheidet, ist ihr Endziel: ein globaler Rassenkrieg, der eine Welt der ethnischen Monokulturen hervorbringen und die moderne Gesellschaft beseitigen wird.

Die gegenwärtige Stärke des Faschismus kann nicht an den Wahlergebnissen gemessen werden: In den meisten westlichen Ländern geben die Faschisten normalerweise rechtspopulistischen Parteien ihre Stimme, die sich damit begnügen, die Verbindungen und den politischen Raum zu nutzen. Seine Position kann auch nicht anhand der Teilnehmerzahlen rechtsradikaler Kundgebungen beurteilt werden, denn die eigentliche Mobilisierung findet im Internet statt. Gegenwärtig kann man die Stärke des Faschismus am besten an der Präsenz seiner Ideen messen, die sich rasch in den sozialen Medien verbreitet haben.

Der Grund für ihre Ausbreitung ist offenkundig: Als im vergangenen Jahrzehnt die freie Marktwirtschaft versagte, die Globalisierung zurückgeschraubt wurde, der Klimawandel eine radikale Neudefinition unserer Prioritäten erforderlich machte und schließlich die Corona-Pandemie die wirtschaftlichen und geopolitischen Spannungen verschärfte, löste sich die Ideologie, die der Welt in den Augen vieler Menschen einen Sinn gegeben hatte, in ihre Bestandteile auf. Der Faschismus bietet an, diese Ideologie durch eine neue Utopie zu ersetzen, die auf Rassismus, Misogynie und Gewalt beruht.

Wir können diesen Prozess auf der individuellen Ebene verfolgen. In den vierziger Jahren äußerten manche die Ansicht, der Nationalsozialismus sei ein Produkt des „deutschen Charakters“. Die Philosophin Hannah Arendt hielt dem entgegen, dass er in Wahrheit durch die Desintegration des deutschen Charakters verursacht worden sei. Heute sind wir mit einem ähnlichen Problem konfrontiert, nämlich mit der Desintegration eines globalen menschlichen Charakters – jenes typischen „Selbst“, das im Verlauf der Globalisierung der freien Märkte entstand und jetzt im Dunkeln tappt, da das ganze System implodiert. Wenn wir eine Lehre aus den Geschehnissen im 20. Jahrhundert ziehen können, so diese: Haben einmal Millionen Menschen die faschistische Denkweise übernommen, so sind sie mit nicht weniger als der totalen Zerstörung zufrieden.

Um den Faschismus zu stoppen, müssen wir dieselben Fragen beantworten, mit denen die Progressiven in den dreißiger Jahren konfrontiert waren: Wie können wir die Linke und die politische Mitte dazu bringen, die Bedrohung gemeinsam zu bekämpfen? Wie können wir den Rechtsstaat und das staatliche Gewaltmonopol verteidigen, die von rechtsextremen Bewegungen untergraben werden? Können Sicherheits- und Nachrichtendienste, die die Elite vor der Arbeiterklasse schützen, jemals wirksam eingesetzt werden, um die Demokratie vor dem Faschismus zu beschützen? Wie können wir durch Hoffnungslosigkeit und den Romantizismus der Gewalt radikalisierte Menschen zur Deeskalation bewegen? Wie können wir Demokratien wiederbeleben, die so korrupt und heruntergekommen sind, dass sie in den Augen vieler desillusionierter Menschen nicht wert sind, gerettet zu werden?

Unsere Aufgabe besteht darin, eine neue Theorie des Faschismus zusammenzusetzen, die auf der Arbeit von Wissenschaftlern beruht, aber in erster Linie von Aktivisten gestaltet und angewandt wird. Sie muss nicht nur auf der Theorie, sondern auch auf der Erfahrung beruhen und geeignet sein, sofort auf die Bedrohung zu reagieren. Wir brauchen mehr als eine Definition, weil Definitionen keine Erklärungen sind. Eine Checkliste der gemeinsamen Merkmale der historischen faschistischen Parteien wird nicht erklären, warum die eine als irrelevante Sekte endete, während es die andere schaffte, den europäischen Kontinent zu erobern. Auch ist es schwierig, anhand einer Definition einen Prozess zu beschreiben, in dem Personen, Parteien und Bewegungen, die nicht faschistisch waren, den Faschismus übernahmen.

Doch da das Bedürfnis nach definitiven Erklärungen ausgeprägt ist, werde ich meine persönliche anbieten: Der Faschismus ist Furcht vor der Freiheit, geweckt durch eine Ahnung von Freiheit.

Die einfachste Methode, um den Faschismus zu stoppen, besteht darin, den eigenen Körper – nicht den Internetavatar – zwischen die Faschisten und ihr Ziel zu stellen. Ich habe das getan und weiß, dass es eine sehr wirksame Methode sein kann. Aber der physische Widerstand, der seit den zwanziger Jahren die wichtigste Waffe der Antifaschisten ist, funktioniert nur, wenn er Teil einer umfassenderen politischen Strategie ist. Wenn die Faschisten Waffen tragen, von Präsidenten aufgehetzt werden und Rückendeckung vom größten Nachrichtensender des Landes erhalten, werden wir etwas Wirksameres als unseren persönlichen Mut brauchen: eine Theorie, eine Strategie und viele gleichgesinnte Menschen.

Der Beitrag beruht auf dem neuen Buch von Paul Mason, „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“, das am 11. April in der edition suhrkamp erscheint.

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