Wie für seinen Romanheld wird auch für Ian Rankin die Sterblichkeit zunehmend zum Thema.
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Wie für seinen Romanheld wird auch für Ian Rankin die Sterblichkeit zunehmend zum Thema.

Ian Rankin

"Mein Therapeut heißt John Rebus"

Der schottische Autor Ian Rankin über seine berühmte Romanfigur John Rebus und was er selbst von dem alternden Ex-Kriminalinspektor der Reihe lernen kann.

Von Petra Pluwatsch

Der Hotelfahrstuhl gleitet hinauf in den vierten Stock. „Manchmal fühle ich mich wie ein alter Mann“, sagt Ian Rankin. „Nein“, korrigiert sich der schottische Krimiautor. „Ich bin ein alter Mann. Meine Haare werden allmählich grau, meine Augen sind schlechter geworden. Und alle Krimiautoren sind jünger als ich.“ Der Mann sieht müde aus. Er brauche eine Pause, wird er gleich sagen. Und eine Flasche Orangensaft öffnen, die er während des Gesprächs nicht anrühren wird.

Herr Rankin, werden Sie in diesen Tagen ein bisschen feiern?
Nein, warum sollte ich?

Weil Sie vor 32 Jahren die Idee zu John Rebus hatten, dem berühmtesten Ermittler Schottlands.
Stimmt, das war im März 1985.

Damals notierten Sie: „Männlicher Held. Ein Polizist?“
Das ist wirklich verdammt lange her. Ich war ein blutjunger Student in Edinburgh, und mir war nicht klar, dass ich mit diesem Kerl die nächsten 30 Jahre verbringen würde. Ganz im Gegenteil: Ich habe ihn am Ende des ersten Buches sogar sterben lassen.

Interessant, immerhin ist gerade der 21. Band der Reihe erschienen.
Er stirbt nur in der ersten Fassung. Im letzten Kapitel wird er niedergeschossen, und das war’s. Aber dann habe ich den Schluss geändert, und in der Fassung, die 1987 veröffentlicht wurde, überlebt er.

Sie hatten also nicht geplant, Seite an Seite mit Rebus durch drei Jahrzehnte zu marschieren?
Ganz und gar nicht. Ursprünglich wollte ich eine moderne Version von Robert Louis Stevensons Erzählung „Dr. Jekyll und Mister Hyde“ schreiben. Zentrale Figur war ein zwielichtiger Ermittler, John Rebus, dem man durchaus zutraute, selber der gesuchte Mörder zu sein. Doch als „Verborgene Muster“ herauskam, assoziierte niemand damit die Story von Dr. Jekyll und Mister Hyde. Stattdessen hieß es: „Das ist ein Krimi.“

Hielten Sie das Buch ebenfalls für einen Kriminalroman?
Nein. Ich hatte damals mit Kriminalliteratur nichts am Hut. Ich las auch keine Krimis. Und jetzt musste ich plötzlich feststellen, dass ich als Krimischreiber gehandelt wurde. Dabei hatte ich ganz andere Pläne. Ich wollte Professor für Literatur werden und mir als großer schottischer Romanautor einen Namen machen. Doch dann fing ich an, englische Krimis zu lesen: Ruth Rendell, P. D. James. Und was ich las, gefiel mir. Beeinflusst haben mich allerdings vor allem amerikanische Autoren wie James Ellroy.

Was fasziniert Sie an jemandem wie Ellroy?
Er schreibt knallharte Großstadtkrimis, während die englischen Krimis überwiegend auf dem Land spielen. Amerikanische Kriminalromane sind außerdem sehr viel härter, sehr viel schneller. Die Ermittler sind abgebrühte Cops oder professionelle Privatdetektive, nicht alte Damen wie Miss Marple, die in ihrer Freizeit ein wenig herumschnüffeln. In den amerikanischen Krimis ist einfach mehr los, und das gefällt mir. Ich mag auch Action-Filme wie „Bullitt“ oder „French Connection“.

Wer oder was hat Sie anfangs noch beeinflusst?
Ach, wissen Sie, wenn Sie jung sind, kann Sie einfach alles beeinflussen. Bücher, Filme, Musik.

Comics ...
Genau. Als Kind war ich ein großer Comicleser und habe sogar selbst welche gezeichnet. Bei uns zu Hause gab es kaum Bücher, aber meine Eltern haben mir regelmäßig Abenteuer-Comics oder diese „Superman“- und „Spaceman“-Heftchen gekauft. Jungskram halt. Irgendwann habe ich dann angefangen, kleine Comic-Szenen auf kleine Zettelchen zu kritzeln.

Also ein Frühstart in eine künstlerische Karriere.
Kinder sind per se sehr kreativ. Sie spielen mit unsichtbaren Freunden und erleben die tollsten Abenteuer. Das war bei mir nicht anders, nur fanden bei mir die Geschichten nicht nur im Kopf, sondern auch auf dem Papier statt. Ich bin in einer kleinen schottischen Stadt aufgewachsen. Jeder kannte jeden. Es war ziemlich langweilig dort. Also habe ich mir meine eigene Welt geschaffen. Da konnte ich in den Weltraum reisen oder mit Dinosauriern kämpfen. Ich war geradezu besessen von Büchern, von Comics, von allem, was bedruckt war. Und irgendwann wollte ich selber Bücher schreiben.

Was ist aus Ihrer Karriere als Comiczeichner geworden?
Ich bin nicht gerade ein begnadeter Zeichner und habe die Sache schnell begraben. Als ich begann, mich für Popmusik zu interessieren, habe ich angefangen, Popsongs zu schreiben.

Wollten Sie jetzt Rockstar werden?
Nein, nein. Obwohl ich seit Jahren mit Freunden eine Band habe. Wir treffen uns regelmäßig, treten allerdings nicht öffentlich auf. Die Rocksongs waren quasi die Vorläufer meiner Gedichte, die ich mit 16, 17 anfing zu schreiben. Und als ich an die Uni kam, wurden aus den Gedichten allmählich Kurzgeschichten. Ian McEwan war mein großes Vorbild. Ich weiß noch, wie fasziniert ich war, als ich seinen ersten Kurzgeschichtenband in die Finger bekam. Anfangs habe ich sogar versucht, seinen Stil nachzuahmen. Aber um noch mal auf die Comics zurückzukommen: Inzwischen habe ich sogar ein Comicbuch geschrieben.

Wie kam es denn dazu?
Vor einigen Jahren nahm ein New Yorker Verlag Kontakt zu mir auf und bat mich um den Text für ein Comicbuch. Natürlich habe ich zugesagt. „Dark Entries“ handelt von einem Privatdetektiv, der im Bereich des Übernatürlichen ermittelt. Damals habe ich festgestellt, dass einen Comic zu schreiben wesentlich schwieriger ist, als ich anfangs dachte.

Inwiefern?
Es ist fast so, als würde man das Drehbuch für einen Film schreiben. Jedes noch so kleine Detail muss genau beschrieben werden.

Und das ist in einem Roman anders?
Buchautoren sind vergleichsweise faul und überlassen die Arbeit ihren Lesern. Nehmen Sie folgende Szene: „Rebus geht in eine Bar.“ Fünf Wörter. Den Rest erledigt der Leser, indem er sich ausmalt, wie Rebus wohl aussieht, wie es in der Bar riecht, welche Musik läuft und so weiter. Wenn Sie hingegen die Story für einen Comic entwickeln, müssen Sie den Zeichner ganz genau instruieren. „Ich möchte eine Nahaufnahme von Rebus‘ Hand, wenn er die Tür der Bar öffnet. Der Barmann poliert ein paar Gläser. An einem Tisch sitzt eine Frau in einem gelben Mantel.“ All diese Entscheidungen – wie die Bar auszusehen hat, wer wo sitzt , welche Farbe die Drinks haben – kann ich mir als Romanschreiber sparen, weil der Leser sie für mich trifft.

Dafür brauchen Sie allerdings sehr fantasiebegabte Leser.
Vieles im Roman hängt allein von der Fantasie des Lesers ab, ganz anders als bei einem Film oder einer TV-Serie. Leute, die die Rebus-Verfilmungen im Fernsehen gesehen haben, kommen zum Beispiel mit den Büchern nicht klar, weil sie sich plötzlich ihr eigenes Bild von den handelnden Personen machen müssen.

Wie stellen Sie selber sich Rebus vor? Wie sieht der Mann aus?
Keine Ahnung. Deshalb beschreibe ich ihn ja auch nicht in meinen Büchern, und ich schaue mir auch die Verfilmungen nicht an. Ich möchte nicht, dass ein Schauspieler an die Stelle des Bildes tritt, das ich von ihm im Kopf habe.

Inzwischen haben Sie Ihren 21. Rebus-Roman veröffentlicht: „Ein kalter Ort zum Sterben“. Wie hat sich in diesen mehr als 30 Jahren das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Protagonisten verändert?
Wir sind beide älter geworden. Als ich das erste Buch schrieb, war er 40 und ich war 24. Inzwischen ist er 65, ich bin 57, und wir haben weitaus mehr Gemeinsamkeiten als am Anfang unserer Beziehung. Rebus macht das Alter zunehmend zu schaffen. Außerdem leidet er an einer chronischem Krankheit und muss sich allmählich an den Gedanken gewöhnen, dass er nicht unsterblich ist. Das war übrigens die Idee meiner Frau Miranda.

Was? Dass er krank ist?
Sie sagte eines Tages: Hör zu, der Mann ist 65. Er raucht zu viel, er trinkt zu viel, er treibt keinen Sport. Wie kann er bei diesem Lebensstil noch so gesund sein? Also habe ich einen befreundeten Arzt gefragt: „Stell dir vor, Rebus kommt in deine Praxis. An welcher Krankheit könnte er leiden?“ Und er antwortete: „COPD. Chronisch obstruktive Lungenerkrankung.“ Ich sage: „Okay. Ist das lebensgefährlich?“ „Ja“, sagte er. „Irgendwann schon.“ Damit war klar, dass Rebus nicht der ewige Superheld bleiben kann, sondern irgendwann sterben muss.

Ist Sterblichkeit auch für Sie bereits ein Thema?
Aber selbstverständlich. In drei Jahren werde ich 60, und ich merke jetzt schon, wie meine körperlichen Kräfte langsam nachlassen. Mir tun die Knie weh, ich höre nicht mehr so gut wie früher. Indem ich Rebus meine Sorgen und meine Angst vor dem Tod aussprechen lasse, lerne ich, mit meiner eigenen Sterblichkeit umzugehen.

Schreiben als Therapieersatz also?
Mein Therapeut heißt John Rebus und hat mir schon viel Geld für den Psychiater erspart. Bei dem Vorgängerband „Das Gesetz des Sterbens“ zum Beispiel geht es um das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen. Mich hat dieses Thema damals auch privat sehr beschäftigt. Unsere beiden Söhne wurden allmählich erwachsen und gingen aus dem Haus. Da stellt man sich als Vater natürlich viele Fragen. Warst du ein guter Vater? Hast du deine Kinder genügend auf das Leben in der Welt vorbereitet? Was würdest du besser machen, wenn du die Zeit noch einmal zurückdrehen könntest? In meinem Buch habe ich versucht zu schildern, was es überhaupt bedeutet, ein Sohn und Vater zu sein.

Sie sagten eingangs, dass Sie mit Krimis zunächst wenig anfangen konnten. Wie ist heute Ihre Einstellung zur Spannungsliteratur?
Krimis sind für mich das ideale Genre, um auf politische und soziale Missstände hinzuweisen. Die Figur des polizeilichen Ermittlers gibt einem als Autor wie keine andere die Möglichkeit, eine Gesellschaft oder eine Stadt von oben bis unten zu durchleuchten. Ein Detective kommt überall rein und darf jede Frage stellen. Er braucht nur seine Dienstmarke zu zücken.

Was macht für Sie Edinburgh als Schauplatz Ihrer Romane so interessant? Abgesehen davon, dass Sie seit mehr als 30 Jahren in dieser „gepeinigten Stadt“ , wie Sie sie einmal nannten, wohnen?
Jeder Krimi basiert auf dieser einen zentralen Frage: Warum tun Menschen einander so schreckliche Dinge an? Wenn Sie nach Edinburgh kommen, werden Sie eine wunderbare Stadt sehen: Viel Kunst, Museen, Galerien, fantastische alte Häuser, angesagte Restaurants. Doch hinter dieser schönen Fassade verbergen sich, wie wohl in jeder Großstadt, Kriminalität und große soziale Probleme. Ich versuche in meinen Büchern, hinter die Kulissen zu blicken und den Menschen zu sagen: „Leute, lasst euch nicht vom schönen Schein blenden. Dahinter sieht es ganz anders aus.“

Die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon hat jüngst die Debatte über die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien neu entfacht. Wie stehen Sie dazu?
Ich habe keine Ahnung, ob sie Erfolg haben wird. Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Würde die EU uns aufnehmen? Ich weiß es nicht. Die Liste der Länder, die auf eine Aufnahme warten, ist lang. Würden wir ganz oben auf der Liste stehen oder ganz unten? Spanien hätte garantiert etwas gegen unsere Aufnahme, weil es Katalonien, das ebenfalls nach Unabhängigkeit strebt, nicht verlieren will. Doch Buchautoren sind generell nicht sehr gut in der Beantwortung solch schwieriger Fragen. Wir versuchen zu erklären, was in der Welt geschehen ist und nicht, was eventuell geschehen könnte.

Interview: Petra Pluwatsch

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