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In sechs Wochen töteten japanische Besatzer 1937 in der chinesischen Stadt Nanking mehr als 200.000 Bürger. Auf dem Bild ist eine Gedenkstatue zu sehen.
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In sechs Wochen töteten japanische Besatzer 1937 in der chinesischen Stadt Nanking mehr als 200.000 Bürger. Auf dem Bild ist eine Gedenkstatue zu sehen.

Literatur zu Nanking-Massaker

"Mein Roman ist nicht mehr als eine Fußnote"

Vor vierzig Jahren war Ha Jin ein Soldat an der chinesisch-sowjetischen Grenze. Heute ist er einer der bedeutendsten chinesischen Autoren. Dabei lebt er in den USA und schreibt auf Englisch. Soeben ist sein neuer Roman bei Ullstein erscheinen, in dem Ha das Massaker der Japaner in Nanking 1937 schildert.

Ein Gespräch über die Arbeit an seinem Roman und die Wahrheit der Literatur, das vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mo Yan geführt wurde.

Ihr neuestes Buch heißt „Nanking Requiem“. In der chinesischen Tradition gibt es kein Requiem.

Auch der chinesische Titel klingt westlich. Das ist gut so, denn die Hauptperson des Buches ist eine Nonne aus den USA.

Sind Sie Christ?

Nein. Aber ich respektiere die Gläubigen: Buddhisten, Muslime, Christen. Ich mag Menschen, die eine Religion haben.

Warum?

In China spielt die Religion, der Glaube an einen Gott kaum eine Rolle. Möglicherweise war es darum so leicht, diesen Wunsch nach Verehrung, nach Anbetung umzumünzen in den Kult einer Person. Es scheint mir besser, die Menschen glauben an einen Gott als sie machen aus einem Menschen einen Gott. Es ist gut, wenn man an etwas glaubt, das über den Menschen steht, vor dem man Angst hat. Für manche Menschen jedenfalls.

Nicht für Sie?

Ich bin ein religiöser Mensch, aber ich gehöre keiner Kirche an. Ich glaube an einen... Nein, ich glaube an übermächtige Kräfte, an Kräfte, die stärker sind als wir Menschen, die uns beeinflussen.

Eine Art Superman?

Nein, nein. Ich glaube an Kräfte im Universum, die uns überlegen sind. Mehr nicht.

An die Schwerkraft zum Beispiel?

Vielleicht.

Das Nanking-Massaker interessiert Sie als eine chinesische Tragödie mit chinesischen Opfern?

Als ich in Jinzhou aufwuchs, gab es hie und da Anspielungen darauf, aber wir wurden nicht informiert. Niemand wusste wirklich, was passiert war. Es gab keine einzige klare Beschreibung der Ereignisse. Alles war vage. Als ich 1985 in die USA kam, stieß ich auf US-Chinesen, die sich mit der chinesischen Geschichte beschäftigten. Da begann mir erst an Hand von Vorträgen, Büchern, Fotografien klar zu werden, was 1937 passiert war. Ich entdeckte, dass damals Ausländer – Amerikaner, Deutsche – in China gelebt hatten. Das hatte man uns nicht erzählt. Und wenn doch einmal, dann waren die Fremden die Bösen.

Die bösen Japaner, die die guten Chinesen umbringen, wären doch ein guter Propagandastoff gewesen.

Vielleicht. Aber noch wichtiger war, die Erinnerung überhaupt auszulöschen. Bis John Rabes Tagebücher Ende der 80er-Jahre ins Chinesische übersetzt wurden, wusste man in China so gut wie nichts über das, was damals in Nanking geschah. Jetzt erst erfuhren wir, dass es Fremde gab, die den Chinesen halfen. Das waren gute Menschen, Helden, keine fremden Teufel.

Ende der 80er-Jahre begannen Sie über ein Buch darüber nachzudenken. Jetzt erst ist es erschienen.

Es war ein schwieriges, ein sehr schwieriges Buch. Ich musste erst einmal mein Handwerk lernen.

Für „Warten“ haben Sie den National Book Award bekommen. Das war nur Training für „Nanking Requiem“?

In gewisser Weise ja. Aber ich musste mich erst einmal fit fühlen für diese Aufgabe. 2007 war ich soweit. Da begann ich mit der Arbeit.

Sie brauchen immer mehrere Jahre für Ihre Romane.

Ja, ich brauche Zeit, viel Zeit. Ich bin nervös, unsicher. Englisch ist ja nicht meine Muttersprache. Ich bin isoliert, aber ich habe viel geschrieben. Viel zu viel. Erzählungen, Essays, Gedichte, sechs Romane. Ich musste ja auch mein Geld verdienen. Aber jetzt denke ich, sollte ich langsamer machen, härter arbeiten und bessere Bücher schreiben.

In Nanking-Requiem kommen keine Gedichte vor.

Ich sah keine Notwendigkeit dafür.

Haben Sie darüber nachgedacht und sich dann dagegen entschieden?

Nein. Ich habe einen Erzähler. Das ist eine Frau, die sich nicht für Gedichte interessiert.

Wie kamen Sie auf sie?

Ich hatte zuerst einen allwissenden Erzähler. Aber der konnte keine Geschichte erzählen. Alles zerfiel. Ich brauchte eine Perspektive, die einen natürlichen Zusammenhang schuf. Nachdem ich 30 mal durch den Text gegangen war und hier und dort Änderungen vorgenommen hatte, kam ich auf die Idee, die Geschichte von einer Person erzählen zu lassen.

30 Mal?

Ja. Ja. Es ist viel Arbeit. Darum braucht es so lange. Ich drucke den Text aus und setze mich an die Korrektur. Dabei verwende ich verschiedenfarbige Stifte für jeden Durchgang, so sehe ich immer sehr genau, wann ich was geändert habe.

Sie hatten 340 Seiten und sind die 30 Mal durchgegangen?

Ja.

Dann haben Sie sie noch einmal aus der Perspektive dieser Nonne geschrieben?

Ja. Ich schreibe normal mit der Hand, dann schreibe ich es ab in den Computer, und wenn ich fertig bin, drucke ich das Ganze aus und fange an zu korrigieren.

Brauchten Sie die erfundene Perspektive auch, um sich nicht von den Fakten vereinnahmen zu lassen?

Später kam noch etwas anderes hinzu. Eine ethische Dimension. Um wahr zu sein, muss das Buch sowohl chinesisch als auch westlich sein. Es ist ein schwieriger Prozess, die richtige Haltung, die richtige Form zu finden.

Ist ein Roman, der wirkliche Ereignisse schildert, besonders schwierig?

Sie fühlen sich hilflos. Die Geschichte ist so groß. Sie werden das nie schaffen, denken sie. Diesem Material, denken sie, werden sie niemals gerecht werden. Das denke ich immer noch. Mein Roman ist nicht mehr als eine Fußnote. Aber ich habe fünf Jahre an ihr gearbeitet. Wie macht man aus Geschichte eine Geschichte? Ich weiß es nicht. Aber ich musste es tun. Ich habe es probiert.

Warum mussten Sie es tun?

Es gab, so weit ich sah, außer ein paar kleinen Versuchen, keinen großen Roman über dieses Thema. Vor allem aber: Es war so schwierig. Das war die Herausforderung.

Sie nahmen die Sache sportlich?

Ich wollte das Spiel spielen. Wenn Sie reale Menschen in einen Roman bringen, können Sie sich nicht einfach etwas ausdenken.

Warum?
Es muss stimmen.

Ist das wichtig?
Es geht bei Romanen immer auch um Glaubwürdigkeit. Wenn ich an Stellen, die jeder Leser überprüfen kann, Unwahres schreibe, wie soll er mir glauben? Ich würde die Glaubwürdigkeit meiner Fiktion gefährden, wenn ich dieser Heldin, über die zwei Biografien geschrieben wurden, etwas andichtete. Außerdem: Es leben noch Leute, die sie kannten. Was würden die denken?

Sie können ihr keine Liebesaffäre auf den Leib schreiben?
Es gibt einen Autor, der das tat. Er hatte das gleiche Problem wie ich: Wie aus der Geschichte eine Geschichte machen? Er behalf sich mit der Liebesaffäre. Das ist der falsche Weg. So geht das nicht.

Das Buch „Warten“ (1999) von Ha Jin wurde mit dem National Book Award und dem Pen/Faulkner Award ausgezeichnet. Sein jüngster „Nanking Requiem“ ist im Ullstein Verlag erschienen (352 S., 22,99 Euro).

Das Interview führte Arno Widmann

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