Meena Kandasamy, die vor ihrem Mann geflüchtet ist und ihren Stolz behalten hat.
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Meena Kandasamy, die vor ihrem Mann geflüchtet ist und ihren Stolz behalten hat.

Roman „Schläge“

Meena Kandasamy „Schläge“: Auch das ist ihre Rache

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Meena Kandasamys autobiographischer, ganz erstaunlicher Roman „Schläge“.

Sie beginnt ihre Geschichte mit ihrem verlausten Haar und mit ihren schmutzigen, verhornten Füßen. Denn das war es, was ihre Mutter am meisten entsetzte, als es ihr gelungen war, zu ihren Eltern zu flüchten. Noch fünf Jahre später spricht ihre Mutter über das Haar und die Füße, über das andere spricht sie nicht. Das andere: dass ihre Tochter geschlagen wurde, vergewaltigt wurde, dass schließlich ihr Ehemann damit drohte, sie umzubringen. Fünf Jahre nach ihrer Flucht erzählt Meena Kandasamy ihre Geschichte und nennt es mit Absicht einen Roman. „Wenn Sie dieses Buch lesen, achten Sie auf die reine Kunstfertigkeit, die hier am Werk ist“, schreibt eine gewisse Deepa D., die offenbar anonym bleiben will (womöglich ist auch sie eine vor männlicher Gewalt Geflüchtete) im ebenfalls kunstfertigen Nachwort.

Meena Kandasamy, geboren 1984 im indischen Chennai, inzwischen in London lebend, hatte zwei Gedichtsammlungen veröffentlicht und den Roman „The Gypsy Goddess“, ehe 2017 im englischen Original „When I Hit Her“ erschien, nun übersetzt als „Schläge“ bei CulturBooks; den Untertitel „Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“ gibt es auch im Original und er spielt an auf Dylan Thomas’ „Porträt des Künstlers als junger Hund“.

Meena Kandasamy besteht darauf, auch mit diesem Buch ganz Profi zu sein, ihren Beruf auszuüben: Schriftstellerin. Sie unterläuft mit erheblichem und originellem ästhetischem Gestaltungswillen alle Erwartungen, die der Bericht einer geschlagenen Frau erst einmal weckt. Von den zwei Langgedichten ähnelnden Aufzählungen über sich und die Männer, die sie verlassen haben, bis zur Satire, bis zur Komödie (das Gejammer ihrer Mutter über die Läuse), so formt sie zwischendurch ihre Geschichte.

Meena Kandasamy: Schläge. Roman. A. d. Engl. v. Karen Gerwig. CulturBooks, Hamburg 2020. 264 S., 22 Euro.

Spitzt sie zu, geradeheraus. Bekennt sich dazu, die erzählerische Regie übernommen zu haben und sie auch behalten zu wollen. Besteht darauf, eine Künstlerin, eine Schriftstellerin zu sein, das Nachwort nennt sie auch eine „Kamerafrau“. Zweifellos ist „Schläge“ ein literarisches Werk, gleichzeitig eine Selbstvergewisserung: „Ich bin hart, schroff, streng. (…) Ich bin antizerbrechlich. Ich bin dazu gemacht, nicht zu brechen.“ Gleichzeitig eine Reinigung, eine Therapie: „Im wortgemachten Körper bin ich unbesiegbar.“

Meena Kandasamy ist eine selbstbewusste junge Frau, Kind gebildeter Eltern und bereits mit „unverschämten“ Gedichten hervorgetreten, als sie bei der Organisation einer Kampagne gegen die Todesstrafe den Mann trifft, den sie heiraten wird. Wie sie ihn beschreibt, kann man, kann frau sich diesen Typ Mann sofort vorstellen, auch seine Anziehungskraft: Collegedozent und „so weit links, wie es nur ging“. Ein Idealist, Kommunist, ein Revolutionär, ein einstiger stattlicher Guerilla-Kämpfer, der nun seine „Outlaw-Pose mit Charme“ trägt. Einer, der die Welt unbedingt besser machen will und von Kameradschaft spricht. „Ich sei bereit zu lernen, sagte ich.“

Doch sobald sie verheiratet sind und zusammenwohnen in Primrose Villa, macht er sich an ihre Umerziehung – spöttisch nennt es Meena Kandasamy „,Kommunismus für Anfänger‘ (den Ehekurs)“. Er löscht alle ihre Mails. Nimmt ihr das Handy weg, erlaubt ihr das Telefonieren nur in seiner Gegenwart. Die gequälte Frau aber ringt sich, ringt der Sprache hier nun einen Abstand ab, der erstaunlich ist. Sie blickt wahrhaftig von erhöhter Warte auf das, was ihr zugestoßen ist, sogar von ihrer Angst tritt sie einen Schritt zurück, als er sie gegen die Wand stößt und würgt, als er den Fuß auf ihr Gesicht setzt. Als er mit dem Messer droht: Ich bringe dich um.

Sie aber schreibt mehr über Liebhaber und Männer im Allgemeinen als über ihn. Auch das ist ihre Rache. Und es ist eine, die sie kalt oder zumindest kühl und trotzig genießt. Sie zeigt ihre Narben, aber mit dem Hinweis für andere Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden: Seht her, ich habe überlebt, indem ich ihn überlistet habe, indem ich eine fabelhafte Schauspielerin war. Perfekt gibt sie nämlich zuletzt die Demütige, während sie ihre Flucht mit einer Autorikscha plant – mit der Kommunisten selbstverständlich nicht fahren, die nehmen den solidarischen Bus.

Meena Kandasemy erzählt, wie peinlich es nach ihrer Rückkehr ihren Eltern ist, dass sie „kein gutes Hindumädchen“ aufgezogen haben. Und wie das College keinen Ärger will, immerhin aber nach einer „internen Untersuchung“ ihren Mann bittet, selbst zu kündigen. Der dann an ein anderes College geht. Der dann nach Südafrika geht, wo er für die indische Justiz unerreichbar ist, dort unterrichtet und sich vielfach antiimperialistisch engagiert. „Seine Fachgebiete beinhalten auch Sexualität und Maskulinität.“ Seine Anwälte werfen ihr im Scheidungsantrag „Ultrafeminismus“ vor.

Sie versichert, dass es ihr nur um die Liebe gegangen sei, dass sie immer noch an die Liebe glaube. Im Roman steht „Für Cedric“, so wird auch das wahr sein.

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