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Das ist Roboter Han, einerseits schick, andererseits ziemlich entblößt. Ian McEwans Adam ist da weiter.

Ian McEwan

„Maschinen wie ich“: Der moralische Laptop

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Ian McEwans raffinierter Roman „Maschinen wie ich“ erzählt von den Dilemmata Künstlicher Intelligenz.

Es ist das Jahr 1982. Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher schickt Truppen – Zerstörer, Fregatten, einen Flugzeugträger – zu den Falklandinseln, in einen Konflikt mit Argentinien. „Der Verlust an Menschenleben ging in die Tausende.“ Dies fast nur auf britischer Seite. In Argentinien jubelt die Junta, und die Falklands heißen von nun an Las Malvinas. Thatcher bietet ihren Rücktritt an. Ihr Labour-Nachfolger Tony Benn wird, kaum ist er Premier und möchte Großbritannien aus der Europäischen Union führen, in einem Hotel in Brighton von einer Bombe getötet. Und ein junges Paar, Charlie und seine Nachbarin, dann Freundin Miranda, streitet über politische und moralische Fragen. Bis die beiden wieder vor allem Adam in Atem hält, 85 Kilo schwer, eine Buchse im Bauchnabel und 86 000 Pfund teuer.

Die Historie wird man anders erinnern. Ian McEwan, einer der abenteuerlustigsten und hinterlistigsten englischen Schriftsteller, spielt mit den Möglichkeiten anderer Abzweigungen und hat die Geschichte der 80er in seinem jüngsten, heute auf Deutsch erscheinenden Roman „Maschinen wie ich“ etwas umgeschrieben; allerdings eben nicht bis zur Unkenntlichkeit. Er lässt das einerseits immer wieder vertraute Großbritannien andererseits auf einigen technologischen Gebieten um Jahrzehnte fortgeschrittener sein – sprechende Kühlschränke, 400 km/h schnelle Züge und nicht zuletzt sehr menschlich wirkende Roboter mit bestechender Künstlicher Intelligenz.

Dies vor allem dank eines immer noch quicklebendigen Alan Turing, des genialen Mathematikers und Informatikers, nach dem heute der Turing-Test zum Überprüfen des Vorhandenseins von Künstlicher Intelligenz benannt ist. (In der Realität nahm Turing sich 1954 das Leben.) Auch er hat sich in McEwans Roman übrigens ein Exemplar aus der ersten hochentwickelten Roboter-Produktionsreihe gekauft, in der es nur 12 Adams und 13 Eves gab. Die Eves waren sofort ausverkauft. Auch Charlie hätte lieber eine gehabt, was ihm von Miranda noch ein paarmal vorgeworfen werden wird.

So entsteht eine Dreiecksbeziehung – ein bisschen kann man sich an Truffauts „Jules und Jim“ erinnert fühlen – zwischen Charlie, der den freundlichen Nachnamen Friend trägt, Adam und Miranda (ja, man darf an Shakespeares „Sturm“ denken). Denn nachdem Adams Batterien aufgeladen sind, nachdem Charlie Miranda überreden konnte, die Hälfte der Entscheidungen bezüglich seines Wesens zu treffen, denn nein, es ist keineswegs alles ab Werk voreingestellt, danach also bekommt es Charlie zunehmend mit der Angst angesichts dieser „Glanzleistung von Ingenieurskunst und Softwaredesign“. Wie geschmeidig sich Adam anzieht, sogar die Socken, wie er bald parlieren und auch einen Laut von sich geben kann, „das Geräusch eines Mannes, der sich absichtlich räuspert“ – um diskret auf seine Anwesenheit hinzuweisen.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Roman. A. d. Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2019. 406 S., 25 Euro.

Es wird gespenstischer kommen (bei weitem nicht alles wird hier verraten, glauben Sie mir). Thrillermotive entwickeln sich, nachdem Adam geschafft hat, den Notfallschalter unter seinem Haaransatz zu deaktivieren. Er hat sich außerdem in Miranda verliebt. Und die hat mit ihm geschlafen, aus Neugierde, und fand es toll. Während Charlie natürlich eifersüchtig ist und nicht mehr weiß, was er glauben soll. Sein Verstand sagt ihm, dass selbst eine Maschine, die klüger ist als er und sich für die Geliebte Gedichte ausdenkt – ausdenkt, echt? –, keine Gefühle haben kann. Aber dann sind da die Momente, in denen Charlie plötzlich meint, Adams „Privatsphäre“ zu verletzen. Oder dass Adam wahrhaftig und selbst mit diesen seltsamen Augen mit den stabförmigen Einschlüssen in der Pupille sehen kann – nicht nur filmen.

Das große Problem mit Adam, der verdammt weit entwickelten Maschine, wird aber später aus einer ganz anderen Ecke als der der unpassenden Gefühle kommen: Er hat offenbar – von Miranda? – eine sehr moralische, nun ja, Einstellung erhalten. Er ist nicht in der Lage, Kompromisse einzugehen. Er ist wahrscheinlich auch gar nicht in der Lage, diese fehlerhaften Menschen zu verstehen. „Was wollt ihr denn für eine Welt?“, sagt Adam, „Eine, in der Rache herrscht oder Recht? Die Wahl ist einfach.“ Und Miranda seufzt: „Ach, Adam, da ist die Tugend wirklich mit dir durchgegangen.“

Zweifellos geht sie mit ihm durch; und die Lebenspläne seiner beiden Besitzer („Besitzer“?) zerbröseln. Adam reitet Miranda rein, die er doch zu lieben vorgibt (neue Frage: kann ein Roboter heucheln?), er gefährdet damit ein Adoptionsverfahren, an dem das Herz der jungen Frau hängt. Er verteilt außerdem das Geld, das er an der Börse „verdient“ hat, für wohltätige Zwecke. Charlie ist mächtig wütend auf „diesen Laptop auf zwei Beinen“, den Miranda und er ja willkommen geheißen haben, bald die Grenze zwischen „es“ und „er“ zu ihrem Schaden überschreitend.

Die Dilemmata, moralische und philosophische, vor die eine formidable Künstliche Intelligenz einen Menschen stellt, flicht Ian McEwan höchst raffiniert in den Roman, auch wenn er sich in mancher (rein menschlichen) Nebenhandlung etwas verzettelt. Man könnte sagen, er folgt in Sachen KI dem Prinzip, der Leserin immer wieder ein Stückchen Gewissheit oder auch nur Vermutung unter den Füßen wegzuziehen. Die versucht sich, wie Ich-Erzähler Charlie, ein netter, aber ein wenig naiver Kerl, Mal um Mal wieder zur Räson zu rufen: Hier ist von einer Maschine die Rede. Punkt. Aber McEwan sät den Zweifel, Samenkorn um Samenkorn. Und zieht die Linie zwischen Mensch und Maschine zuletzt ganz woanders, als man hätte meinen können.

Er stellt auch die Frage, ob nicht die KI zum Opfer werden, ob ihr nicht Unrecht geschehen kann – weil sie die Widersprüche nicht erträgt, die die meisten Menschen ziemlich problemlos aushalten. Charlie Friend erfährt bald – indem er den bewunderten Alan Turing besucht –, dass bereits einige Eves sich das Leben genommen haben, oder eigentlich: das „Leben“. Dass andere aus dieser Produktionsreihe ihr Programm mit einer Art Alzheimer infiziert haben. Dass auch ein brillanter schwarzer Roboter-Pianist „Selbstmord“ begangen hat. Turing hat dessen Kopf rumstehen, um ihn zu untersuchen. Der besorgte Charlie lässt sich von Adam versichern, dass er keinerlei Selbstmordgedanken habe.

Die Künstliche Intelligenz kommt mit dem unkünstlichen Leben nicht klar: das ist eine großartige Wendung. Und nur eine aus einer Reihe von Überraschungen. Da sieht man Ian McEwan nach, dass er vor lauter Freude an seinen eleganten Schachzügen es doch mit den literarischen Anspielungen dabei ein wenig übertreibt.

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