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Im Hause des Komponisten Ernest Chausson, 1893: Debussy spielt Klavier.

Komponisten-Briefe

"Mein Gott! so ein schöner Satz!"

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Vor 100 Jahren starb Claude Debussy, der auch mit Worten umzugehen wusste: Die Briefe an seine Verleger, erstmals auf Deutsch, gleichen einem Tagebuch.

Am 3. Januar 1907 mochte Claude Debussy keine Belgier. Dass kein Franzose den Bewohnern des kleinen Nachbarlandes sonderlich zugetan ist, mag ein Klischee sein, doch im Falle des am 25. März 1918 nur 55-jährig verstorbenen Komponisten trifft die herzliche Abneigung unbedingt zu. Jedenfalls sind aus den Briefen, die Debussy an seine Verleger geschrieben hat – und deren Gesamtzahl sich auf immerhin 451 beläuft – nicht wenige anti-belgische Spitzen herauszulesen, plastisch ausgemalt.

„Im Übrigen reden und versprechen die Belgier viel, um sich anschließend, in denkbar ruhiger Heuchelei, zurückzuziehen. Zu allem Überfluss erinnert dieses kleine Volk an kleine Leute durch eine aufgeblasene Überheblichkeit, die im allgemeinen nur lächerlich ist, die aber gefährlich wird, wenn es um das Schicksal eines Kunstwerkes geht“, schrieb Debussy an jenem 3. Januar an seinen Verleger und väterlichen Freund Jacques Durand. Debussy weilte in Brüssel, weil dort seine Oper „Pelléas et Mélisande“ einstudiert wird, leider von einem Dirigenten, der mehr einem Ochsen gleiche – „er hat eine besondere Art, auch den einfachsten Rhythmus zu verzerren, die, so hoffe ich, nur ihm eigen ist.“

Zum Teil deftig sind sie, immer offenherzig und interessant für alle, die ein wenig vertraut sind mit dem Werk des Epoche machenden Komponisten: Die Briefe, die Claude Debussy im Laufe von 25 Jahren an seine Verleger geschrieben hat, gleichen einem Tagebuch. Der Leser folgt dem skrupulösen Künstler im Entstehungsprozess seiner Werke, denn er muss ständig seine Verleger – Durand in erster, Georges Hartmann in zweiter Linie – vertrösten, was die Lieferung neuer Manuskripte angeht. Und um Vorschüsse bitten, denn gerade in den frühen Jahren war Debussy notorisch klamm.

Wie ein Running Gag zieht sich etwa die Ankündigung der „Nocturnes“, dieses Schlüsselwerks des musikalischen Impressionismus, durch die Briefe über vier, fünf Jahre hinweg – für den Verleger muss das ein enervierender Zustand gewesen sein. Aber annonciert werden sie in den blumigsten Worten: „Sie werden die drei Nocturnes hören und besitzen, die mir zu dritt mehr Mühe gemacht haben als die fünf Akte von Pelléas“, heißt es in einem Brief an Hartmann vom September 1898. „Ich hoffe, dass die Musik unter einem freien Himmel sein wird und die vibrieren wird unter den großen Flügelschlag des Windes der Freiheit. (Mein Gott! so ein schöner Satz! ...)“

So ein schöner Satz! Das ließe sich über viele Briefpassagen sagen, die nun zum ersten Mal in deutscher Sprache veröffentlicht wurden. Übersetzt und herausgegeben hat sie Bernd Goetzke, der Hannoveraner Pianist, der dort als Musikpädagoge in der Nachfolge seines Lehrers Karl-Heinz Kämmerling wirkt. Goetzke ist ein Kenner der französischen Musikkultur und Debussy einer der Schwerpunkte seines pianistischen Repertoires. Und er ist ein versierter Wortefinder, wenn es um den eigenwilligen Schreibstil des Claude Debussy geht.

Denn der leistete sich zwar einen „aristokratischen Geschmack“, wie es bereits dem Zehnjährigen attestiert worden war, aber auf eine klassische Schulbildung konnte er nicht zurückgreifen. Er hatte das Schreiben wie das Lesen und Rechnen bei seiner Mutter gelernt und sich zeitlebens autodidaktisch im Erfinden von Wort- und Grammatikkonstellationen geübt. „Er war ein Florettfechter des Wortes, ein Jongleur, gestaltete und formte seine Sprache wie eine ausdrucksvolle musikalische Interpretation, aber für den Rotstift des strengen Französischlehrers hätte es reichlich Arbeit gegeben“, so der Herausgeber. Zahlreiche Fußnoten klären über eigentümliche Wendungen, Wortspiele und Zeitbezüge auf, ja die Fußnoten selbst sind lohnende Lektüre.

Der Florettfechter des Wortes kämpft für seine Werke, etwa wenn er seine Filigran-Oper „Pelléas et Mélisande“ in Verletzungsgefahr wähnt. „Ich weiß nicht, ob Sie die Partitur von Pelléas mit den Anmerkungen Cléments angeschaut haben, die ich da heute erhalte ... das ist skandalös! und dieser Mann ist doch weniger Musiker, als man es in der Welt der Tenöre gemeinhin zu sein pflegt. Das ist keine ‚Prüfung‘, das ist eine Schlachtung“, schimpft er gegenüber Durand, „keine einzige Phrase bleibt ganz, man müsste fast die Partitur im Ganzen neu schreiben. Kurzum, das ist von bemerkenswerter Dreistigkeit!“

Doch mitunter zeigt sich Debussy auch aufgeschlossen an unerwarteter Stelle. So wenn er die deutsche Fassung dieser Oper lobt: „Im Übrigen ist der deutsche Text poetischer als der französische“, entscheidet der Komponist, der des Deutschen nicht mächtig war. Diese Zeilen tragen als Absender den Namen eines Grand Hôtel in der Normandie: „Ich bin hier wieder zurück bei einem alten Freund, dem Meer; es ist immer noch unendlich und schön. Dies ist wirklich der Teil der Natur, der uns am besten wieder zurechtrückt. Nur respektiert man das Meer nicht genug ... Es sollte nicht erlaubt sein, solche vom täglichen Leben deformierten Körper hineinzutauchen: all diese Arme und Beine, die sich in lächerlichen Rhythmen bewegen, können wahrhaftig die Fische zum Weinen bringen. Im Meer dürfte es nur Sirenen geben.“

Und was machen die Belgier mit „Pelléas“? „Zum Beispiel gibt es da eine Glocke, die in G stehen sollte“, schreibt Debussy 1907 aus Brüssel, „und die, aus belgischem Widerspruchsgeist, in C steht! ... – es wirkt ein bisschen wie ein Läuten zum Abendessen im Schloss, und das macht den Tod von Mélisande weniger traurig. ... Und morgen ist Generalprobe ... möge der liebe Gott meine Freunde vor den Künstlern dieses Landes bewahren“.

Claude Debussy: Briefe an seine Verleger. A. d. Franz. v. Bernd Goetzke. Georg Olms Verlag,
Hildesheim 2018. 400 S., 38 Euro.

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