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Bereits als Sechzehnjähriger hat Gasdanow am russischen Bürgerkrieg teilgenommen.

Gaito Gasdanow

Mein einziger Mord

Gespenstisch gut: Gaito Gasdanows unbekannter Klassiker „Das Phantom des Alexander Wolf“.

Von Mathias Schnitzler

Anfang der Dreißigerjahre schrieb Vladimir Nabokov die wunderbar nonchalante Erzählung „Träger Rauch“. Sie spielt in der Berliner Wohnung einer russischen Emigrantenkolonie. Ein junger Mann liegt auf dem Sofa, schaut aus dem Fenster, grübelt und holt schließlich auf Wunsch seiner Schwester neue Zigaretten aus dem Arbeitszimmer des Vaters. Dort finden drei Bücher auf dem Regal besondere Erwähnung: der Roman „Lushins Verteidigung“ von W. Sirin (Nabokov schrieb noch unter Pseudonym und war doch eitel – 1930 erschien unter dem Namen W. Shirin dieser Roman), Boris Pasternaks Gedichtband „Meine Schwester, das Leben“ sowie Gaito Gasdanows Roman „Ein Abend bei Claire“.

Zahllose Nabokovianer haben sich nach diesem Gasdanow auf die Suche gemacht. Den deutschen Lesern musste er bis zuletzt wie ein Gespenst erscheinen, denn außer zwei verstreuten Erzählungen in Anthologien war von ihm nichts zu bekommen. Nun gibt es zum fabelhaften Gasdanow eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist, dass der „Abend bei Claire“ (1929) auf Deutsch immer noch nicht stattgefunden hat, während er in den romanischen und englischsprachigen Ländern längst zum Kanon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Die gute Nachricht: Gasdanows Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ – gerade in der begnadeten Übersetzung von Rosemarie Tietze bei Hanser erschienen – ist sein zweites Meisterwerk.Publiziert wurde es erstmals von 1947 bis 1948 in einer russischsprachigen Literaturzeitschrift in New York, der Roman spielt aber Mitte der dreißiger Jahre in Paris. Gasdanow, 1903 als Sohn ossetischer Eltern in St. Petersburg geboren, lebte seit 1923 in der französischen Hauptstadt, nachdem er bereits als Sechzehnjähriger in einem Panzerzug der Weißen Armee am russischen Bürgerkrieg teilgenommen hatte.

Mit einer Episode aus diesem Krieg, als Proust'sches Eintauchen in die Vergangenheit in Szene gesetzt, beginnt auch das Buch: „Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“

Dass es der einzige Mord gewesen sei, zeigt schon, mit welchen Traumata die oft blutjungen Soldaten aus dem Krieg gegen die eigenen Landsleute zurückkehrten – wenn sie denn zurückkehrten. Die Entfremdungserfahrung der Emigration, die oft katastrophalen Lebensbedingungen kamen noch hinzu: Gasdanow lebte einige Zeit auf der Straße und in der Pariser Metro, bevor er als Nachttaxifahrer Studium und Schreiben finanzieren konnte und schließlich, als Redakteur von Radio Liberty, 1971 in München an Lungenkrebs starb.

Der namenlose Erzähler ringt schwer mit seiner Vergangenheit, die ihn in Albträumen verfolgt und – schlimmer noch – zu einem Verlust der „normalen menschlichen Vorstellungen vom Wert des Lebens und von der Notwendigkeit der grundlegenden Moralgesetze“ geführt hat.

So weit, so existenzialistisch. Eines Tages aber bekommt der Erzähler ein englischsprachiges Buch in die Hände. Alexander Wolf heißt der Autor und in der Geschichte „The Adventure in the Steppe“ muss unser Held sein Erlebnis aus dem Krieg noch einmal lesen – nun aber aus der Perspektive des Ermordeten. Zugetragen hatte sich das Ereignis in Südrussland. Opfer und Täter waren sich zu Pferd in einem Wäldchen begegnet und hatten gegenseitig aufeinander gefeuert, der Dahingeschiedene zuerst. Nun scheint es, als ob dieser gar nicht gestorben sei, denn wie könnte die Geschichte sonst niedergeschrieben worden sein? Wer und wo ist dieser Alexander Wolf?

Der Erzähler, der als Journalist Nachrufe, Sportreportagen und Nachrichten über Kriminalfälle verfasst, viel lieber aber seiner einzigen Leidenschaft nachgehen würde, der Literatur, dieser Verlorene macht sich nun auf die Suche nach dem anderen Verlorenen, dem Phantom, seinem Spiegelbild. „Sie hätten besser zielen sollen“, entgegnet ihm der Verleger, als er die unglaubliche Geschichte hört. Alexander Wolf sei ein Abenteurer, ein Frauenverführer, ein manischer, unausstehlicher Trunkenbold.

Was ihn für unseren unglücklichen Helden jedoch so unwiderstehlich macht, zeigt sich in Wolfs Erzählung. Beide Männer wurden durch das Kriegserlebnis im Wald aus der Bahn geworfen, verloren ihre moralischen Maßstäbe und alle Zuversicht. Der eine scheinbar einen Mord auf dem Gewissen; der andere ein Fatalist mit Schuldgefühlen, weil er den Gegenspieler zum vermeintlichen Mörder gemacht hatte. Das Treffen der beiden wird zu einem existenzphilosophischen Duell.

Es steckt, um den Bogen zum Anfang zu schlagen, tatsächlich etwas Nabokovhaftes in Gasdanows Roman mit all seinen Fiktionen und Täuschungen, die massive Auswirkungen auf das reale Leben der Protagonisten haben, ja deren Leben eigentlich erst definieren. Doch auch Dostojewskis Moralexperimente und das Absurde bei Camus haben Einfluss auf Gasdanow ausgeübt. Wie schon in „Ein Abend bei Claire“ kommt im „Phantom des Alexander Wolf“ aber etwas Entscheidendes hinzu: die Gefühle.Denn Gasdanows Erzähler verfällt auf einer Boxveranstaltung der rätselhaften Jelena. Sie hat, wie könnte es anders sein, ebenfalls ihr Päckchen zu tragen: eine „unnatürliche Trennung von seelischem und körperlichem Leben“. Dass Jelena und Alexander Wolf eine gemeinsame, böse Vergangenheit haben, überrascht schließlich kaum. Für das neue Paar gibt es zwar ein Happy End – doch mit tödlichem Ausgang.

So ist Gasdanows Roman aus der Pariser Emigration, der in Russland erst in den Neunzigerjahren erschien, ein Werk mit allerlei gespaltenen und beschädigten Seelen, voll melancholischer Geister und Doppelgänger, die angetrieben werden von philosophischen Fragen. „Doch vergessen wir nicht die Liebe“, hat Viktor Jerofejew eingeworfen, einer der führenden Autoren im heutigen Russland und großer Fan von Gasdanow. „Als ein Geschenk für den Leser erweist sich das zarte Gewebe des Romans selbst, in dessen Falten, ungeachtet aller Schrecken des Lebens, die Wärme des menschlichen Daseins bewahrt bleibt.“

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