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George Eliot, hier nach dem Porträt von François D’Albert Durade. „Einem solchen Geist war alles Gewinn“, schrieb Virginia Woolf.  

George Eliot

Die Lust am Tabubruch

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Zum 200. Geburtstag George Eliots, der freien und immer freieren Schriftstellerin – und Kulturvermittlerin zwischen Englischem und Deutschem.

Es begab sich in Homburg vor der Höhe. Dort verlor am Spieltisch nicht nur Dostojewski Hab und Gut und Paletot. Auch fand sich dort wiederholt George Eliot, alias Mary Anne Evans, mit ihrem Lebensgefährten ein, dem unglücklich verheirateten Homme de Lettres, Kritiker, Philosophen und Goethe-Biografen, George Henry Lewes, um die spielsüchtige Welt zu beobachten. In dieser Welt des materiellen Frevels fiel ihr die Großnichte Lord Byrons auf, die 26-jährige „Miss Leigh“, die am Roulettetisch in Homburg auf ihren finanziellen Ruin zuspielte. Eliot notierte, Miss Leigh sei „der traurigste Anblick“ gewesen, „vollständig in den Klauen dieses bösen, geldscheffelnden Dämons. Ich musste weinen, als ich ihr junges Gesicht zwischen den alten Vetteln und rohen, dummen Männern sah.“ Diese „englische Rose“ welkte wie im Zeitraffer am Homburger Spieltisch. Eliot bezeichnet den Ort schlicht als mondäne „Hölle“ und Symbol menschlicher Verworfenheit.

George Eliot sammelte seinen Stoff in Baden-Baden

Von hier aus kutschierte sie ins nahe Frankfurt, leistete sich ein Cape aus Astrachan mit Muff, suchte das Judenviertel auf und fahndete nach jüdischer Literatur. Schon vor dem Erfolg ihres Romans „Middlemarch“ konnte sie sich einiges leisten, wobei sie anders als Dostojewski oder ihre neue Protagonistin, Gwendolen Harleth, ihre Einkünfte nicht auf rotierende Zahlen im Spieltisch setzte, sondern in gewinnträchtige amerikanische Eisenbahnaktien anlegen ließ.

Gern zitiert man Martin Amis und Julian Barnes, die angeblich George Eliots „Middlemarch“ für den größten auf Englisch geschriebenen Roman halten, eine Charakterisierung, die unsinniger nicht sein könnte. Als gäbe es das, den „größten Roman“ – ausgerechnet im überreichen Romangut im Englischen, nein, „Middlemarch“ ergeht sich eher in gepflegter Langeweile, plätschert meist dahin, wagt weder inhaltlich noch stilistisch viel, auch wenn sich Eliot darin einmal mehr als eine Meisterin des Verwebens von Einzelschicksalen zeigt. Und an einer Stelle der deutschen Sprache huldigt, dort nämlich, wo der Erzlangweiler und Scheingelehrte Casaubon zu hören bekommt, dass er nicht auf der Höhe der Zeit in der (philologischen) Wissenschaft sein könne, weil er des Deutschen nicht mächtig sei.

George Eliot von traditionellen Erzählmustern emanzipiert

Nein, es war in Baden-Baden und Homburg, wo George Eliot Stoff sammeln konnte, der sich in ihrem finalen Meisterwerk, „Daniel Deronda“ (1876), verdichten sollte. Wir erleben darin nicht nur die alles in Gang setzende Spielerszene in Leubronn, einer Synthese aus Baden-Baden und Homburg, sondern auch die jüdische Welt Londons, einschließlich des moribunden zionistischen Visionärs Mordecai und des jüdisch-deutschen Musikers Julius Klesmer, einer Kreuzung aus Richard Wagner und Anton Rubinstein.

Thematisch und erzählerisch wagte Eliot in diesem großen Schlussstück ihres Werkes noch einmal alles, was ihr an stilistischem Können und motivischen Möglichkeiten zu Gebote stand. Was sich in ihrem etwas bemüht wirkenden Ausgreifen in die florentinische Renaissance im Roman „Romola“ (1862/63) angekündigt hatte, vollzog Eliot mit stilistisch-kompositorischer Meisterschaft in „Daniel Deronda“, mit dem sie sich endgültig von der provinziellen Welt Mittelenglands verabschiedet hatte, die sie in den Romanen „Mill on the Floss“ (1860), „Adam Bede“ (1859) und „Silas Marner“ (1861) verewigen konnte. In ihrem Zionisten Mordecai jedoch zeigen sich Spuren einer politischen Radikalität, wie sie diese in Gestalt ihres „Felix Holt“ (1866) vorgeführt hatte.

Roman um Roman hatte sich George Eliot von traditionellen Erzählmustern emanzipiert und in das eingeschrieben, was man allzu summarisch die „literarische Moderne“ zu nennen pflegt. Schon die frühe Virginia Stephen, spätere Woolf, nahm an Eliot Maß. Als sie sich im Dezember 1904, ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters, Leslie Stephen, mit ihrer Schwester Vanessa im Londoner Stadtteil Bloomsbury am Gordon Square Nummer 46 einrichtete, stellte sie auf dem Kaminsims ihres „eigenen“ Zimmers eine gerahmte Briefseite von George Eliot auf, die sich im Besitz ihres Vaters befunden hatte. Der bedeutende viktorianische Privatgelehrte hatte 1902 in der Reihe „English Men of Letters“ eine Biografie von George Eliot vorgelegt, die zweite, nachdem ihr Mann, J. W. Cross, eine Lebensbeschreibung der Schriftstellerin, gestützt auf ihre Briefe und Tagebücher, bereits vier Jahre nach ihrem Tod (im Dezember 1880) unternommen hatte. Geheiratet hatten sie im Mai von George Eliots Todesjahr; die Hochzeitsreise hatte Venedig zum Ziel, wo sich jedoch der um Jahrzehnte jüngere Cross von ihrem Hotelbalkon in den Canal Grande stürzte. Er überlebte, um sich alsbald schon um den Nachruhm seiner mit 61 Jahren an Diphterie und Nierenversagen verstorbenen Frau zu kümmern und zu profitieren. Zwei Jahre zuvor war der (verheiratete) Mann ihres Herzens und Geistes, George Henry Lewes, verstorben, mit dem Eliot seit 1854 offen zusammenlebte, sehr zum hypokritischen Missfallen der viktorianischen Gesellschaft.

Mary Anne Evans’ anstößigem „Lebenswandel“ war es auch geschuldet, dass man ihr, der namhaftesten Schriftstellerin des Viktorianismus und so berühmt wie Dickens und Thackeray, ein Begräbnis im Poets’ Corner in der Westminster Abbey versagte. Stattdessen wurde sie auf dem Highgate Cemetery bestattet, wo ganz in ihrer Nähe Karl Marx und der liberale Philosoph Herbert Spencer, mit dem sie eine intime Freundschaft verband, ihre letzte Ruhe finden sollten.

George Eliot von Nietzsche denunziert

Zum hundertsten Geburtstag George Eliots (am 22. November 1919) verfasste dann Virginia Woolf, wohl noch immer den gerahmten Brief ihrer großen Vorgängerin vor Augen, einen Gedenkartikel im „Times Literary Supplement“. Darin findet sich der seither in zahlreichen Würdigungen dieser Schriftstellerin zitierte Befund: „Einem solchen Geist war alles Gewinn. Alle Erfahrungen wurden von einer Wahrnehmungs- und Reflexionsebene zur anderen gefiltert, diese bereichernd und mit neuer Nahrung versorgend.“ Woolf sah in Eliot die Vertreterin einer „melancholischen Tugend der Toleranz“. Ihre Sympathien, so Woolf weiter, „gehörten dem Alltäglichen, den häuslichen Leiden und Freuden des Gewöhnlichen“. Sie habe sich eine „Romanze mit dem Vergangenen“ gestattet, dabei aber den Sinn für das Lebenspraktische nie verloren.

Von Thomas Carlyle, Samuel Taylor Coleridge, Henry Crabb Robinson und Sarah Austin einmal abgesehen, hat sich kein britischer Literat, keine britische Literatin im 19. Jahrhundert so intensiv mit deutscher Kultur und Lebensart auseinandergesetzt wie George Eliot. Sie kannte Sitten und Gebräuche zwischen Berlin und München, Weimar und Baden-Baden, verstand sich auf Philosophie und Wissenschaft, wie sie in deutschen Landen betrieben wurde, hatte Sinn für Heinrich Heines Werk, wagte schon früh David Friedrich Strauß’ „häretische“ Jesus-Biografie ins Englische zu übersetzen (1846), gar Ludwig Feuerbachs noch häretischere Schrift „Das Wesen des Christentums“ (1854). Und das als künftige Autorin der „Scenes of Clerical Life“ (1857), die das von der anglikanischen Kirche (und ihren „Abtrünnigen“) geprägte Leben in ihrer Heimatregion schildern würde, das Mittelengland um Nuneaton und Coventry in der Grafschaft Warwickshire – eine Art Gottfried Keller’sches Seldwyla des Nordens, nur weniger komisch.

Virginia Woolf hatte ihr das Talent zum Satirischen schlicht abgesprochen, dafür habe ihr die Gewitztheit gefehlt, die quirlige Wendigkeit im Denken. Sie habe dagegen die vielen Elemente des Menschlichen in ihren Romanen wie in einem großen Strauß zusammengebunden und jedes Einzelne atmen und gelten lassen.

Lust am Tabubruch

Friedrich Nietzsche hatte zur Abwechslung daneben gezielt, als er George Eliot in der „Götzen-Dämmerung“ als ein „Moral-Weiblein“ denunzierte. Zwar traf sein Befund haargenau die viktorianische Doppelbödigkeit, wenn er sagte, Engländer wollten den christlichen Gott los haben, glaubten aber, „um so mehr die christliche Moral festhalten zu müssen“; doch gerade für diese scheinheilige Haltung lieferte George Eliot das unbedingte Gegenbeispiel.

Überhaupt fällt George Eliots kritisch-politisches Bewusstsein auf, das sich etwa darin zeigte, dass sie sich 1868 mit dem Reformpolitiker Richard Cosgreve gegen die imperiale Art wandte, mit der die britische Regierung Irland behandelte und sich für die Selbstverwaltung Irlands, die sogenannte Home Rule, einsetzte. Wer von ihren Schriftstellerkollegen im damaligen England hätte Vergleichbares getan?

Lesen Sie hier die Besprechung zu: Franz Doblers „Ein Schuss ins Blaue“: Sicher ist hier gar nichts

Als erzählende Kulturvermittlerin zwischen Englischem und Deutschem sehen wir George Eliot heute als eine im englischen Literaturkanon singuläre Erscheinung, die ihre unmittelbare Entsprechung in Theodor Fontane hatte, freilich ohne dessen lakonischen Causerie-Ton. Mit ihrem anderen unmittelbaren europäischen Zeitgenossen, Gustave Flaubert, teilte sie die Lust am Tabubruch, ohne dass sie dessen Sprachsinnlichkeit hätte erreichen können oder wollen. Die Schärfe ihrer Intellektualität beschämte manchen Kritiker; die Kunst ihres Erzählens lässt uns noch heute staunen.

Der Autor  ist Literaturwissenschaftler und lehrt seit 2004 an der Queen Mary University of London.

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