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Mein Freund Harvey

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Der Reisephobiker vor Ort: Franzobel in der Mercer Street 112 in Princeton, wo Albert Einstein wohnte. Foto: Franzobel
Der Reisephobiker vor Ort: Franzobel in der Mercer Street 112 in Princeton, wo Albert Einstein wohnte. Foto: Franzobel © Franzobel

Über den Wissenschaftsgott des 20. Jahrhunderts und einen unscheinbaren Pathologen mit Mission: Ein Werkstattbericht zu „Einsteins Hirn“. Von Franzobel

Lawrence, Kansas, im Mittleren Westen der USA ist ein idyllisches Städtchen mit Straßen im Schachbrettmuster, als hätte ein riesiger Zen-Gärtner seinen Rechen durchgezogen. Hier hat der amerikanische Bürgerkrieg begonnen, behaupten zumindest Stadthistoriker, und im Universitäts-campus soll ein gewisser James Naismith das von ihm erfundene Basketball-Spiel populär gemacht haben. Das Maskottchen der Jayhawks, ein rotköpfiger Vogel mit blauem Gefieder und gelben Schuhen, das aussieht wie ein gestauchter Woody Woodpecker, ist omnipräsent, ziert sogar manchen Grabstein. Auf der Hauptstraße drehen Gentlemen, Jünger des Buches Hormon, mit Auspuffen auf vier Breitreifen ihre Runden und machen einen Radau wie paarungswillige Zikaden. Lokale im Westernstyle bieten regionale Biere und monströse Burgervarianten. Wohlgenährte weiße Mittelschichtsamerikaner mit Hüten, deren Krempen bis Missouri reichen, kaum Schwarze, Latinos oder Asiaten.

Hier hat vor drei Jahrzehnten der für seine Drogenexzesse bekannte Beat-Poet William S. Burroughs auf Ölbilder geschossen. Sein biederes ochsenblutfarbenes Holzhäuschen mit Veranda und Vorgarten ist typisch für die Gegend. Hier stecken Stars-and-Stripes-Fähnchen im Blumenbeet und monströse SUVs in der Garage. Richtige Stars, nämlich Iggy Pop und Kurt Cobain, haben Burroughs hier besucht, Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti und viele andere. Sein Nachbar und Freund aber war der Mann, wegen dem ich von LaGuardia nach Kansas City geflogen und mit dem Shuttle weiter nach Lawrence gefahren bin – Thomas Harvey. Kein Star, zumindest kein bekannter, sondern ein damals achtzigjähriger Hilfsarbeiter, der in einer Plastikfabrik Granulat in den Extruder schüttete, um Leisten für Grußkartenregale zu produzieren. Einer von seinen ehemaligen Arbeitskollegen hat mich in den nächsten Walmart geführt, um mir diese Dinger zu zeigen – durchsichtige, handtellerbreite Plastikstreifen, hinter denen Geburtstags- oder Hochzeitskarten stecken, nicht gerade weltbewegende Objekte. Aber dieser Thomas Harvey besaß etwas, weswegen ihm die halbe Welt auf den Fersen war, das Hirn von Albert Einstein.

Ich bin die Learnard Avenue in Lawrence abgelaufen und habe Bewohner gefragt, ob sie sich an Burroughs erinnern. Die meisten hatten noch nie von ihm gehört. Und Harvey? 1955 war er Pathologe in Princeton und führte die Autopsie am toten Albert Einstein durch. Der ebenfalls anwesende Hausarzt hat sich die Augen gekrallt und Jahrzehnte später angeblich an Michael Jackson verkauft. Harvey entnahm das Gehirn, womit weder Einsteins Erben noch seine Nachlassverwalter einverstanden waren, trotzdem rückte der Pathologe das Denkorgan 42 Jahre lang nicht mehr heraus. Meist befand es sich in mit Formaldehyd gefüllten Marmeladegläsern, verräumt in Besenkammern, der Toilette oder unter Cidre-Schachteln. Harvey lebte damit in drei verschiedenen Ehen, die deswegen scheiterten, und an zahllosen, über die ganze Osthälfte der USA verstreuten Orten.

Als mir diese Geschichte zu Ohren kam, wusste ich sofort, dass ich darüber schreiben muss. Wie man als Schriftsteller zu seinem Thema kommt, mag zufällig, logisch oder irrational sein, manchmal ist der Stoff ein kosmisches Geschenk, hin und wieder aber auch eine Verhaftung, wird man doch für zwei, drei, fünf Jahre gefangengenommen. Es ist wie bei einem Bildhauer, der im unbehauenen Steinblock das Motiv nur undeutlich erahnt, aber weiß, dass viel enthalten ist, auch wenn sich das Wesentliche oft erst ganz zum Schluss zeigt.

Ich liebe das Eintauchen in eine andere Zeit, lese alles, was mir in die Hände fällt, ziehe mir Filme rein, laufe in Museen. Das Hineintigern in einen historischen Stoff bedeutet unendlich viel Arbeit, aber auch großes Glück, vor allem, wenn sich etwas fügt, zusammenpasst, sich eine neue Sichtweise ergibt, die so in keinem Schulbuch steht und trotzdem wahr ist. Zum Beispiel Makkaroni als Katalysator der industriellen Revolution. Normalerweise denkt man an Dampfmaschinen, mechanische Web-stühle, vielleicht an das Dezimalsystem, aber nur wenige Maschinen würden ohne Rohre funktionieren, und die verdanken sich den Makkaroni, also ist jene unbekannte sizilianische Köchin, die erstmals Röhrennudeln fabrizierte, unter Umständen genauso wichtig wie die großen Erfinder. Ohne Fernrohr kein Kepler oder Kopernikus, ohne Dampfrohr kein James Watt, ohne Radioröhren keine Kommunikation. Man könnte die Geschichte der Menschheit aus der Perspektive der Nudel beschreiben. Nonsens? Perspektivenwechsel!

Bei „Einsteins Hirn“ ging es aber nicht um Teigwaren, sondern um Physik. Vor zehn Jahren konnte ich den Large Hadron Collider in CERN besichtigen, eine der größten und komplexesten je von Menschen erbaute Maschine, eine gigantische Kathedrale der Moderne, wo man nebenbei das Internet erfunden hat, angeblich, weil der Weg in die Kantine zu mühsam war.

Urknall, Unendlichkeit, Relativität. Die großen philosophischen Fragen werden in der Physik gestellt. Unsere Wahrnehmung wird ständig widerlegt. Materie ist leerer Raum, in dem winzige Wellenpakete herumfliegen. Zeit und Raum sind nicht konstant, und das Universum, auch kein Nudlaug, wie man in Wien sagt, dehnt sich mit rasantem Tempo aus. Wir haben keine Ahnung, wie es aussieht.

Mit dem Big Bang, der kein Knall und finster gewesen ist, weil der Raum fehlte, in dem sich Schall- oder Lichtwellen hätten ausbreiten können, entstanden nicht nur Raum, Zeit und Materie, sondern auch Gesetze, an die sich alle Teilchen halten. Manche Physiker glauben, dass beim Urknall etwas schiefgegangen ist, weil eigentlich dürfte es uns gar nicht geben. Vielleicht existieren viele Kosmen? Oder es gibt ein paralleles Antimaterie-Universum, das irgendwann mit unserem zusammenfällt?

Standardmodell, Higgs-Teilchen, String-Theorie? Quanten? Teilchen, die schneller als mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander reagieren? Und was man nicht beobachtet, ist gar nicht da? Elf Dimensionen? Alle Vergangenheit und Zukunft geschieht im Jetzt? In CERN habe ich gefragt, wer von den Physikern das versteht. Ganz begreifen, hat man gestanden, tut das kaum einer, aber man konnte die knisternden Gedanken förmlich spüren. Noch nie habe ich eine derart inspirierende, vom vielen Denken pulsierende Atmosphäre gespürt wie in CERN.

Albert Einstein ist nicht nur der Wissenschaftsgott des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine faszinierende Persönlichkeit. Dabei voller Widersprüche: entschiedener Pazifist, aber kurzzeitig Befürworter der Atombombe, Verfechter einer Weltregierung, moralische Instanz, aber auch ein lausiger Vater und emsiger Schürzenjäger. Über Einstein weiß man praktisch alles.

Thomas Harvey kennt dagegen niemand, dabei ist auch sein Leben gut dokumentiert. Ich habe versucht, es wahrhaftig zu erzählen, wobei beim Schreiben die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Man durchdringt sein Motiv, geht darin auf und irgendwann entsteht eine eigene Schreibwirklichkeit. Alleine die vielen Harveys: Lee Harvey Oswald, Harvey Keitel, Harvey Milk, Barclay James Harvest und „Mein Freund Harvey“, worin Elwood P. Dowd mit einem imaginären 2,10 Meter großen Hasen (Puka) befreundet ist.

Der Autor und das Buch

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck, Oberösterreich, geboren, studierte in Wien und lebt seit 1989 als Schriftsteller. Seit 1992 veröffentlicht er Lyrik, Theaterstücke und Prosa. 1995 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis beim Wettlesen in Klagenfurt, viele weitere Auszeichnungen folgten.

Mit „Das Floß der Medusa“ stand Franzobel 2017 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien 2021 „Die Eroberung Amerikas“.

„Einsteins Hirn“ kommt am 23. Januar in den Buchhandel. Einsteins Hirn. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2023. 544 Seiten, 28 Euro.

Vielleicht liegt es an diesem wundervollen James-Stewart-Film, dass sich auch im Roman das Hirn zu Wort meldet und anfängt, mit Harvey zu sprechen. Der ist Mitglied der Gesellschaft der Freunde, also Quäker, und als solcher versucht, dem Hirn Erlösung zu verschaffen. Es entspinnt sich eine Tour durch die diversen Glaubenssysteme. Juden halten das Hirn für einen Dibbuk, einen bösen Totengeist, und wollen ihn austreiben. Für einen Psychoanalytiker handelt es sich um Halluzination, und ein islamischer Gemüsehändler sieht im zerteilten, eingelegten Hirn fernöstliches Kimchi. Harvey und das Hirn landen in Woodstock auf LSD, lernen eine RAF-Terroristin kennen, besuchen Einsteins letzte Geliebte, die Spionin Margarita Konenkova, in Moskau, machen Bekanntschaft mit der faszinierenden Welt der Schizophrenen, erleben beim Jazz in Kansas City wahrhaftes Glück, werden Teil einer hinduistischen Sekte und gelangen in einen Tempel der neuen Religion, eine New Yorker Kunstgalerie.

Natürlich geht es nicht um Vollständigkeit. Wir leben in einer Zeit, in der sich jeder moralisch überlegen fühlt. Die einen, weil sie vegan sind, die anderen, weil sie geimpft sind oder nicht geimpft, nicht rauchen, keine N-Wörter sagen, Dreadlocks für kulturelle Aneignung halten, Flugreisen boykottieren, die Weltverschwörung durchschauen, an Trolle, Feen, Engel glauben oder was auch immer. Jeder falsch verstandene Glaube fordert Absolutheit und sieht in anderen Meinungen eine Bedrohung. Dabei hätte wahrer Glaube das gar nicht notwendig, wäre tolerant.

Schreiben erfordert Rückzug. Als Autor muss man in sich gehen, die Dinge destillieren, damit man zu einer Essenz gelangt. Für einige Kräuter muss aber sogar der introvertierteste Schreiber hinaus in die Welt. Ein Text wird wahrhaftiger, wenn die beschriebenen Orte gesehen und begriffen worden sind. Im Roman spielt etwa die Zehnte Straße in Manhattan eine Rolle. In meiner Vorstellung standen da Wolkenkratzer mit uniformierten Türstehern unter grünen Markisen. Tatsächlich gleicht die Gegend um den Washington Square Park mehr einem hippen Wohnviertel in Oldenburg oder Ottakring. Man kann sich Orte im Netz ansehen, mit Google-Maps herumwandern, aber die Realität ist meist ganz anders, weil die Stätten belebt sind, riechen, es Geräusche gibt, Wind und Wetter.

Ich bin ein Reisephobiker, muss mich zu jedem Aufbruch zwingen, bin dann aber immer überwältigt von den Eindrücken. Trotzdem war es unmöglich, alle Schauplätze des Romans aufzusuchen. Eine geplante Lesereise nach Moskau fiel dem Krieg zum Opfer. Das Burghölzli, die Psychiatrische Klinik bei Zürich, wo Einsteins Sohn Eduard untergebracht war, habe ich ebenso ausgelassen wie das serbische Novi Sad, wo Mileva Maric Einsteins Kind, das Lieserl, zur Welt brachte. Dafür konnte ich das Sommerhaus am Caputher See in Brandenburg bestaunen, ebenso Einsteins Haus in der Mercer Street in Princeton, von wo es nicht weit ist bis zum Institute for Advanced Study, durch dessen Park der Physiker gern mit Kurt Gödel spaziert ist. Nicht weit entfernt ist das Versammlungshaus der Quäker, das Harvey wöchentlich aufsuchte. Das Spital, in dem Einstein gestorben ist, musste einem Wohnblock weichen, dafür gibt es noch die Villa, in der Harvey damals lebte.

Im Gegensatz zu Historikern darf ich mich treiben lassen und auf das reagieren, was mir zufließt. Als Schriftsteller kann ich auf philosophische und physikalische Wahrheiten rein literarisch reagieren, aber vielleicht kommt erst so das Wesentliche ans Licht, die Essenz, das wissenschaftlich nicht Fassbare. Kunst verleiht den Dingen Bedeutung, feiert das Leben und ehrt den Menschen, auch einen stillen, unscheinbaren wie Thomas Harvey, der nur eine Mission hatte, das Hirn von Albert Einstein.

Das Leben dieses Pathologen berührt die großen Menschheitsfragen über Physik, Wahrheiten und Glaubenssysteme. Ich bin nicht kirchlich religiös, aber spirituell, weshalb ich dem in einem Buch über den Atheismus gefundenen Postulat zustimme, dass eine Menschheit ohne Glauben verloren ist. Fragt sich nur woran glauben? Wissenschaft? Kirchen? Sport? Die Kunst? Vielleicht sollte man es wie Auguste Renoir halten: Die Bestimmung des Menschen ist es zu leben, und seine erste Pflicht heißt, das Leben zu achten.

In Algerien und Sri Lanka hatte ich Begegnungen, die mich staunen ließen. In die nordafrikanische Wüste wollte ich, weil alle Menschen, die davon erzählten, so unterschiedlich sie auch waren, glänzende Augen hatten. Algerien ist touristisch unbeleckt. Mithilfe der österreichischen Botschaft, ein schönes Privileg für Schriftsteller, kam ich hin. Keine meiner Erwartungen wurde erfüllt. Von wegen unvergleichlicher Sternenhimmel, es war bewölkt. Selbst in der Sahara gibt es Gentlemen, die mit Pick-ups über Dünen rasen. In einer Schule wurde ich empfangen wie ein hoher Würdenträger – mit Chören und Spalier stehenden Lehrern. Sogar Deutschunterricht wurde demonstriert. Als eine Schülerin „Mein Lieblingsfach ist Deutsch“ an die Tafel schreiben sollte, kam „Mein Leben ist Dusche“ heraus, was mich noch immer schmunzeln lässt. Letztlich hat sich diese Reise bloß in vier, fünf Buchseiten niedergeschlagen, aber die Begegnung mit der Wüste war essentiell.

Sri Lanka bot Buddhismus und Hinduismus. Ich bin nachts auf einen heiligen Berg gewandert, den Sri Pada mit seinen fünftausend Stufen, wo an Wochenenden bis zu zehntausend Pilger unterwegs sind. Manche laufen, andere schnaufen. Viele Händler, massig Kitsch und buddhistische Mönche, die gesegnete Schnüre um Handgelenke binden, aber genau notieren, wieviel man spendet. Trotzdem ist der Ort beseelter als Fatima, wo die Gläubigen auf Knieen ihre Runden ziehen und Wachsdevotionalien im Akkord eingeschmolzen werden. In der Sahara lernte ich Nomaden kennen und in Sri Lanka Tuktuk-Fahrer, Leute, die kaum mehr besitzen als die Kleidung auf der Haut, aber das Leben vielleicht besser verstehen als wir, die wir einer zwanzigsten Hose oder einem sechsten Auto hinterherjagen.

Die letzte Reise aber ging nach Lawrence, Kansas, wohin sich Burroughs zurückgezogen hatte, und die seltsame Geschichte des Pathologen, der 42 Jahre lang mit Einsteins Hirn lebte, zu Ende ging.

Zurück in Österreich erzählte ich davon einem Chirurgen, der meinte, dass früher die Kronenzeitung der Hirnersatz der Österreicher gewesen sei. In Spitälern war es Usus, Tote zu sezieren, auch Hirne wurden untersucht. Weil ein zerschnittenes Denkorgan nicht mehr in den Schädel passt, gaben es die Pathologen in den offenen Bauchraum. Damit der Kopf nicht hohl blieb, wurde er ausgestopft, meist mit der Kronenzeitung. Daher war die Kronenzeitung der Hirnersatz der Österreicher.

Thomas Harvey nahm Holzwolle, das Hirn aber gab er nicht mehr her. Als 80-Jähriger sah er aus wie Marlon Brando, arbeitete in einer Fabrik und hatte sein Leben einer Leidenschaft geopfert. Seine Quäkerfreunde in Lawrence haben mir geschildert, was für ein netter Kerl er gewesen ist.

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