Gedichte von Adolf Endler

Mein Vers hat ein scharfes Ende

Auch im kleinsten Gedicht versucht Adolf Endler, gegenüber den unbeherrschbaren Dingen dieser Welt seine Autonomie zu behaupten. Nun ist sein Band "Krähenüberkrächzte Rolltreppe" erschienen.

Von JÜRGEN VERDOFSKY

Der Dichter Adolf Endler, 1930 in Düsseldorf geboren, hatte in der Sächsischen Dichterschule immer einen besonderen Ton. Ein Rheinländer mit einem belgisch-böhmischen Hintergrund, den es 1955 als Gegner der Wiederbewaffnung, aber auch als Brecht- und Huchel-Leser in den Osten verschlägt.

Nicht gleich zeigen sich dort die "schlechten Besonderheiten" (Hegel), aber Endler verlässt früher und vor allem flagranter als andere die "gepriesene Hauptstraße der DDR-Lyrik". Nachdem er sich mit seinem lyrischen Hauptwerk "Der Pudding der Apokalypse" vor acht Jahren zeigte, folgt jetzt eine Sammlung älterer und neuerer unveröffentlichter Kurz-Gedichte, ein Grundstock aus einem halben Jahrhundert.

In dem Band "Krähenüberkrächzte Rolltreppe" korrespondiert Frühes und Spätes miteinander. Und sei es, dass ein poetischer Kugelblitz das Vergangene erhellt. Auch im kleinsten Gedicht versucht Adolf Endler, gegenüber den unbeherrschbaren Dingen dieser Welt seine Autonomie zu behaupten. Aber kein anschwellendes Beben, kein Schnörkel, kein selbstverliebtes Wort.

Mit Effet

Das frühe Gedicht "Neunzehnhundertsiebenunddreißig" hat schon den Effet künftiger Verse. "Auf krausem Schuttplatz / Schwelt die sumpfige Matratze / Da hock ich einsam und / Da schnitz ich mir den Pfeil / Den hab ich noch heute." Wie in Endlers Prosa liest man auch in seinen Gedichten viel von seiner zersplitterten Biographie, alles hängt in seinem zerrissenen Leben miteinander zusammen. Gedichte als Lebenssplitter, zur Pointe geschnürt, mit markanten Titeln versehen. Bis in die letzten Gedichte zeigt sich der Krieg. Wer die Geräusche des Krieges gehört hat, wird sie nicht mehr los. "Im Schatten der Überroten Endgültigen Brände / Ich bin im Aschengelände mit Drei Mal Getöteten Toten // Mein Vers hat ein Scharfes Ende // Und nicht Einer für ihn Fand die Noten".

Aber es ist nicht nur der Krieg, auch die angehaltene Zeit in der DDR erlebt Endler in Leipzig und Berlin als Unfrieden. Er wehrt sich und macht die verblüffende Entdeckung, das streng umgrenzte Leben sei in der "Hauptsache surrealistisch". Nie wurde die DDR so verlacht. Seine Bonmots in den langen Nächten des Prenzlauer Bergs funkeln mitten aus dem Ost-Berliner-Sagenschatz. "Auf diese Weise kommst Du nie auf die vorderen Plätze, mein Alter, nein, niemals! Da reichen oft drei so 'ner Sätze!"

Endler bleibt unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Aber seine Auflehnung wählt die Mittel eines Dichters. Auch in seiner Outlaw-Stellung bleibt er nur der Literatur verpflichtet. "Mir war diese Vorstellung, statt mit literarischem Ruhm mit so einer Art Dissidentenruhm bekannt zu werden, unangenehm," sagt er in einem Interview. Adolf Endler kann nichts anderes sein als ein Dichter. So hat er auch einen Blick für das Zarte, die Frauen, die Liebe - wie in dem Gedicht "Ritornell". "Abruptes Licht o Sonnenstrahlentraube / Der Schlag auf die Scheitellinie der Frau / Zögert und wird eine Taube."

Adolf Endler arbeitet jetzt an einem größeren Prosawerk. Seine Lyrik betrachtet er als abgeschlossen. Der Band "Krähenüberkrächzte Rolltreppe" könnte zu seinem letzten Gedichtbuch werden. Es sei denn, seine Schränke voller Gedichte werden noch einmal geöffnet. Es gibt noch viel zu entdecken bei diesem Dichter, gut zu machen ohnehin.

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