Ringer in Karapelit - Anhänger des bulgarischen Volkssports haben sich andernorts zu schlagkräftigen Mafiabanden formiert.
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Ringer in Karapelit - Anhänger des bulgarischen Volkssports haben sich andernorts zu schlagkräftigen Mafiabanden formiert.

Sachbuch

McCops dringend benötigt

Junkfood ist gar nichts dagegen: Misha Glenny über "Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens".

Von MARIO SCALLA

Im Grunde ist der Titel dieses Buches der reine Euphemismus. Die wohlbekannten Burger haben sicherlich einen zweifelhaften Ruf. Doch gegenüber dem, was der BBC-Journalist Mischa Glenny auf seinen Reisen um die Welt über den Handel mit Waffen, Drogen, Frauen, Zigaretten, Luxusautos, kurz, allem, was Extraprofite abwirft, herausgefunden hat, scheint das Junkfood ausgesprochen leicht verdaulich zu sein.

Glenny beschreibt eine finstere Welt, bevölkert von Typen, die der durchschnittlich zivilisierte Weltbewohner lieber auf einem anderen Planeten sähe als mitten unter uns. Schmuggel mit Waffen, Drogen, Luxusgütern gibt es seit Jahrhunderten, er gehört zur Kulturgeschichte wie die sieben Todsünden. Was Glenny "McMafia" nennt, ist jedoch neu und sprengt bisherige Dimensionen. Die Zeit der großen Unternehmen oder Kartelle ist vorbei, der Markt funktioniert eher wie Ebay: Alles ist jederzeit verfügbar, zahlreiche flexibel operierende Anbieter konkurrieren miteinander.

Regionale Eigentümlichkeiten

Glenny beginnt seine Reise durch die Welt des Verbrechens dort, wo er lange Jahre als Korrespondent für den Guardian und die BBC tätig war: in Süd- und Osteuropa. Er beschreibt den Zerfall der Staaten und die Entstehung krimineller Organisationen, die teilweise an deren Stelle treten, sich aus den alten Geheimdiensten rekrutieren und auf zuweilen bizarren regionalen Eigentümlichkeiten basieren.

In Bulgarien etwa gibt es so viele Ringer wie hierzulande Fußballspieler. Während des Zerfalls staatlicher Institutionen okkupierten schlagkräftige Ringerbanden die Ökonomie, indem sie den Im- und Export vieler Waren kontrollierten - zu einem bescheidenen Aufpreis. Sehr wirkungsvoll war auch eine Idee russischer Entrepreneure. Sie liehen sich kurz nach dem Kollaps der Sowjetunion vom russischen Staat Geld zu einem geringen Prozentsatz. Da aber der russische Staat klamm war, liehen sie diesem ihrerseits Geld - zu einem deutlich höheren Zinssatz.

Glennys Reise geht weiter, nach Afrika, Indien, Nord- und Südamerika. Ein paar Ausschnitte aus einem großen Puzzle: In Nigeria ist die Internetkriminalität verbreitet, desgleichen der Handel mit Kokain. Eines der größten illegalen Geschäftsfelder der Welt ist der Handel mit chinesischen Wanderarbeitern. Im Kongo wird alles gehandelt: Gorillas, Holz oder Diamanten werden problemlos in die legalen Kreisläufe eingespeist. Sehr fraglich wird bei diesen Beschreibungen, ob es sich, wie Bill Clinton meinte, wirklich nur um die "dunkle Seite der Globalisierung" handelt oder nicht vielmehr um eine globale Welt, in der selten klares Schwarz und Weiß, viel öfter nebliges Grau dominiert.

Die Details dieser dreisten Schiebereien sind teilweise so unglaublich wie simpel. Oft ist im Spätkapitalismus von hochkomplexen Finanzderivaten die Rede, die selbst Insider kaum durchschauen. Zur spätkapitalistischen Ökonomie gehört aber auch die Regression, der Rückfall in den ordinären Raub, inklusive Menschenraub. Was Glenny über den Mädchen- und Frauenhandel auf dem Balkan berichtet, wie entlang gerade von Deutschen viel befahrener Straßen Hotels errichtet werden, Frauen dorthin geschleust, vergewaltigt und gefangen gehalten werden, ist schlicht ungeheuerlich.

Selten hat das Wort "Deregulierung" einen so üblen Nachgeschmack wie in diesen Beschreibungen. Lokale Behörden sind meistens hoffnungslos überfordert. Es gibt die McMafia, aber keine McCops, die flexibel und auf der Höhe der Zeit das Verbrechen bekämpfen können.

"McMafia" ist kein Standardwerk wie Moses Naims "Schwarzbuch des globalisierten Verbrechens"; ihm fehlt die theoretische Durchdringung der neuen Verbrechenswelten, und der Autor beschreibt auch nur ansatzweise, wie legale und illegale Ökonomie zusammenhängen. Aber Glenny ist nahe am Geschehen, er hat mit vielen Beteiligten, Kriminellen wie Polizei, gesprochen und liefert einen eindrucksvollen und anschaulichen Bericht von einer Reise in die Finsternis, die nicht weit von unserer Haustür beginnt.

Misha Glenny: McMafia. Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens. A.d. Engl. v. Sebastian Vogel. DVA 2008, 528 Seiten, 24,95 Euro.

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