Buchmesse

Mehr als nur ein Hashtag?

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Auf dem Podium stehen die Verdienste der #MeToo-Debatte zur Diskussion. Mehr als einmal ertönt tosender Applaus.

Die Medien berichten jetzt seit einem Jahr über #MeToo. Da ist es wohl das Mindeste, auch mal bei sich selber zu gucken und zu sagen: Was ist denn bei uns eigentlich los?“ Es war der Satz, für den es am Samstagnachmittag beim Streiterinnen-Podium auf der Buchmesse nach nur wenigen Minuten den ersten tosenden Applaus gab. Es sollte nicht der letzte bleiben. Ausgerechnet die „Spiegel“-Kolumnistin und Journalistin Margarete Stokowski hielt es für überfällig, dass die vor einem Jahr durch den Hashtag „MeToo“ ausgelöste Debatte um nach wie vor grassierenden Sexismus und sexuelle Übergriffigkeit endlich auch in dem Hamburger Medienhaus zu einer Nabelschau geführt hat.

Zur Diskussion gestellt hatte FR-Chefredakteurin Bascha Mika, die das gemeinsame Podium von ARD, FR und Buchmesse mit dem Titel „#metoo – und jetzt?“ auf der ARD-Bühne moderierte, die aktuelle „Spiegel“-Sonderausgabe. Darin wird unter dem Titel „Frauenland“ auch der Sexismus im eigenen Haus untersucht. „Es gibt ja diese alten Medienhäuser, wo man weiß, da sitzen immer noch Männer von der alten Sorte – und mehr, als eigentlich gut wäre“, erklärte Stokowski, die als freie Journalistin für verschiedene Medien arbeitet. Als Verfechterin der Anliegen von #MeToo und der zugehörigen Diskussion um männliche Machtdominanzen stoße sie nicht immer auf offene Türen: „Man kriegt schon mit, wenn man mit den Leuten zusammenarbeitet, dass es teilweise sehr gespalten ist – nicht allein beim ‚Spiegel‘.“

Besser spät als nie, kommentierte auch die zweite Mitstreiterin, die Künstleragentin Heike-Melba Fendel, die Nabelschau des „Spiegel“. Zum bahnbrechenden Erfolg des Hashtags MeToo, der seit den vor einem Jahr bekannt gewordenen Übergriffen des US-amerikanischen Medienmoguls Harvey Weinstein weltweit von unzähligen Frauen in den sozialen Medien gepostet wird, sagte Fendel aus Erfahrung: „Es geht um Sex, es kam aus Hollywood, es waren viele gut aussehende, sehr prominente Frauen. Und es gibt in der Medienlandschaft zwei Dinge, die sich gut verkaufen lassen: Sex und Celebrity.“

Frauen fingen an zu sprechen

Umso größer sei der Verdienst des Hashtags freilich, da ihn sich auch Frauen zu eigen gemacht hätten, die eben keine Prominente sind. „Es braucht manchmal jemanden, der das Licht anmacht“, sagte Fendel. So seien mit #MeToo „wirklich wichtige und gute Dinge entstanden und möglich geworden: dass nämlich viele Frauen angefangen haben zu sprechen“. Dennoch rate die Künstleragentin ihren Schauspielerinnen eher zur Vorsicht beim Öffentlichmachen möglicher sexueller Übergriffe: „Ich finde, sie sollten nicht erzählen, was ihnen widerfahren ist, weil ich der Meinung bin, dass man damit eine Tür aufmacht in eine Privatisierung.“ Außerdem wolle sie der „Bild“-Zeitung nicht die entsprechenden Schlagzeilen gönnen, für die das Boulevardblatt am Tag zuweilen dutzendfach hinterhertelefoniere.

Stokowski hält die „Bild“ zwar auch „immer für das falsche Medium“, um persönliche Sexismuserlebnisse öffentlich zu machen – und erntete wieder viel Applaus dafür. Im Grundsatz widersprach sie Fendel aber: „Man kann der Welt schon zumuten, was die Realität ist. Und es ist ja auch so, dass mit der Masse der Erzählungen die Einzelnen gar nicht mehr so besonders sind.“ Außerdem gäben Frauen, die gedemütigt worden seien und darüber öffentlich redeten, ein „ethisches Signal des Sprechens“ ab. „Und die andere Seite ist die Verantwortung, die sich aus dem Zuhören dieser Geschichten ergibt.“

Bei allem, was #MeToo an Positivem in Gang gebracht habe, sah die Künstleragentin hingegen auch die Gefahr einer Abnutzung: „Je mehr man darüber redet, desto weniger kann es am Ende verändern, eben weil man ständig darüber redet.“ Nur dass es eine Veränderung braucht – da waren sich beide Diskutantinnen einig.

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