"Ebereschenfeuer"

"Meine Eltern begreifen mich nicht"

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Rolf Schneider schickt in seinem Roman "Ebereschenfeuer" eine Frau mit fremdem Blick durch Ostdeutschland.

Der Roman beginnt mit einem Umbruch. Die Kunstprofessorin Maria Staudinger fährt zur Feier ihrer Emeritierung ein letztes Mal an die Universität Innsbruck. Doch Rolf Schneider hält gleich noch einen heftigeren Einschnitt für die Hauptfigur seines Romans „Ebereschenfeuer“ bereit. Der kommt per Post als Brief einer Rechtsanwaltskanzlei. „Sie las die Wörter Vater, Bruder und Erbschaft.“ Wörter, die ihr fremd schienen. Ihr Vater war in der DDR ein gefeierter Architekt. Er konnte es sich erlauben, zwei Frauen zu lieben. Die Mutter Marias lebte in der BRD, mit dem Mauerbau riss der Kontakt ab. Maria Staudinger hatte später in Österreich eine Heimat gefunden. Sie ist geschieden, das Band zu ihrer erwachsenen Tochter ist nicht eng. Und nun bekommt sie Familie dazu.

Als Rolf Schneider vor einigen Jahren seine Erinnerungen herausbrachte, nannte er sie „Schonzeiten“, obwohl er doch von dem Eingriff der Politik in seine Biografie nicht verschont geblieben ist. Mit dem Untertitel „Ein Leben in Deutschland“ stellte der 1932 in Chemnitz Geborene klar, dass er keine Ost- oder Westzuschreibung für seine Biografie will.

Schneider gehörte zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976, drei Jahre später wurde er wie acht weitere Autoren aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Veröffentlichen konnte er fast nur noch im Westen. In seinem Roman „Ebereschenfeuer“ schaut er nun auf das Leben von Menschen, denen der Osten bis zuletzt die bessere Alternative schien.

Dafür schickt er also im Jahr 2011 eine Mittsechzigerin aus Wien zum Erben nach Berlin. Die Fahrt durch brandenburgische Dörfer verstört sie. Der Autor spiegelt ihre Fremdheit, indem er sie das Buch einer West-Frau, die mit ihrem Mann nach Brandenburg gekommen ist, finden lässt: „Die Autorin, las sie, habe sich bisher in jedem Ausland willkommener gefühlt als hier.“ Rolf Schneider erinnert hier an „NeuLand“ von Luise Endlich, 1999 erschienen, das damals für Furore gesorgt hatte. Wie der Leser bald merkt, macht er das, um sich abzugrenzen.

Maria Staudinger fragt sich selbst, warum sie so viele extreme Schicksale trifft, „Verwerfungen, Unglücke, Verletzungen, Siechtum, Irrtümer, Scheitern. ... Wieso fand sie hier niemanden, der eine völlig banale und unaufgeregte Existenz lebte ...?“ Es ist die Entscheidung des Autors, seine Figur vor allem auf Verwundungen durch die jüngste Geschichte zu stoßen. Offenbar will er genau diese Unzufriedenheit vorführen, die sich inzwischen in Wahlergebnissen niederschlug. Marias Halbbruder Andrej verlor seine Arbeit nach dem Mauerfall und blickt bitter auf die Entwicklungen. Doch eine Generation später sieht es anders aus. Andrejs Sohn sucht Kontakt zur fremden Verwandten: „Meine Eltern begreifen mich nicht, sagte er dann, und ich begreife meine Eltern nicht. Sie nehmen mir übel, dass ich zurechtkomme. Anders als sie.“

Im Ferienhaus des Vaters an der Ostsee findet Maria die Aufzeichnungen einer Frau, die Stalins Straflager überlebt und dennoch an eine gerechtere Welt geglaubt hat. Das gibt dem Roman eine Tiefe, die nach der Rolle von Treu und Glauben fragen lässt – und so auch nach der eigenen Verantwortung.

Maria Staudinger wird von ihrem Studium der Familiengeschichte und der Nachwendeentwicklung im Osten regelrecht umgehauen. Der Autor liefert die Interpretation dazu mit: „Sie hatte sich in Ostdeutschland anstecken lassen, was ihr gar nicht bekommen war.“ Aber manchmal geht man ja gestärkt aus einer Krankheit hervor.

Rolf Schneider: Ebereschenfeuer. Roman. Edition Ornament im Quartus-Verlag, Jena 2018. 224 S., 22,90 Euro.

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