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Im Nu erkenne ich die Wärme wieder.

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Mein Sohn wird mein Fortgehen nie verstehen

Wie kann ich Erinnerungen teilen, die nur ich habe? Die kroatische Schriftstellerin Ivana Sajko antwortet im Rahmen des Projektes „(W)Ortwechsel“ ihrer syrischen Kollegin Rasha Habbal.

Liebe Rasha,

im Winter 2010 war ich in Berlin, und auf meinem gerade erst eingerichteten Facebook-Profil erreichte mich die folgende Nachricht: „Bist du die Ivana, von der ich denke, dass du es bist?“ Gesendet hatte sie ein Mann, zu dem ich den Kontakt verloren hatte, als er fünfzehn Jahre zuvor auf der Flucht von Sarajevo nach Chicago geflogen war. Ich hatte mich in ihn verliebt. Im ersten Studienjahr schwärmte ich einige Zeit von ihm. Danach verlor ich ihn aus dem Sinn. Seine Nachricht erreichte mich aus Erinnerungen, in denen ich mich schon seit langer Zeit nicht mehr erkennen konnte.

Anstelle einer Antwort sendete ich ihm meine Telefonnummer. Es war kaum eine Minute vergangen und das Telefon klingelte tatsächlich. Ich nahm ab und sagte atemlos: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Seine Stimme, plötzlich auf wundersame Weise präsent, antwortete: „Am besten vom Ende, rückwärts blicken.“ Anstatt also zu versuchen, all das zusammenzubringen, was in den vergangenen Jahren geschehen war, erzählte ich ihm, dass ich gerade meinen Ex-Mann zum Flugzeug nach Zagreb gebracht und dass mich seine Anwesenheit mit Traurigkeit und einem schlechten Gewissen erfüllt hatte.

Auch heute glaube ich, dass es am besten ist, vom Ende anzufangen, rückwärts zu blicken, um ein langes Schweigen zu überbrücken, um einen Spalt in der Zeit zu füllen oder ganz neue Freundschaften zu schließen, eine solche, die womöglich gerade zwischen uns beiden entsteht.

Deinen Brief las ich auf dem Weg zur Adria, nachdem ich unwillig mit meinem Sohn Berlin verlassen hatte. Aufgrund des Unwetters in Österreich brauchten wir volle dreizehn Stunden, um von München nach Zagreb zu kommen. Mit jeder zusätzlichen Stunde Verspätung dehnte sich das mitteleuropäische Territorium immer weiter über den Rahmen seiner üblichen Klaustrophobie aus, so dass am Ende die symbolische Differenz von Zagreb und Berlin um diese monumentale Distanz von Raum und Zeit bereichert wurde.

Wie immer dachte ich mit Unbehagen an unsere Ankunft am Zagreber Bahnhof. Dort wird uns der Vater meines Sohnes empfangen, er wird ihn an die Hand nehmen und mit ihm fortgehen. Dieser Augenblick bedeutet immer einen Schnitt. Eine einfache Geste, die mich von meiner Struktur trennt, von meinem Zentrum, von meiner Heiterkeit, von meinen Hindernissen, und anstatt mich zu befreien und mir die sogenannte Zeit für mich selbst zu bescheren, paralysiert er mich eigentlich, als hätte das Dasein als Mutter mich unfähig gemacht, alleine zu sein, für mich selbst zu existieren und in Ruhe meine eigenen inneren Inhalte zu durchstöbern. Die Wochen, die folgen, werde ich in dem Kampf verbringen, die Abwesenheit meines Sohnes nicht als Verlust zu erleben.

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„(W)Ortwechsel“ heißt das neue Projekt von „Weiter Schreiben“, einem Forum mehrerer Frauen aus dem Literaturbereich, das darauf zielt, an neuen Orten auch das literarische Arbeiten zu ermöglichen. Seit 2017 die Schriftstellerin Annika Reich begann, geflüchtete und schon länger oder immer in Deutschland lebende Autorinnen und Autoren zusammenzubringen, wachsen die Formen des Austauschs. Sie haben sich getroffen, an Texten gearbeitet und ein Magazin herausgebracht. www.weiterschreiben.jetzt

Bei den im April gestarteten „(W)Ortwechseln“ schreiben sich sieben Paare Briefe, Mails, Postkarten, Kurznachrichten. Die einander vorher nicht oder kaum bekannten Schreibenden kommen aus Syrien, Irak, Iran, Kroatien, Georgien, Russland und Deutschland. Sie erzählen einander von ihren Leben, von ihren Herkunftsländern. Am 9. September haben wir den ersten Brief der syrischen Schriftstellerin Rasha Habbal vorgestellt, heute antwortet die kroatische Autorin Ivana Sajko.

So wie du die Fotos deiner Eltern betrachtest, betrachte ich seine Fotos und kann mir nur ausmalen, auf welche Art er auf mich zurückblicken wird, auf uns, auf unsere Fehler und unsere Entscheidungen, unsere Obsessionen und unsere Spuren, auf unsere Gesichter, die sich immer mehr und mehr von jenen unterscheiden, die auf den Fotos zu sehen sind. Ich hoffe, dass in seinem Blick auch die Bereitschaft sein wird, mir einiges zu verzeihen. Mir ist bewusst, dass er mich trotz unserer Nähe nie wirklich kennenlernen wird. Er wird nicht meine Kindheit verstehen, meine Erfahrungen, den Staat und das politische System, in denen ich geboren wurde und die es nicht mehr gibt, er wird den Krieg nicht verstehen, in dem dieser Staat unterging, er wird mein Bedürfnis nicht verstehen, vom schönsten Meer der Welt fortzugehen, an das ich regelmäßig mit ihm fahre, damit er dort den Sommer mit seinem Vater verbringen kann.

Zur Person

Ivana Sajko, in Zagreb geboren, lebt in Berlin als Schriftstellerin und Dramatikerin. In diesem Jahr erschien ihr Roman „Familienroman. Die Ereignisse von 1941 bis 1991 und darüber hinaus“, Voland und Quist, 180 S., 20 Euro.

Er wird meine Liebe für meine Muttersprache nicht verstehen, weil ihm das Deutsche näher sein wird, er wird meine Entscheidungen nicht verstehen, meine Partner, meine Tattoos, und auch nicht, warum ich ihn so oft in Momenten umarmt habe, in denen er keinen Bedarf dafür sah. Die Fotos, die er in seiner Zukunft als erwachsener Mann betrachten wird, werden keine authentische Geschichte von meinem Leben oder das Leben seines Vaters erzählen. Die Bruchteile der Sekunden, in denen sie entstanden sind, werden vielleicht nur Grundsteine sein, auf denen er seine eigene Fiktion aufbauen wird.

Ivana Sajko.

Meine Ankunft in Kroatien trägt jedoch etwas von der Fixiertheit einer Fotografie in sich. Wahrscheinlich, weil meine Erinnerungen vor allem an die Landschaft gebunden sind, die sich viel langsamer ändert als die Menschen. Gestern war ich in dem Wald nahe am Meer, durch den ich früher immer zum Strand gegangen bin. Im Nu erkannte ich die spezifische Art der Wärme wieder, die sich unter den Baumkronen der Pinien staut. Auch das wohlbekannte Geräusch der Kieselsteine unter den Füßen war wieder da, und das Steinchen, das jedes Mal unfehlbar seinen Weg in meine Sandale findet, der Duft von Lavendel und Lorbeer, das Harz der Nadelbäume, das an meinen Fingern klebt, und das wunderschöne Gefühl, wenn man ins Meer eintaucht, das sich um mich schließt wie eine blaue Umarmung des Willkommens.

Außerhalb dieses romantischen Bildausschnitts gibt es die Zerstörung der Umwelt, es gibt die Politik, die Korruption, den Anstieg der Infektionszahlen, doch während ich dir schreibe, versuche ich meinen Blick an diesen Pinien haften zu lassen, an dieser Fotografie, die aus dem Kontext herausgerissen wurde.

Herzliche Grüße,

Ivana

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

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